Ausgabe 
27.2.1914
 
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Wöchentliche Geilage der Gberkessischen Golkszeitung

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Dummer 8

«Sieften, Freitag den 2?. Februar I9i4.

6. öabrgang

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m.

I)as Kralieiistimmrecht, eine politische Waffe.

Solange die Frauen in der Familie ihren Lebensunter­halt fanden und bei ihrer vielseitigen produktiven Tätigkeit innerhalb der Familie und für diese Kräfte und Talente in Vollem Maße entfalten und anwenden konnten, waren ihre Lebenskreisc eng; dasHaus ihre Welt". Tas Verlangen nach einem Heraustreten aus dieser Gebundenheit, in die hinein,man geboren wurde, war unbekannt.

Allenfalls in Revolutionszeiten, wenn der allgemeine Freiheitsdrang auch vereinzelte geniale und leidenschaftliche Frauennaturen ergriff, erhoben diese ihre anklagcnde Stimme und forderte» mit begeisternder Beredtfanikeft Rechte, die ihnen eine öffentliche und politische Tätigkeit ermöglichen sollten.

Mehr oder weniger blieben sie jedochPrediger in der Wüste", so geistreich, leidenschaftlich und anfeuernd ihre Argu- nicntation auch sein mochte. Der große Revolutionär der kapitaliltischcn Entwicklung mußte erst die Lebensbedingungcn der Frau gründlich wandeln, bevor bei ihr das Verlangen nach politischen Rechten und politischem Einfluß allgcuieiner und drängender wurde.

Dieselben gesellschaftlichen Mächte, die sie lehrten, ihren wohlbcgriindeten Anspruch aus volles Bürgerrecht zu er­kennen, lehrten sic gleichsalls dessen Wert und die Notwendig- keit seines Besitzes. Gleich dem Manne in langer Tagcssron an die Maschine gefesselt, ans dem Bau, in der Ziegelei, im Kontor, im Laden, ans dem Felde oder in der Hausindustrie tätig, erkennt die Frau, daß sie des Wahlrechts bedarf zur Sicherung und Erweiterung des KoalitionSrechts, zum Aus­bau der Sozialgesetzgebung, zum wirksamen Kampfe gegen den Zollwucher, der einen nicht geringen Teil ihres sauer er- wordenen Lohnes verschlingt, zur Iiiedcrringung des uner­sättlichen Bampyr Militarismus »sw., kurzum, zur Be- ciuflnssung aller gesetzlichen Maßnahmen und Einrichtungen, die das Interesse der Frau mit dem öfscntlichcn Leben ver­knüpfen. Am schärfsten fühlt deshalb die Frau das bittere Unrecht und die brennende Schmach ihrer politischen Heloten- slclluug bei den Wahlen, bei denen sic i» aufgezwnngcner Passivität verharren muh. Just die Proletarierin, die neben dem kapitalistisch ausgebeuteten Manne im Kamps um eine hellere Gegenwart und sonnigere Zukunft steht, empfindet >o und rüttelt zähneknirschend an den Ketten ihrer Rechtlosigkeit. Gleich dem Manne von der Not des Lebens gepeitscht, gleich ihm von der Erkenntnis des wirtschaftlichen und politischen Geschehens und seiner treibenden Kräfte durchdrungen! gleich ihn: srciheiisdürstig und sonnenschnsüchtig: sieht sie sich der wichtigsten Waffe für den Befreiungskampf ihrer Klasse beraubt.

Tic Masse des Wahlrechtes sollte cS ihr ermöglichen, Reformen zu erzwingen, die gleichermaßen ihr eigenes Leben und das ihrer Klasse erhellen und deren Kampfesfähigkeit stärken. Das Wahlrecht sollte ihr ferner ein wichtiges Mittel sein zur politischen Erweckung und Erziehung bisher In- differenter. Gerade sic als die doppelt und dreifach Belastete bedarf vor allein des Wahlrechts zu diesem Toppelzwecke. Als der körperlich schwächere Arbeiter, als der lveibliche Mensch, der Sonderausgaben zu erfüllen hat, ist gerade für die Prole- tarierin die feste Schranke unerläßlich, die durch Gesetz der

kapitalistischen Ausbeutung gezogen wird, ist für sie das Mittel zur politischen Erweckung ihrer noch gleichgültigen Geschlechtsgenossinnen eine uiibcdingte Notwendigkeit. Denn sie alle müssen ja mit klarer Einsicht in das Wesen und die Entwicklung des Kapitalismus erfüllt werden und mit deui Willen der inneren Bereitschaft zur Eroberung der politischen Macht. Je schneller das geschieht, desto leichter wird die llmwandlung der kapitalistischen Ordnung der Dinge in die sozialistische Gesellscksaft. Erst der Sieg des Sozialismus wird der Frau die Befreiung von dem Toppeijoch der Lohn- und der Geschlechtssklaverei bringen und damit der Mensch­heit die Eroberung vollen Menichtunis. In dieser Bclench- tung erhält das Frauenwahlrecht erhöhten Wert für die Prolctarierin und für die gesäurte Arbeiterklasse. Im er­bitterten Kamps mit den reaktionären Mächten, die der Ar­beiterklasse aufstieg rrnd Befreiung hemmen und hindern möchten, ist jeder Kämpfer unentbehrlich und die Ausrüstung der Kämpser mit scharfen und wuchtigen Waffen eine Not- Ivcndigkeit. Es stehen deshalb auch nicht nur die Frauen im Kampfe um ihr volles Bürgerrecht, in treuer Wafseubrüder- schast gesellen sich ihnen alle in der Sozialdemokratie zusam- mcngeschlossencn Männer zu. Ter Kampf um die Eroberung des politischen Wahlrechts der Frau ist eine der wichtigsten Aufgaben der Sozialdemokratie. Sie bringt diese Ueber- zcugung und den Willen zur Tat erneut zum Ausdruck durch die Veranstaltung unseres diesjährigen Frauentages.

Zur Krage der Getiurteuvernlittderllng im Proletariat.

Ten Kindern der Armen ergeht cs herzlich schlecht. 3» Berlin ist eine äuhcrst radikale sidcc. dem Kinderelend ein Ende zu mache», anfgetaucht, die Fdcc, den Kindern den Zutritt zur Welt cinsach zu verweigern, sic schon als Wnttsch abzuwcisen. Tie Zdec ist zwar nicht neu, auch schon hinlänglich komPromitticrt, Hai aber doch »och immer, wie die Versammlungen in Berlin beweisen, etwas unge­mein Anziehendes. Tie Vertrauensseligkeit, bah der liebe Goit zu de», Hascrl wohl auch das Graserl schicken ivcrdc, wird schon lange nicht mehr gebilligt! auch nicht von den Frommen, was bei diesen wohl durch die ungeklärten Bcsitzverhältnissc zu erklären ist, die zwischen den meiste» von ihnen und dem lieben Gott herrschen ntid ivclchc cs eben zwcisclhast machen, werdas Graserl" eigentlich zu vergeben hat. Ach ja, es muh der europäischen Menschheit tvicdec einmal recht schlecht gehen, da in öffentlicher Versammlung darüber diskutiert wird, ob ihre Neproduktiott sich wohl der Mühe verlohne. Ware der liebe Herr Leichtsinn nicht und die wackere Frau Ge« ivohnhcit, die Vcrttuustscrwägungcn immer brav Widerstand ge­leistet haben, könnte nutu völlig bange werden.

. . . aber schier soll bei uttS kein Besinnen sein, dettnS Leben hat so inäuigs mit uns vor. wozu man sich mit einiger Ncbcrlcgtheil tiit verstund." Tiese Worte, die Anzengruber feilteTrutzigc" sagen loht, fassen den Leichtsinn als biologische Notwendigkeit aus und cs ist schwer möglich, die Richtigkeit dieser Anssassung zu be­streiten. Trotzdem aber ist der Aus nach Verringerung der Ge­burtenzahl im Proletariat und der Nachhall, den er gesunden, zweifellos einem tief gesiihltcn Bedürfnis der Einschränknng der Herrsätztst dcS Leichtsinns entsprungen. Tic Massen haben wieder einmal in ihrer Selbsterkenntnis einen Schritt nach vorwärts getan. Sic fühlen ein Manko in sich itiid sind vielleicht ans dem Wege, zu crfemicii, das, ihr ökonomischer Tin», trotz der Sparsamkeit, zu der die Not sie zwingt, doch noch sehr u n c n t w i (f c (t ist und ihr Vcrantivortlichkcilsgcfühl Her kommenden Generation gegenüber auch noch der Vertiefung wartet.

Eine der Gegnerinnen der bemühten Strcikabsichicn äuhcrtc in einer Versammlnng: die Tatsache, dah iiiitcrhalb der Arbcitcrschast