und bäuerlichen Proletariats in städtisches und Industrielles rascher vor sich geht, so bedeutet dies doch nicht, baß die Arbeitcrschicht mit älterer und höherer Kultur in den Bannkreis lener mit niedriger Kultur geraten müsse. Viel eher ist doch Las Gegenteil anzunehmcn. Auf einer gewissen Stuse der Entwicklung ist es der Geist, der stch de» Körper baut. Je stärker der proletarische Geist tst, desto leichter wirb er fremde Elemente aufnehmen und sie seinen Zwecken nutzbar machen. Auch ber Gefahr der Einwanderung „bedürfnisloser Kulis" ist wohl leichter mit der Ausrottung der einheimischen Bcdürsnis- losigkeit als mit der Erzeugung einheimischer Kulis zu begegnen. Ein wahrhaft gebildetes, hochherziges, einiges Proletariat ist jedem Gegner, jeder Gefahr gewachsen, denn es hat die Macht über die materiellen und geistige» Güter der Erde.
Immer müssen die Gescheiten wegen ber Dummen, die Beweglichen wegen der Trägen, die Mutigen wegen der Feigen streiten. Ach, beseitigen wir doch die Dummheit, die Trägheit, die Feigheit. Und fange» wir damit, wie sichs gehört, beim Kinde an. Es ist doch wahr: was Hänschen nicht lernt, lernt Sans nimmermehrI Was aber sollen die Hänschen lernen und was brauchen die alten Hansen? Was sind die Ziele der Pädagogik und was die Notwendigkeiten des Sozialismus? Ist cs nicht die Fähigkeit, seinen Willen dem der Gesamtheit unterzuordnen, ohne die Freiheit des Urteils einzu- büßen? Die Fähigkeit. Gesetzgeber und Gcsetzesvollstrecker in einer und eigener Person zu lein? Die Fähigkeit, in einem Ganzen auf-, aber nicht darin unterzugehen? Man fpöttlc■ nicht, daß das die bekannte alte Forderung nach Engelhaftigkcit der Menschen sei, wenn der Sozialismus möglich sein solle. Natürlich ist cs unter den gegenwärtigen sozialen Zuständen nicht möglich, alle Menschen aus das gleiche Bildungsniveau zu bringen. Wäre dies der Fall, brauchten wir ja ihre Veränderung nicht anzustrebcn. Aber die Sorge, die Volksbildung möchte „aus Kosten der Quantität" zu rasche Fortschritte machen. können wir doch noch recht lange den Nutznießern der Dummheit überlassen. Es ist vielmehr freudig zu begrüßen, baß die Menge es endlich ablchnt, in der Schaffung und Erhaltung nur physischen Lebens seinen Daseinszweck zu sehen, weil damit die Hoffnung gegeben ist, daß sic dem Geistigen mehr Bedeutung beimesse» will als bisher. Trügt diese Hofsnuug nicht, so kommt dereinst bi« Stunde, da von dem 'ganzen Proletariat gesagt werden kann, was einst auf einen ganz Einzigen, ganz Großen gesagt worden war:
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,
Lieg«, was uns alle bändigt, das Gemeine.
I o s e f i n e I o k s ch sWiencr Arbeiterzeitung).
Aröeilerinnenschuh in Deut chland.
Das Korrespondcnzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands bringt in seiner Nummer vom 24. Januar eine Uebersicht iiber den deutschen Arbeiterschutz im Jahre 19)2, die auf Grund der Berichte der Gewerbeauf- sichtsbeamtcn zusanimengestellt ist.
Danach haben die Zuwiderhandlungen gegen die Arbeite- rinncnschutzbestimninngcn um 2)25 abgenommen. Immerhin waren noch 12 000 zu verzeichnen, von diesen betrafen die Beschäftigungsdauer 854, den früheren Samstagabcndschluh 2275, Nachtarbeit 252, Mindestruhezeit 71, Beschäftigung von Wöchnerinnen 64, Mitgabc von Arbeit nach Hause 54, sonstige Vorschriften 540. Die Vergehen gegen Bestimmungen über Mittagspause, gegen Vorschriften des Bnndcsrats bezüglich verbotene Beschäftigungen, betr. Pausen und Ruhezeiten, haben sogar zugenommen, sie beliefen sich im ganzen auf 1072.
Betroffen wurden von diesen Zuwiderhandlungen gegen die Gesetze 37 645 Arbeiterinnen gegen über 43 435 im Jahre 1911. Die meisten Vergehen wnrden feftgcstellt in« Reim- gungsgewerbe 17,1 und im Bekleidungsgewerbe 16,2 Proz., davon in der Kleider- und Wäschekonfektion 18,8 Prozent. Tie Staaten, in denen ain hänfigsten Ausierachtlasscn der Ar- beitcrinnenschutzbcstimmnngen zn monieren war, sind der Reihenfolge nach: Sachsen-Altenburg (27,4 Proz.), Reutz j. L. (14,2 Proz.), Bayern (11,9 Proz.), Schwarzburg-Sonders- hausen (11,6 Proz.), Schwarzbnrg-Rudolstadt (10,2 Proz.), Oldenburg (9,6 Proz.).
Revidiert wnrden im ganzen 170 117 von 311 582 der Aufsicht unterstehenden Betriebe.
Die Ucberstundenarbeit wird immer noch in überreichlichem Maße bewilligt. Im Jahre 1912 wurden 6865 Betriebe an 108 341 Wochentagen außer den Samstagen für 514 697 Arbeiterinnen zusammen 6 609 192 Ueberslttnden gestattet. Das niacht in« Durchschnitt mif jeden der betreffenden Betriebe 1109,8 Ueberstundcn. Die Ueberarbeitstage haben im Jahre 1912 abgenonimen, die Ueberstunden jedoch n n> 4 8 2 3 8 0 zugenommen, und unter den Staaten, in denen di« Ueberstnnden erheblich ' zugenommen haben, steht P r e n ß e n mit 27 0 557 an her Sp itze. Dann folgen
Elsaß-Lothringen, Baden, Bayern, Sachsen-Altenburg, Württemberg, Hessen, Braunschweig, Sachsen-Weimar und Reutz jüngere Linie.
Während die Uebcrarbeit an den Samstagen im ganzen zurückgegangen ist, muß für die Metallverarbeitung fest- gestellt werden, daß der frühe Arbeitsschluß durch die bewilligten Ausnahmen fast ganz aufgehoben wird. In den erfaßten Betrieben hatte jede Arbeiterin an j e d e in Samstag 2,5 Stunden Ueberarbeit zu leisten.
Diese Zahlen beweisen aufs deutlichste, wie sehr es die Unternehnicr verstehen, den gesetzlich gewährleisteten Arbeiterinnenschutz zu einem guten Teil illusorisch zu machen. Es muß iinmer mehr darauf geachtet werden, daß nicht die Be- willigung von Ausnahmen die Regel wird, und den Aufsichtsbehörden müßte ins Gedächtnis zurückgefllhrt werden, daß der zeitige Samstagabendschluß des beste Mittel ist, um den Arbeiterfamilien eine geordnete Häuslichkeit und den Frauen eine wirkliche Ruhe am Sonntag zu sichern. Mit jeder Ausnahmcbewilligung versündigt man sich an der Gesundheit der Ehefrauen, an den Trägerinnen kommender Generationen.
Die organisierten Arbeiterinnen müssen der außerordentlich bedauernswerten Nachgiebigkeit der Aufsichtsbehörden die Forderung des gänzlich freien Samstagnachmittag entgegensetzen. Wo bleiben Regierung, Aerzte, Nationalökononien und Sozialpolitiker, die immer wieder predigen, daß die Frau dem Haus erhalten bleiben müsse? Ihre Worte müssen als Heuchelei angesehen werden, solange sie nicht dagegen protestieren, daß Tausenden von Frauen die gesetzlich zugestandene Freizeit verkürzt wird, nur weit der Unternehmer keinen Schaden erleiden soll.
!X>er verdammte Mlitilch.
Fch darf wohl behaupten: niemals wurde ein Nähtischchen so beschimpft — ich meine natürlich ein sehr nettes, altes Nähtischchen, eines aus der Zeit Ludwigs des Fünfzehnten, eines mit rosa und weißer Einlegearbeit — niemals wurde, sag« ich, ein Nähtischchen so beschimpft, verflucht, verdammt, vermaledeit, zu allen Teufeln gewünscht, und znmr so unbarmherzig zu allen Teufeln gewünscht wie jenes mein altes Nähtischchen, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Ich erwacht« nämlich eines Morgens am Piräus, der ist in Griechenland, wenn eS jemand nicht wissen sollte, und dacht« an niein Nähtischchen.
Das alles ist ja klar und verständlich. Wer aber, mich ausgenommen, vermöchte zu erklären, waruni ich mit einer fiebernden Hand durch mein« Haare fuhr? Warum ries ich aus: „Vcrdammtl Verdammt noch einmal und immer wieder!"
Ich will daraus fernerhin kein Gehcinrnis mehr machen:
Ich war sehr glücklich — in vergangener Zeit —, denn ich wurde von der anbetungswürdigsten Frau geliebt. Zwei Jahr« lang hatt« ich sie „mein angebedeter Engel", „Frau meiner Träume" genannt, aber am Ende des zweiten Jahres gestattet« ich einen, niciner Freunde, an mich die Anfrage zu stellen, ob ich nicht sehr blöd« ge- weseii sei.
Sie sendet« mir mein« Briese zurück und reiste fort. Ich war nicht einmal gewissenhaft g«uug, um ihr ihre eigenen Briefe zurück- znsenden. Ich legte ganz einfach ihre und mein« Brief« in ein« klein-e Lad« des Nähtischchens. Dies nun ivar der aufregende Tatbestand.
Das alte Nähtischchen steht in meinem Zimnier, mein Ziinmer befindet sich in, Hause meiner Vdutter, das Hans meiner Mutter steht mitte» I» ber Provence, die Provence liegt achthundert Meilen von dem Qric entfernt, an den, ich mich befand, lind ich mar «inst ab» gereist, ohne jene Erinnerungen an die Vergangenheit ,u vernichten.
Als ich fai einem versteckten Winkel der Wandelgong« meines Gehirns diese plötzliche Entdeckung machte, schnellte mich die llcber- raschuug empor und, um «s zu gestehen, bte Schniach. Meine Leichtfertigkeit konnte eine Frau für immer dem Tratsch ausliesern. Ich hatte die einfachste, selbstverständlichste Pflicht jedes Mannes verletzt: die Diskretion. Nun, ich benahm mich als Held! Ich lief zun, Hafen, stürzte mich in das erst« Schiff, bas nach Marseille fuhr, kurz: ich schoß mich nach der Richtung Frankreich ab. Hätte ich anders mich verhalten dürfen? Durch mein Verschulden konnte dos Schicksal einer Frau besiegelt werden, di« kein anderes Verbrechen b> gangen hatte, als mich zu lieben.
Acht Tage nach ber Entdeckung meiner Erinnerung schellie ich am Gitter des Landhauses meiner Mutter.
Das Lebe» ist kurz, ich will also nicht alle Ausrufe der liebere raschimg wiederholen, die mein« ituerwartete Ankunft hervorrtef. Ich will darüber so schnell hinweggehen wie damals, wo ich nnt«r der atemraubendrn Iliuarmung tneiuer liebe» Mittler nach Lust ring.'Nd ries:


