Ausgabe 
13.3.1914
 
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Wöchentliche Geilage der Oderksffischsn VolksZei-nng

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Liehen, ffccitog den lZ. März 1914.

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6. flnbcgong

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Die rote Woche.

Warum die Frauen für die Parteiorgani­sation gewonnen werden müssen und wie die roic Woche i» Oesterreich zu einer Wcrbc- woche für die Frauen ausgestaltct wurde.

Bo» Adelheid Popp -Wien.

Das Frnuengeschlecht stcht heute inmitten zweier An­schauungen: der einen überlieferten und unerzogenen, daß das Weib einen anderen Pflichtenkreis habe als der Mann, daß das weibliche Weib nichts mit den Rechten und Gewohn­heiten der Männer Gemeinsames haben dürfe; und der neuen Anschauung: daß die Frau zur denkenden und gleichberech­tigten Staatsbürgerin erzogen werden müsse. Gebieterisch' und ungeduldig drängend verladt'die zweite Anschauung, daß auch das weibliche Geschlecht befreit werden müsse aus der Geistesenge früherer Jahrhunderte. Bequem ist sicherlich der erste Standpunkt. Nur übersehen alle, die ihn vertreten, daß die veränderten Verhältnisse der Frau eine andere Stellung ausgezwungen haben. Dieser veränderten Stellung entspricht aber auch eine veränderte Anschauung. Da die Frau aus der Enge des häuslichen Wirkungskreises hinausgctrcten ist auf das Kampffelö, das früher nur des Mannes Vorrecht war, muß auch ihr Gedankengang eine andere Richtung nehmen, im eigenen und im Interesse der ganzen Klasse. Tie Frau ist nicht freiwillig voni häuslichen Herd geflohen, um ihn iihit dem Fabriksaal zu vertauschen. Die kapitalistische Produktionsweise hat das Frauengeschlecht in seine Dienste gestellt, und alle Industrieländer benötigen der Arbeitskraft der Frau und des Mädchens. In, Webstuhl. in den Porzcllanfabriken, bei der Erzeugung von Möbeln, in der Metallindustrie finden wir das für den häuslichen Herd bestimmte schwache Geschlecht. Tie Fraucnscharen, die niorgcns ihr Heim verlassen, um es erst abends oder mittags auf eine kurze Weile wieder zu betreten.

Die Frau hat also heute einen anderen Pflichtcnkreis als ehemals, oder richtiger gesagt, sie hat zu dem alten einen neuen bekommen, Gattin und Mutter ist die Frau so n e b e n- b e i, Arbeiterin ist sie im Hauptberuf. Diesen veränderten Tatsachen muß sich auch die Anschauung über die der Frau zukonuncnde Stellung, über die ihr gebührenden Rechte an- passen. Tie Arbeiter haben diese Konsequenzen längst ge­zogen, die Gewerkschaften wirken unter den Arbeiterinnen, um sie der Berufsorganisation zuzuführen. Es genügt aber nicht allein, die Fra» zur Wahrung ihrer materiellen Inter- essen zu erziehen, die arbeitende Frau, die Mutter muß auch zur Forderung ihrer politischen Rechte erzogen werden. Die Arbeiterin mutz das Recht erlangen, in allen gesetzgebenden Körperschaften ihre Interessen vertreten zu können. Die Ar­beiterinnen müssen sich zu einem starken Heer vereinigen, um mit allem Nachdruck für ihre Gleichberechtigung eintreten zu können. Von dieser Erkenntnis ausgehend, wirkt die Sozialdemokratie unter den Arbeiterinnen, um sie zu Mit- kämpfcrinncn zu gewinnen. Die sozialdemokratische Partei l-at die Gleichberechtigung der Frauen schon zu einer Zeit auf ihre Fahne geschrieben, als die große Masse der Franc» noch in gedankenloser Gleichgültigkeit dahinlebte. Die Sozialdcinokratie wirbt unter den Frauen, und wenn die deutsche Partei just die Zeit des F r a u e n t a g es zu einer Werbxwochh .unter beiz Frauen ansersehcn hat, sg ist

diese Wahl als eine glückliche anzuschen. Tenn nie mehr als in der Zeit, wo die Frauen zur Demonstration für ihre Gleich­berechtigung aufgerufen werden, ist ihre Seele empfänglicher für die Erkenntnis, daß die Sozialdemokratie ihr einziger Schutz., und Hort ist. Es ist ja eine Fabel, daß die Franpn irernünftigcn Erwägungen nicht zugänglich seien, die große Zahl der weiblichen Parteimitglieder beweist überzeugend das Gegenteil. Und auch die Erfahrungen widersprechen dem, wie die Ergebnisse einer Werbcwoche unter den Frauen in Oesterreich beweisen. Gewiß kann sich Oesterreich nicht mit dem Deutschen Reich vergleichen. Das deutsche Volk in Oesterreich ist nur ein kleiner Teil des österreichischen Staates, und doch hat die im September von den Genossinnen vorgenommene Werbeaktion schöne Erfolge gezeitigt.

Das Schlagwort: Werbung weiblicher Partei- Mitglieder hat wochenlang alles beherrscht. Die verant­wortlichen Parteünstanzen beschäftigten sich damit, die Presse brachte Artikel und Notizen, in de» Bezirken und Sektionen kamen die Genossen und Genossinnen zusammen, um über die Durchführung zu beraten. Man überließ die Arbeit nicht den Franc» allein, sondern wo auch sonst Männer hinzugehen pflegen, um den Parteibeitrag des männlichen Mitgliedes cinzukassieren, dorthin nahmen sie die Werbennmmern der Arbeiterinnenzeitung mit, sowie eine Beitrittserklärung für die Frauen. Nach einigen Tagen gingen die Genossen wieder in dieselbe Wohnung. War mittlerweile die Frau nicht von selbst durch das Lesen der Wcrbennmmcr zum Beitritt ent­schlossen, so versuchte der Genosse sie zu überzeugen. Nur wo die Werbekunst des Genossen versagte, versuchten dann Ge- nossinneu, einen Erfolg zu erzielen. Die Werbeaktion mußte aber schon deshalb einen Erfolg für sich haben, weil sie sich diesmal auf die weiblichen Angehörigen der Parteimitglieder beschränkte. Das Mißverhältnis, daß beispielsweise in Wien neben 42 000 männlichen nur 3000 weibliche Parteimitglieder vorhanden waren, sagte uns, daß hier ein Erfolg zu erzielen sein muß. Man weiß ja: In der eigenen Familie sind nur wenige die richtigen Propheten. So komnit cs, daß selbst ausgezeichnete Genossen nicht vermögen, ihre Frauen oder später die Töchter der Partei zuzuführen. Selbstverständlich wirkt vielfach der Bequemlichkeitsstandpunkt mit. Derselbe Genosse, der als Arbeiter sehr gut weiß, daß die Bcrufs- kollcgiu auch in die Gewerkschaft gehört, empfindet cs un­behaglich, wenn nebest ihm auch die Frau sich in der politischen Organisation betätigt. Die materielle Leistung ist sehr oft garnicht das Motiv des Widerstandes. Aber viele Männer fürchten, daß die häusliche Behaglichkeit, die Ordnung usw. einen Stoß erleide» könnte, wenn auch die Frau sich politisch betätigt. Diese Männer haben aber unrecht. Tenn erstens hat es immer Frauen gegeben, die in ihrem HanSwesen un­ordentlich sind, selbst wen» sie garuichts wissen, nichts lesen und keine Idee von Frauenrechtcn haben, so wie cs immer Männer gegeben hat, die ihre freie» Abende außer Hause zubrachten, obwohl sic der Organisation ganz sernstandcn. Die Männer habe» auch deshalb unrecht, tveil gerade die Be­tätigung in der Organisation, das Lesen der sozialistischen Frauenliteratur viele Frauen erst aufmerksam macht, was ihnen zu einem behaglichen Heim noch fehlt. Die Organi­sation erzieht auch die Frauen zu höherem Pflichtbewußtsein. Die sozialistische Betätigung__erzieht sehr oft besserg