Ausgabe 
6.3.1914
 
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Wöchentliche Geilage der Gderkessischen Volk5Zeitung

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Nummer 9

Siesten, Freitag den 6. März !9l4.

6. Sakrgang

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Arauen vor die IronL!

Tie große rote Woche vom 8.15. März wird eingeleitct durch unfern

internationalen Frauentag,

auf dem in Uebereinstinimung mit Partei und Gewerkschaften vom streng sozialistischen Standpunkt aus das Wahlrecht der Frauen propagiert wird. Vom streng sozialistischen Standpunkt das ist etwas ganz anderes, als vom Stand­punkte der meisten bürgerlichen Frauenrechtlerinnen. Von ihnen wird ja nur ein Frauenwahlrecht gefordert, das an Besitz, Steuerleistling, Bildungsstufe oder sonstige Be­dingungen geknüpft ist. Ein Wahlrecht jedoch, das unter­schiedslos allen Großjährigen zuteil werden soll, ist auch diesen Frauen zumeist nicht' nach dem Herzen. Von Vertreterinnen solch eines beschränkten Wahlrechts können wir sozialdemokratischen Frauen kaum glauben, daß sie es als eine Etappe zur Eroberung des allgemeinen Wahlrechts fordern. Viel eher ist von solchen Frauen zu er­warten, daß sie, sobald sie selber in den Besitz des Wahlrechtes gekommen, den Kampf um das allgemeine Wahlrecht ausgeben und ihre proletarischen Schwestern im Stich lassen. Ta halten wir für allein gerecht den Standpunkt der Sozial­demokratie, die unterschiedslos in jeder Frau den gleich­berechtigten Menschen achtet und allen Frauen gleiches Wahlrecht erobern will. Bebel, der große Vorkämpfer für Frauenrechte, schreibt in seinem BuchDie Frau und der Sozialismus":

Die Fra» hat das gleiche Recht wie der Mann auf Ent­faltung ihrer Kräfte »nd Betätigung derselbe». Die Frau ist ei» Mensch wie der Mann."

Laut Programnisatz fordert die Sozialdemokratie: Abschaffung aller Gesetze, die die Iran in öffentlicher und privatrcchtlichcr Beziehung gegenüber den. Manne benachteiligen."

Allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht für alle Lviährlgc» Rcichsangehörigen ohne Unterschied des Ge­schlechts."

Mit dieser Stellungnahme für Frauenrechte steht die Sozialdemokratie hoch über allen andern Parteien.

Sie sagt, der entrechtende Ausnahmezustand für die Frauenwelt ist unter den heutigen Verhältnissen in nichts mehr zu rechtfertigen. Das ganze Leben steht heute unter dem Zwang und den Pflichten staatlicher und gesellschaftlicher Einrichtungen, von denen keine einzige die Frauenwelt weniger als die Männerwelt trifft.

Kein Gesetz, bis herab zur Zuchthaus- und Todes- strafe, das nicht auch für die Frauenwelt existiert;

keine indirekte Steuer, die nicht für die Frauenwelt genau wie für die Männerwelt gilt;

keine direkte Steuer, die nicht von der erwerbs­tätigen Frau in derselben Höhe wie vom Manne gezahlt wer­den inuß.

Der erlverbstätigen Frauen aber werden mehr und mehr in allen kapitalistischen Ländern. Die letzte Berufs- und Gc- wcrbezählrlng stellte fest, daß 45,5 Prozent von Deutschlands gesamter weiblicher Bevölkerung erwerbstätig sind.

Aehnlich, zum Teil noch stärker, sind die Fronen in an­dern kapitalistischen Staaten in das Erwerbsleben hinein- gerisscn.

Mit allen gesellschaftlichen Tatsachen »ird wir stehen noch mitten drin in dieser Entwicklung stehen die Gesetze,

die die Frauen als unmündig, minderwertig und rechtlos gegenüber den Männern hinstellen, in krasseni Widerspruch. Tie Sozialdemokratie bringt deshalb lediglich eine Forde­rung der Gerechtigkeit zunr Ausdruck, wenn sie alle Aus­nahmegesetze beseitigen will, die die gesellschaftliche und politische Gleichstellung der Frau mit dem Manne noch ver­hindern, eine Forderung der Gerechtigkeit und des Kultur- fo r t s ch r i t t s. Mit welchem sittlichen Recht will man es aülehncu, alle verfügbaren Kräfte in den Dienst de? Staates und seiner Weiterentwicklung zu stellen?! wie es verteidigen, die staatliche Mitarbeit der Frauen z. B. auf den wichtigen Gebieten des Armen- und Krankcnwesens, des Er- zichungs- und Schulwesens, der Mütter- und Säuglingsvcr- sicherung, der Sozial- und Arbeiterschutzgesetzgebung, der Be­kämpfung des Militarismus und der Teuerung rmd noch vieler anderer Gebiete nicht voll zur Geltung kommen zu lassen?!

Die Heuchler! die uns da erzählen wollen, daß es ge­rade die Achtung vor der Frauenwelt ist, die Sorge, den Typus Weib und Mutter nicht zu zerstören, die sie die Frauenwelt aus der öffentlichen, politischen Betätigung zu­rückhalten läßt.

Diese bürgerlicheAchtung" der Frauen birgt das brennende Gefühl der Scham nicht in sich, daß die heutige Gesellschaft Generationen entrechteter Frauen als Arbeit s- t i e r e leiblich und geistig zugrunde richtet, daß sie Millionen ausgemcrgelter Frauen in täglicher Arbeitsübcrbürdung zwischen Haushalt und Fabrik Stücke ihres Lebens für die Herrschenden hingeben läßt.

Wenn man diese mißachteten Frauen emporzicht und an der Verbesserung ihrer Lage gesetzlich Mitarbeiten läßt, sollen sie aufhören, ganz Weib, ganz Mutter, ganz Mensch mit Fraueneigenart zu sein?!

Glücklicherweise beginnen immer mehr Frauen sich die bürgerliche Art vonAchtung" des Frauengeschlechts zu ver­bitten. Und cs ist eine große kulturelle Tat der Sozial­demokratie, diesen Erwachnngsprozeß der Frauen zu unter­stützen. Die Sozialdemokratie öffnet dem unterdrückten Frauengeschlecht die Augen, stillt seinen Hunger nach Wissen und Bildung, lehrt es, anstatt nach alter Väter Weise alle überkommenen Vorrechte als gottgewollte Ordnung anzuer- kennen, gemeinsani mit den Männern den Kampf gegen unzeitgemäß und unrecht gewordene Zustände führen.

Prolctarierinnen allerorts! Werst die Gleichgültigkeit ab, die ihr bisher so oft dem politischen Leben entgegen- brachtct. Wenn demnächst die Sozialdemokratie euch zu den F r a u e n v e r s a m m l u n g e n einladet, strömt in hellen Scharen dorthin und lenkt den K l a s s e n k a m p f u m das F r a u e n w a h l r c ch t in die richtige Bahn. Diese Bahn ist zunächst, von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, sich politisch gleich dem Manne zu organisieren. Zeigt durch euren Masseneintritt in den sozialdemokratischen Verein der herrschenden Gesellschaft allerorts, daß auch die Frauenwelt überall beginnt, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen. Sorgt, daß keine Frau, kein Mädchen, in den Versammlungen am 8. März und den folgenden Tagen fehle.

Wacht aus! Wacht auf!

Ihr habt euch lange genug unterdrücken lasse»!