Ausgabe 
27.2.1914
 
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»in« solcheFrage" auftauchen konnte, beweise, wie sehr es noch an prinzipiell sozialistischer Aufklärung in den Massen fehle. Die Nedncri» meinte damit offenbar, daß die kapitalistische Produktions­weise, die ein« höchst ungleiche und ungerechte Verteilung der Giiter ebenso zur Voraussetzung und Folge hat wie einen stete» Ueberfluß an Arbeitskräften, von der arbeitenden Bevölkerung noch immer nicht als eigentlich«, als alleinige Ursache der Not erkannt ist. Das diirfte schon richtig sein. Aber ebenso richtig ist, daß die theoretischen Erkenntnisse dcS Sozialismus, die gewiß in dem Maße an revo­lutionärer Macht gewinnen, als sie verbreitet werden, erst aus einer gewiffen Höhe äußerer und innerer Kultur möglich sind, einer Höhe, wie sie der heute lebende Arbciterdurchschnitt noch nicht erreicht hat und auch die nächste Generation schwer erreichen wirb, wenn mit den Mittel», die zu ihrer Aufzucht zur Versügung stehen, nicht besser gcwirtschaftet wird als bisher. Aller Fortschritt, jede Höherent­wicklung ist gekennzeichnet durch Ockonomie, und so wird auch das Proletariat nicht umhin können, den bescheidenen Anteil von materiellen Gütern, de» es den herrschenden Klaffen abzutrotzen die Macht hat, zweckmäßiger als bis jetzt zu verwenden. Nun sind es aber neben dem Alkoholkonsnm, der ein sehr kostspieliges Ver­gnügen ist, nicht nur weil er das Budget des Arbeiters schwer be- last«t und keine Werte schasst, sondern weil er vorhandene Werte zerstört, tatsächlich die frühzeitigen und unüberlegten Eheschließun­gen und der ihnen entspringende Kinderreichtum, was eine un­geheure Verschwendung proletarischer Kraft darstellt. Freilich, wer annimmt, baß nahezu in jedem neugeborenen Arbeiterkind «in zu- künstiger Arbeiter, in jedem Arbeiter aber ein Sozialist, alsoein Soldat b«r Nevolution" stecke, der kann zu dem Schluffe kommen, daß das Hervorbringcn möglichst vieler proletarischer Existenzen nur für einzelne Familien ruinös, für die Gesamtheit aber entschieden von Vorteil sei» müsse. Diese Rechnung stimmt aber nicht, Au8 dcn> Arbeiterkind kann auch werden: 1. eine Kindcsleiche (man kennt die große Kindersterblichkeit in Industriegebieten); 2, ein nur auf sein« eigenen Jntereffcn bedachter Mensch, also ein für die Klasseltsolidari- tät hoffnungslos verlorener Streber: 3, ein weder auf seine eigenen noch aus die Interessen der Gesamtheit bedachter Mensch, also ein Lumpcuproletaricr: 4 ein Mensch, der halt gar nichts begreift, schon gar nicht natiirlich das komplizierte Gebankensystem des Sozialis- »ms. Daß bas Hervorbringcn von Kindern für den Friedhof eine Verschwendung von Volkskraft ist, braucht nicht bewiesen zu werden. Das liegt auf der Hand, In Wie» ist die Kindersterblichkeit in den letzten Jahren zurückgcgangen, betrug aber im Jahre 1911 sür die Kinder im ersten Lebensjahr »och immer 16, für die Kinder im ersten Jahrfünft 21% Prozent, Da in Bourneville, der bekannten englischen Gartenstadt, in welcher die Arbeiter in bedeutend besseren materiellen Verhältnissen lebe» als sonstwo, die Säuglingssterblich­keit nicht ganz acht Prozent beträgt, so kann man annehmen, daß reichlich die Hälfte aller dem Tode geivcihten Kinder einfach Uebcr- zählige des Lohnkapitals sind, die es dem Verwertungsprozeß nicht zuzuführe» vermag und darum, ein nwdernes Versacrnm, Jahr sür Jahr geopfert werden müssen. Geopfert werden müssen, solange idem Arbeiter der Zwang, sich gegebene» Zuständen anpassen zu müssen, von außen kommt, solange er nicht durch bewußte, vernunst- gemäßc Anpassung selbst riu Faktor i» der Gestaltung seiner Lebens- vcrhältnissc wirb, Ta es nun einmal nicht möglich ist, das kapita­listische Wirtschastssnstem mit seinem so ungerechten Verteilungs- niobus iiber Nacht zu beseitigen, so wäre es doch Sache jedes Ar- beitercllerupaares, zu überlege», wie viele Kinder es mit seinem Lohne wohl halbwegs menschlich großzichen könne, und bei dieser Schätzung möglichst vorsichtig zu sein. Dadurch würde sich die Zahl der Eristenze», deren Aufzucht durch das gesamte Proletariat und seinen Gesamtloh,, möglich ist, auch ergebe», ohne das der Tod als Regulator fungieren müßte, ES ist ganz »»verständlich, wie man dagegen rede» kann, wen» die Massen die Neigung zeigen, sick, fcih-:* von dieser Kulturschande zu befreien, ohne länger aus das Mitleid oder auch nur die soziale Einsicht der besitzende» Klasse» und ihrer Herrschaftsorgan« zu warten.

Nun wissen wir aber außerdem, wie es den überlebenden Kin­dern ergeht, wie bitter notwendig sie den an ungcbornen Kindern zu ersparenden Aufwand von niatcriellen Opfern, Zeit und Fürsorge brauchen könnic». Ti« Erziehung, bi« private und öffentlich»:, di« heute den Kindern des Volkes, gleichgültig, ob sie den, Bauern-, Kleingewerbe- oder Arbeiterstand entstammen, zuteil wird, ist un­zulänglich, wenn aus ihnen nichts anderes werde» soll als Ver- ivcrtungsobjektc des Kapitals, die ihm in allen ihren Lebensäußc- rungcn, selbst in ihren phnsiologischen Funktionen, dienen müssen. Dies beweist bas internationale Lumpenproletariat und das ans demselben hcrvorgchende vulgäre Berbrechertnui, das i» allen kapi­talistischen Staaten üppig gedeiht, aber schließlich doch keine unbe­dingte Notwendigkeit in ihrem Wirtschaflsbetrieb ist. Aber die Er­ziehung ist ganz und gar unzulänglich für Mensche», die de» be­rühmten Sprungaus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit" machen sollen. Je mehr Sorgfalt der Erziehung der Volksjugend gewidmet rvird, desto eher sind jene schon angesührte» 'Typen: des Egoisten, des liederlichen Schwächlings, des gedankcn- loscn Trottels, die west gesährlicherc Feinde der Arbeiterklasse sind als die gaiizen stehenden Heere mitsamt ihre» Kanonen, zurückzu- drangen. Die Partei des sortgeschriltcnstcu Teiles der Arbeiter­schaft, die Sozialdemokratie, müßte auch in den Fragen der Jugend­erziehung die Führung übernehmen, Tie proletarischen Eltern inttßten zur Erziehung der Kinder besser unterrichtet, selbst erst er- zogen iverden. Sie müßten dazu «»geleitet werden, erstens ihr« Kinder nach pädagogischen Grundsätzcu zu behandeln, zweitens der .öffentlichen Erziehnngspslcge. vor allem der Belksschnle mehr Auf­

merksamkeit zuzuwenben. Wenn alle Kinder von ihren eigenen Eltern so ernst genommen würden, wie die Erben Ihrer Hosfnunge» und Bestrebungen genommen zu werden verdienten, hätte znn, Bei­spiel die Wiener Schulvcrderbnis, die In der Bestellung Leopold Kunschaks, des Mannes mit dem dunklen Namen, zum Chef dcS gesamte» Landesfchnlwcsens ihren traurigen Ausdruck findet, nie­mals Platz greisen können. Würden di« Eltern dem Entwicklungs­gang ihrer Kinder mehr Beachtung schenken, würbe die Gepslogen- hcit herrsche», sie jeden Tag z» fragen, was sie heute in der Schule gelernt haben, so würden sie mit wachsendem Erstaunen und Ent­setzen wahrnehmen, wie volksfremd der Geist der Volksschule ist, würden wahrnchme», wie der Gegensatz zwischen der Darstellung dcS Lebens, wie sic in der Schule gegeben wird, und den tatsächlichen Erfahrungen des Kindes im Eltcrnhausc die Autorität von Lehrer und Eltern tief erschüttern und darum die sittliche Beeinflussung der Kinder ungeniein erschweren muß. Es würde ihnen die schädigende Wirkung des konfessionellen Moments in der Schule weit mehr zum Bewußtsein kommen und sie würbe» in einer ganz anderen Weise als bisher ihre Stimme nach einer besseren Schulgesetzgebiing und Verwaltung erheben. Sie würden darauf bestehe», daß man unab­hängige, gebildete, nur auf pädagogische Erfolge bedachte Lehr­personen bestellt und nicht feige, duckmäuserisch«, streberische Zog» iinge klerikaler Lehrerbildungsanstalten, nicht zu Betschwestern a»S- gebildete Stabtratstöchter, Auch mit der Volksschule wird ei» un­geheurer Betrug am Volke begangen und cs wäre die höchste Zeit, daß dieser Betrug alle» Interessierten offenkundig würde. Inter­essiert ist aber die ganze arbeitende Bevölkerung, Die ganze er­wachsene Generation müßte sich um die werdende kümmern, muß ihr die Hindernisse ihrer Entwicklung aus deni Weg« räumen. Nur so ist jxncr kulturelle Ausstieg des Proletariats zu erwarte», der sür die ersehnte große Abrechnung, sür die Neugestaltung aller gesell­schaftlichen Verhältnisse notwendig ist.

Abr wie ist diese Anteilnahme an dem geistigen Leben der Kin­der möglich, wenn in jeder Familie zu viele da sind, wenn die Sorg« »m ihr leibliches Fortkommen jede andere erschlägt? Alle Versuche, die in jüngster Zeit ja wirklich gemacht werden, die Kinder der Armen und Aernisten während ihrer schulsreien Zeit unter Aufsicht zu bekommen und sic veredelnden Einflüssen zuznführen, können zufolge der Masse der Kinder, die in Betracht kommen, nur ganz bescheidene Erfolge ausweisen. Das Wirken unsererKindersreunde" ist ausgezeichnet. Aber wie viele Kinder werden davon ersaßt? Einige hundert in jedem Bezirk, wenns gut geht. Zehntausende aber hocken im engen Pferch der elterlichen Behausung oder toben auf den Straßen herum, stiften Schaden oder kvmnien zu Schaden und schaffen sich gelegentliche Ermahnungen Erwachsener mit einem Ziach o" oderDös acht Jhna aiü Tr . , , an" von, Halse. Nun ist nicht anzunehmcn, daß derartig vernachlässigte, nudiszipliuiertc Kinder dereinst leicht in das Heerder Soldaten der Revolution" sollen einzuererziere» sein, und die Schwierigkeiten in der Agitation beweisen ja, daß d-cs eben nicht der Fall ist.

Diesem Zustand aber ist iveder mit sentimentalen Redensarten, noch mit Entrüstuiigsknndgebunge», noch mit Forderungen an die össentliche» Geivalten, ivelchcu man keinen Nachdruck zu geben ver­mag, abzuhelfen. Dazu ist vielmehr notwendig, daß sich die Arbeiter mit den Erzichungsaufgaben unserer Zeit, die geiviß andere sind, als sic unseren Altvordern gestellt waren, ernstlich befassen. Das aber erfordert Zeit, Zeit. Man soll deshalb nicht so entrüstet tun, wenn sichs die Eltern, zuinal die Mütter, ein wenig bequemer machen ivollcn. Von Bebel ist gesagt worden, daß er bei den Frauen auf äußere Nettigkeit großen Wert legte, daß eine unordentliche Fra» gegen eine starke Antipathie bei ihm aufzukomme» l>atle. Es wäre sehr z» wünschen, daß alle Männer so anspruchsvoll wären, denn wer sür äußere lingcrcimtheiteii keknen Sinn hat, der hat ihn siir inner« wohl auch nicht, Run stelle inan sich aber vor, ivie eine Frau, die, sagen wir, nur vier Kinder und einen Mann hat, der den Turch- schnittswochenr>erdienst des Arbeiters, also etwa dreißig Kronen, nach Hause bringt, di« sich also lm Haushalt durchaus nicht helfen lassen kan», viel eher zu seiner Erhaltung durch geiverbliche Arbeit ivird beitrage» müsse»: man stelle sich vor, wie eine solche Frau

ihrer Berpslichtniig zur Reinlichkeit Nachkomme», dabei aber noch Zeit »ud Interesse siir Kulturausgabe» erübrigen soll. Bei solch einer geplagte» Iran ist es schon als überdurchschnittliche geistig« Leistung zu iverten, ivenn ihr die Merkwürdigkeiten ihres sozialen Lebens ausfalle». Welch ivciter Weg aber ist von dem dumpse» Gefühl, einer Ungerechtigkeit erlege» zu sein, bis zu jener klaren Erkenntnis der Sachlage, die als Klassenbeiviißtscin bezeichnet wird und die die erste gewiß nicht rinztg«! psychologische Vor­bedingung des Befreiungskampfes des Proletariats ist! Von den Tchivierigkciten dieses Weges wissen die Männer genug zu erzähle», Tie Frauen weniger, weil sie ihn in der Regel nicht inachen. Nicht mache» können, solange sic so mit Arbeit und Sorge überhäuft sind, ivie cs noch immer der Fall ist. Man gönn« ihnen deshalb doch so viel Zeit, baß sie inne werden könne», wieviel an Bildung und Knltnr man ihnen vorenthält, und der Wunsch in ihnen entstehe, daß ihre Kinder cs ivciter bringen mögen, und die Fähigkeit, dafür zu ivirkcn. Wenn darüber einige zehntauseiid klnglückskinder weniger zur Welt kommen, so schadet das gar nichts, Schließlich kommt es doch nicht aus die Masse der Eristenze» an, sondern ans den Inhalt, der sic erfüllt. Genoss« Kantsky meint freilich, eine Ei> Höhung der Qualität der Arbeiterschaft aus Koste» der Quantität wäre von Uebel. Das ist aber durchaus nicht «inznsehe». Daß daS Proletariat seine Geburtenzahl so herabmindert, baß dir Gefahr d«S AnsstcrbenS entstehen könnte, ist nicht zu befiirchtcn, Wen» aber dnrch eine mäßige Herabminbernng die Verwandlung des ländlichen