Ich fragte ihn, ob seine Vorgesetzten diese Auslegung der Vorschriften billigen würden.
Er antwortete mir, da» ihm die Inspektoren oftmals Vorwürfe gemacht hatten: dann habe er sie zu dem äußersten Tore geführt und zu ihnen gesagt: „Sic sehen dieses Gitter; cs ist aus Holz. Wären hier Männer eingespcrrt, daun wäre im Verlauf von acht Tagen nicht einer mehr hier. Die Frauen komme» nicht einmal ans den Gedanken, zu entfliehen. Die Klugheit aber erfordert, sie nicht außer Rand und. Band zu bringen. Das Gc- fängniswesen ist ihrer körperlichen und moralischen Gesundheit ohnehin nicht allzu vorteilhaft. Ich übernehme die Verantwortung nicht, sie ferner festzuhalten, wenn Sic sic auch noch der Marter, gual des Schweigens unterwerseu."
Später besuchten wir den Dchlafsaal und die Krankensäle. Das waren große weißgetünchte Räume, die von ihren, alten Glanze nur eines bewahrt hatten: die prunkvolle» Kamine aus graueni und schwarzem Marmor, die von mächtigen Skulpturen gekrönt waren. Eine Justitia, die ungefähr um Sechszehnhuudert von einem flämi- scheu Bildhauer italienischer Schule geschaffen worden sein mochte stand mit bloßen Schultern und vorgcstrecktcm Beine da und hielt niit ihrem feisten Arm die schwankenden Schalen ihrer Wage, die wie Schellen aneinander schlugen. Die Göttliche wies mit der Spitze ihres Schwertes auf eine kleine Kranke, die ans ihrer Matratze in einem Eiscnbett so unbeträchtlich dalag, als wäre sie ein zusammen- gcsaltctes Tuch. Mau hätte sie für ein Kind halten können.
„Nun, geht es besser?" fragte der Doktor Eabane.
„O viel, viel besser, Herr Doktor!"
Und sie lächelte.
»Also seien Sie nur recht vernünftig. Sic werden wieder ge. suud werden."
Sie sah den Doktor mit große» Augen au, die vor Freude unk Hoffnung strahlten.
„Tie Kleine war nämlich sehr krank", sagte der Doktor Eabane.
lind ivir gingen weiter.
„Welches Vergehen brachte Sie hierher?"
„Kein Vergehen, ein Verbrechen."
„Ah!"
„Kindesmord."
Wir durchschritten einen langen Gang und gelangten in einen kleine», recht freundlichen Raum, in dem viele Bücherschränke standen und dessen unvcrgittcrtc Fenster einen freien Ausblick gewährten. Ein« junge, wirklich hübsche Frau saß am Schreibtisch und schrieb. Nebeti ihr stand eine andere Frau von sehr gutem Aussehen und suchte einen Schlüssel aus den, Bunde, den sie am Gürtel trug. Ich hätte ohneweiters gemeint, dies seien die Töchter des Direktors. Aber er teilte mir mit, daß es z>vci Häftlinge seien.
„Bemerkte,, Sie nicht, daß beide Sträflingstracht tragen?"
Mir ivar cs nicht ausgefallen: zweifellos weil sic ihre Kleider anders als die anderen trugen.
„Die Gewänder dieser beiden Gefangenen sind besser gemacht, ihre Hauben sind kleiner und lassen die Haare sehen."
„Es ist recht schwer", erwiderte mir der greise Direktor, „eine Frau zu hindern, ihre Haare zu zeigen, ivenn sie schön sind. Die beiden sind der giltigen Hausordnung »nterworfen und zur Arbeit angehalten."
„Was tun sie?"
„Die eine ist Archivarin, die andere Bibliothekarin."
Diese beiden hatte Leidenschaft in den Kerker geführt. Ter Direktor rcrhelte nicht, daß ihm ihr Schicksal näher ging als das der anderen.
„Ich kenne manche unter ihnen", sagte er, „die ihrem Verbreche» fremd gegenüberstchcn. Es war ein Blitz in ihrem Leben. Sie sind fähig, Geradheit, Mut und Großherzigkeit zu erweisen. Von meinen Diebinnen könnte ich nicht dasselbe behaupten. Ihre Vergehen, die immer unbedeutend und gewöhnlich bleiben, bilden den Grundstoff ihres Daseins. Sic sind unverbesserlich. Und diese Niedrigkeit, die sie sträfliche Taten vollsühreu läßt, findet sich in jeder Einzelheit ihrer Lebensführung wieder. Tie Strafe, die sie ereilt, ist verhältnismäßig leicht und da sie körperlich und seelisch wenig empfindlich sind, ertragen sie sie in den meisten Fällen mit Leichtigkeit. Das will nichts sagen," fügte er lebhaft hinzu, „daß alle diese Unglücklichen des Mitleids unwürdig wären und nicht verdienten, daß man sich für sic interessierte. Je länger ich lebe, desto klarer sehe ich, daß es keitic Schuldigen und daß es nur Unglückliche gibt."
Er führte mich in sein Zimmer und gab einem Aufseher den Auftrag, den Häftling Nummer 503 vorzuführeu.
„Ich iverde Ihnen", sprach er zu mir, „ein Schauspiel bieten, das ich — bitte, glauben Sic mir — nicht vorbereitet habe, das Sic aber auf neue Gedanken über Vergehen und Strase führen wird. Was Sie nun sehen und hören werden, das Hab« ich ln mclncm Leben hundertmal gesehen und gehört."
Von einer Aufseherin begleitet, trat eine Gefangen« ein. Es war ein ganz hübsches Bauernmädchen mit einem einfachen, sansten, etwas einfältigen Gesicht.
„Ich habe eine freudige Nachricht für Sic", sagte der Direktor zu der Gesaugcncn. „Ter Herr Präsident der Republik, der von Ihrer guten Ansslihrnng hier in Kenntiüs gesetzt wurde, erläßt Ihnen den Rest Ihrer Strafe. Sie werden Samstag das Gcfäng- nss verlassen."
Die Hände über dem Vanche verschränkend, horte sie mit halb osseneni Munde zn. Aber die Gedanke» sanden In ihrcui Kopfe nicht schnell Eingang.
„Sie werden nächsten SamStag dieses Hans verlassen. Sie werden frei sein."
Diesmal begriff sie, ihre Hände hoben sich mit einer Gebärd« der Verzweiflung und ihre Lippen zitterten:
„Muß ich wirklich fort? Was soll ich denn daun tun? Hier habe ich zu essen bekommen und Kleider und alles. Können Sie es dem guten Herrn nicht sagen, baß es besser ist, wenn ich bleibe, wo ich bin?"
Der Direktor erklärte ihr mit sanfter Festigkeit, daß sic di« ihr erwiesene Gnade nicht zurückweiseu könne: da»» teilte er ihr mit, daß sie bei ihrem Austritt eine gewisse Summe, zehn ober zwölf Franken, erhalten werde.
Weinend ging sie hinaus.
Ich fragte, was sie verbrochen habe.
Er blätterte in einem Register.
„563. Sic war Magd bei einem Tierzüchtcr ... Sic hat ihren Dicuftgcbern einen Uuterrock gestohlen . . . Hausdiebstahl . . . Sie tvissen wohl, den Hausdiebstahl straft das Gesetz streng."
Aus Welt und Leöen.
Im Leben der Japaner spielen die Zahl sieben und ihre Multiplikationen eine große Rolle. 21 Tage nach der Geburt (3X7 Tage) geht die Mutter mit dem Säugling in einen nahegclcgenen Tempel. Bei dieser Gelegenheit, die nicht religiöse Zeremonien nach sich zieht, erhält das Kind papicrne Hunde, mit denen es später spielt. In Japan feiert man die Geburtstage nur in der Kindheit, berechnet bas Alter aber nach Jahrgängen, so daß ein am 2t). Dezember geborenes Kind am 1. Januar schon 2 Jahre zählt. Bei den vielen Feiertagen der östlichen Kulturwelt nimmt eS nicht wunder, daß auch den Kindern zwei Festtage im Jahre reserviert sind. Im 7. Lebensjahre werden die Kinder, die bis dahin znsammeulcbtcn, getrennt und in die Schulen geschickt. In den Volksschulen bleibt man bis zum 11. Jahre. Ter Nnterrichtsplan einer dieser Knabenschulen in den großen Städten entspricht so ziemlich dem europäischen. Die Mädchen lernen mehr praktische Fächer, daneben aber auch die Blum.'nbindekunst, die in Japan jedes Mädchen beherrsche» muß, wenn sic heiraten ivill. Es gibt jetzt aber auch Lyzeen, ivclche die Mädchen mit gelehrten Studien bis i» das 20. Jahr beschäftigen. Diese jungen Damen heiraten aber verhältnismäßig selten. In den Gymnasien für Knaben wird Englisch, Deutsch und Lateinisch gelehrt. Au die Stelle des Turnunterrichts treten Jiujutsu, die waffenlose Selbstverteidigung, und Kcnjuts», die Fechikutist. Jrgend- ivelcheu Religionsunterricht kennt man nicht. Zweinial in der Woche werden die Kinder mit der japanischen Ethik bekannt gemacht, deren Hauptpunkte Vaterlandsliebe, Humanität, Elternliebe und Gerechtigkeit sind. Geheiratet wird in Japan meist um das 21. Jahr. Da auf 100 Frauen 102 Männer kommen, so sitib »Junggesellimien" in Japan nur ganz vereinzelt zu finden. Jeder Japaner badet wenigstens einmal am Tage! — Tokio hat 13 Theater, aber 300 Sie»* töpe. —
Hesuiidl-eitspssege.
Bleivergiftung durch die Wasserleituu«. Im „Frankfurter ärztlichen Verein" hielt kürzlich Pros. Schwenkeubechcr einen Vortrag über Blcivergistuug durch die Wasserleitung. Im städtischen Krankenhausc zu Frankfurt a. M. wurde Ende April 1013 eine Frau aus einem Taunusdorf ausgenommen, die a» heftigen Lcib- schmerzen, Erbrechen und Verstopfung litt. Die Bcschivcrdcn bestanden schon seit dem Jahr 1012. Seit Beginn des Jahres war eine zunehmende Lähmung beider Arme bemerkbar. Tic Untersuchung stellte eine chronische Bleivergiftung sicher. Die Frau hatte etivas Schwächegefühl in den Muskeln, Bleisaum, sonst aber keine Beschwerden. Die Patientin wohnte auf einem vom Tors etwas abgelegenen Gehöst und gab au, daß aus diesem noch einige Per, soncu ähnlich erkrankt seien. Mau mußte daher mit großer Wahrscheinlichkeit die Wasserleitung als Ursache aunchmcn. Die OrtS- bestchtigung und die Prüfung des Wassers in Gemeinschaft mit dem hygienischen Institut bestätigte die Ansicht. Das Gehöst war durch ei» sehr langes Bleirohr mit der Wasserleitung verbunden. Dte Untersuchung der Bewohner ergab, baß sic mit nur wenig Ausnahme in stärkerem oder geringerem Maße bleikrank waren. Im Dorfe selbst ivurden die Insassen von zwei Häusern untersucht und bei zwanzig Personen zwölf mit sicheren Symptome» von chronilchcr Bleivergiftung gesunden, sechs ivaren verdächtig, acht ohne Vcr- gistnngSerschciuuugeu. In der Schwere der Erkrankungen ze>ge>k sich oft große Tisfercuzeu, die meist durch den größeren oder gcringereit Genuß von Wasser bedingt sind, oder auch >c nachdem daß genossene AKisscr längere oder kürzere Zeit Im Rohre gestanden hatte. Am gefährlichsten erwies sich auch das Nasser, das zuerst morgens dein Hahn entnommen wurde, nachdem eS die Nacht Uber im Rohre gestanden hatte. Die Kinder blieben mehr verschont als die Erwachsenen, da sie wettiger Wasser zn sich nahmen.


