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Wöchentliche Geilage der Gberkesfifchen GolkLAeitung
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Siesien, ffceitcg Sen 20 . März 1914.
6. Jahrgang
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Die Arauenemanzipalion zur Zeit der französischen Devolution.
-7. Z. Die große französische Revolution verursacht noch heute dem bürgerlich-ideologischen Schriftsteller am Hellen Tage blutrote Träume. Er sieht in der ganzen Erhebung überhaupt nichts weiter als eine große Enthauptungsorgie und die geschichtlichen Zusammenhänge erschöpfen sich im Mitleid mit dem unglücklichen, heroischen Königspnar. Aehn- liche geschichtliche Vergewaltigungen müssen sich die Frauen, die sich an der Erkämpfung der bürgerlichen und Menschheits- Würde beteiligten, gefallen lassen. Daß aber gerade ine Frauencrhebuug jener Zeit, mit den Worten Schillers: „da werden Weiber zu Hyänen" sich nicht umschreiben läßt, weiß jeder, der die Geschichte der französischen Revolution nichl nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen und dem Verstände gelesen hat. Eine frisch lebendige Widerspiegelung des großen Dramas ersteht nun wieder vor unseren Augen in der Sammlung Eb. Büchners: „Das Neueste von Gestern", kulturgeschichtlich-interessante Dokumente aus alten deutschen Zeitungen (bei Albert Langen-Münchcn), dessen 4. und 8. Band die Zeit der französischen Revolution umfassen. Die Zeitungsnotizen und -Berichte entstammen vorwiegend der Vossischen Zeitung und geben, trotzdem die Distanz, die zwischen dem Reporter und den Ereignissen-so groß ist, wie überhaupt der Unterschied zwischen damaligen preußischen und französischen Freiheitsempfindungen, doch noch einen unmittelbaren Eindruck wieder. Für den Geschichtskenner nicht neu, aber doch nicht zu alt, um immer wieder sestgestellr zu werden, sind die Nachrichten über die ersten Regungen zur Befreiung der Frau. Diese ersten, impulsiven Auflehnungen gegen die Versklavung eines Naturrechts, die sich schon damals auch über die Grenzen Frankreichs reckten, finden eine gute Widerspiegelung in Pressenotizen der Buchnerschcn Saminlung. Darnach waren die Emanzi- pationsforderungen bei den Französinnen am politisch zielklarsten. Während z. B. 1788 man in Wien „dem weiblichen Geschlechts bürgerliche Freiheiten zum Schuhmachen, zur Schneiderei und anderen ihm anständigen Handwerken, um ledige Personen von Ausschweifungen abzuhalten", erteilen fvollte, erhob im Jahre 1790 in Paris in der Nationalvcr- sammlung eine Vertreterin des weiblichen Geschlechtes selbst die Forderung, die Frauen möchten auch zur Ableistung des Bürgcreidcs zugelassen werden. Im gleichen Jahre faßten mehrere Londoner Damen einen Beschluß, der ebensogut von den gegenwärtigen Suffragetten gefaßt sein könnte. Sie beabsichtigten nämlich 'ein Kaffeehaus zu etablieren, in dem schlechterdings keine Mannspersonen gelitten werden sollten. Eine konsequente Forderung stellten die französischen Frauen wiederum in der Nationalversammlung vom 1. April 1792. Vier ihres Geschlechtes beantragten dort: „daß dieses nicht mehr in Sklaverei gehalten, sondern ebenfalls zu öffentlichen Geschäften gebraucht werden möchte; ferner, daß man den Mädchen im 21. Jahre die Majorennität und den Frauen die Ehescheidung bewilligen möchte." Ebenso galant, wie rücksichtsvoll in der Sorge, die Frauen vor diesem Neuen, Ungewohnten zu bewahren oder davor, daß sie sich nach ihrer Kette zuriicksehnen würden, antwortete der Präsident: „Meine
Damen, die Franzosen werden in ihren Gesetzen die interessanten Gehilfinnen ihrer Arbeiten und ihres Patriotismus nicht vergessen, sie werden aber alles vermeiden, was ihnen Reue und Tränen verursachen könnte." Ein gleich konsequenter Wille spricht aus einer Bittschrift, die niehrece Frauen und Mütter der Nationalversammlung unterbreiteten, in welcher sie ein Gesetz forderten, das die Macht der Ehemänner und der väterlichen Gewalt begrenzen sollte. „Als Bürgerin", so lautete die Zeitungsnotiz, „fordern sie, ein Band zerreißen zu können, das zu einem unerträglichen Joche geworden sey. Zum Besten der Moralität verlangen sie die Vernichtung des ehelichen Despotismus, der die Treue mühsam mache, indem durch ihn eine Pslicht der Empfindung zu einem Gesetze der Sklaverei werde. Als Mütter fordern sie die Abschaffung der römischen Gesetze, denen zufolge ein tugendhafter Bürger, dessen Talente und Mut das Vaterland gerettet hatten, noch immer unter der Gewalt seines Vaters bliebe. Die Nationalversammlung hat diese Bittschrift an den Gesetzgebungsausschuß verwiesen."
Daß das überschäumende Jahr 1793 neben der Tapferkeit der Frauen auch manche Uebcrtreibungen gebar, liegt schließlich in der Natur der Sache. So wurde in Metz von einem jakobinischen „Wciberklub" der Antrag gestellt, alle sechzigjährigen und unfruchtbaren Frauen als unnütze Lasten der Erde kurzerhand zu guillotinieren. In der Sitzung deS Pariser Gemeinderates vom 19. November erschien eine Deputation von Weibern in roten Mützen. Diese an sich ungeAhrliche Tracht veranlaßte den Gemeindeprokurator zu folgender eheherrlichen Epistel. Er sagte: „Es ist schändlich, daß Weiber sich zu Männern umformen wollen. Soviel Ehrfurcht mau der Hausmutter, die ihre Pflichten erfüllt, schuldig ist: soviel Verachtung verdienen diese weiblichen Mißgeburten, welche die Volksgesellschaften durch das unanständige Schauspiel einer Tracht, die ihrem Geschlcchte nicht geziemt, stören. Wenn ich hierher komme" — setzte er hinzu —, so lasse ich meine Gattin zu Hause, die sich beschäftigt, meine Strümpfe und Hemden auszubessern; und wann ich wieder nach Hause komme, so sage ich: du hast soviel Hemden ausgeöessert und ich, ich habe soviel Requisitoria verfertigt." Ter Deputation wurde daraufhin das Wort nicht gegeben. —
Aber nicht allein allgemeine politische Rechte forderten die Frauen und sie gaben sich keinesfalls mit der Nationalkokarde zufrieden. Auch soziale Forderungen, die allerdings für uns heute nicht mehr die Wichtigkeit besitzen, wie für die damalige wirtschaftlich ganz anders geschichtete Zeit. Und so nimmt sich für den Gegenwartsmenschen die Forderung der Pariser: „Die Hausbcdienten männlichen Geschlechts
sollen abgeschafft werden, weil sie eigentlich nur Müßiggänger sind, die bei dem Ackerbau gute Dienste leisten könnten," fremder aus, als folgende Nachricht des gleichen Jahres aus London: „Seit einiger Zeit hat sich hier eine Gesellschaft vereinigt, um gute Dienstboten zu bilden, die hier immer selte- ncr werden, weil es der niedrigen Klasse an guter Erziehung fehlt und der Luxus sie häufig zu schlechten Handlungen verleitet. Jedes Mitglied zahlt jährlich eine Guinee, und hat das Recht, einen Dienstboten, welcher 3 Jahre einer Herrschaft treu und redlich gedient hat, der Gesellschaft zu einer Annuität zu empfehlen, welche mit den Jahren steigt, it£


