Ausgabe 
20.2.1914
 
Einzelbild herunterladen

nie! Woraus sich dann eine Wette ergab. Ich behauptete, in vier­undzwanzig Stunden In einer feinen Kreolenfamilie vollständig heimisch werden zu können und setzte zwanzig Pesos ein. Hohn­gelächter der jungen Gauchos; sic setzten vierzig Pesos dagegen, so daß ich also noch aanz hübsch bei dem Vergnügen verdienen würde.

Am nächsten Tage erzählte ich dem Rheinländer Do» Gustavs Adolfs Schnitze <bie Kreolen sagten Tschulctze) von der Wette, und der war sofort mit bei dem Spaß. Was überhaupt ein seiner Kerl. Dienstlich etwas zugeknöpft, aber ein wohlmeinender Freund und «in lustiger Gesellschafter. Oft saßen war zwei, er, der Betriebs­leiter und ich, der Eiscndrehcr, tm einzigen Hotel des Pueblos und kneipten. Gründlich.

Der Karnevalsonntag kam heran. Ich zog meinen schwarzen Anzug ans Tageslicht, klopfte den schwarzen Pfeffer heraus, borgte mir von meiner derzeitigen Pflegemama, der etwa dreißigjährige» Witwe Mercedes Anila Gonzalez Herrcra ein vorsintflutliches Bügeleisen, Nadeln, Zwirn, besorgt« mir als Fleckwasser eine Flasche extra starken Maisbranntwein und renovierte. Lcincnwäschc konnte ich in dein Prärienest nicht auftreibcn. Dafür aber gabs ganz brauchbare Papierkrägen. Die Kravattensrage machte mir noch weniger Sorgen. Ein schönes blau und rot karriertes Seiben- tuch feinster Sorte smcin Gott, die vierzig Pesos waren doch schon so gut wie mein!) knüpfte ich in zierliche kunstvolle Maschen und der obere Gentleman war fertig. Na und auf die Stiefel kam's wahr­haftig nicht so an. Die Campesinos sind an die abenteuerlichsten Fußbekleidungen gewöhnt. Ich hatte übrigens da ei» Paar große schwere Juchtcnstiefel, die mich daheim bare vierundzwanzig Kronen gekostet hatten. Die mußten sich, fein gewichst, überwältigend aus­nehmen. Was sie auch taten.

So ausgerüstet, ritt ich an, Karnevalssonntag los »ach der EstanziaLos tres Leone»" <Die drei Löwen), in der Tasche einen Brief meiner Wirtin an de» Estanziero Don Manuel Carlos Ftur- balde Gonzalez. Auf dem Wege überholten mich eine Menge Pampastutzer, die gar grazil auf den imTranco" trabenden, silber- gefchmllckten Gäulen saßen. Sie musterten den Gringo im schwarzen Anzug und bunten Poncho sehr mißtrauisch, fanden es aber unter ihrer Würde, außer den, übliche» Gruß ei» Wort an mich zu ver­lieren.

So kam ich, müde vom Ritt und der Spätsommcrhitze des Februar und natürlich hungrig wie ein Wolf noch vor Mittag auf der Estanzia an, auf der ein Ballfest für die umliegenden Güter gefeiert werden sollte. Vor der Peonküchc (Leutehaus) hielt ich, sprang so elegant als möglich aus dem Sattel, zog meine Brieftasche und entnahm ihr mit großartiger Geste de» Brief und meine Karte. Meine Karte! Hatte nämlich beim Ingenieur welche fabriziert. Feiner Zeichenkarton, crstklasiige Tusche; und erst die Schünschrcibc- knttst! Also, so sahen sie aus:

Leo K o l i sch Weltreisender D. gl.

Dös glaabst! Einen Pcon bat ich, meine Karte im Herrenhaus abzugebc» und gleich daraus stand ich in cinein Wirbel reichge­kleideter Kreolen, anmutiger Mädchengestalten und wohlbeleibter Frauen. Und mußte die ganze getragene Feierlichkeit eines argen­tinischen Gastempfanges mitmachen. Den Ton Manuel Carlos (ich bin ja schon still) befriedigte der Brief seiner Base (alle Kreolen sind irgendwie untereinander verwandt) augenscheinlich sehr. Das war kein Wunder, denn meine kleine Wirtin wußte ja nicht, auf welch bescheidener Sprosse der sozialen Stufenleiter heutzutage ein braver Eisendreher zu stehen kommt. Dagegen sah sie mich oster mit dem Herrn Ingenieur promenieren, wußte, daß ich mit ihm kneipte; also mußte ich schon Wer sein.

Der gute Eindruck war da. Zumal ich mich sorgfältig mit der Pflege ineines Gesichts und der Hände befaßt hatte, ehe ich sortging. Während des Essens bemerkte ich, wie die Gesellschaft meine Tisch- manieren kontrollierte. Da war aber nichts zu tadeln: denn richtig essen hatte ich gelernt. Höchstens, daß viele sich wunderten, wenn ich das Messer so ausschließlich zum Schneiden verwendete und baß ich nicht wie sie Wein und Suppe, Kaffee und Kompotte durch­einander verschlang. Auch meine Haltung ivar anscheinend genügend gravitättisch, am meisten aber hatte ihnen wohl die Karte iinpvniert mit dem deutschen Titel und den geheimnisvollen Buchstaben unter ihm. Als einziger Europäer bekam ich den Ehrenplatz zwischen der Hausfrau und der ältesten Tochter, einer jungen, zwanzigjährigen Frau. Witrve, wie ich später erfuhr. Die Mutter Donna Ana Tcrcza ivar schon in jenen Fahren, in beneit die Distinguidodamen ausschließlich der Kirche zu leben anfangen. So drehte sich bas Ge­spräch um Kirchen, Klöster und Geistliche. Fch erzählte ihr, in meiner katholischen Heimat sei eine Kirche, deren Turm höher sei als der Eiffelturm. Tie Beichtstühle seien dort all« so groß wie kleine Zimmer und mit Warmluftheizung versehe». Das billigte die Gute zwar nicht; benit die Frömmigkeit sei doch nicht zum Ver­gnügen auf der Welt. Aber verschiedene andere Damen erklärten diese Einrichtung für sehr praktisch. Rozita, die Tochter, flüsterte mir zu, sie ginge überhaupt nicht gern beichten; die Sumpathie war dal Eiti anwesender Kaplan belobte mich sehr, weil ich aus Oester­reich sei. Ta» ist «i schönes, braves Land, ein gut katholisches Land. Die Behörden sind dem Papste untertan und die geistlichen Herren sind die wichtigsteu Berater der Krone. Fch konnte das mit gutcnt Gewissen bestätige»; sonst aber, sagte Ich höflich, lasse sich in Oesterreich ganz gut leben. Der Witz siel zu meinen, Glück glatt unter den Tisch.

Aber was, Pfaffen und ältere Damcnl Fch wollte doch meine Weite auf die angenehmste Weise gewinnen. Da war meine Nach­

barin zur Linken, die Tochter. O Nozita, den Karneval vergeh ich dir nie! Die Unterhaltung mit der blutjungen Frau war ganz eigenartig. Ter Mund redete lange noch von Klosterlebcn und kirchlichen Festen, und die Augen behandelten schon viel weltlichere Themen. Kaum eine Stunde waren wir bekannt, da fragt« sic mich schon, ob ich unverheiratet sei. Ich konnte das ruhig behaupten und cs schien mir, als ob die junge Fra» sehr befriedigt sei von meiner Antwort. Ob ich denn nie ans Heiraten gedacht hatte? Nein, ich bin ja noch so jung. Und dann wissen Sie, ein Wcltrcisendcr. . . Sie schüttelte de,, prachtvollen Kopf und meinte, man könne doch auch mit einer Frau reisen. Ich erklärte ihr, daß nur wenige Frauen zum Reisen Talent haben und daß die Reise zu Zweien das vierfache Geld koste. Und Geld sei rar. Das leuchtete ihr wieder nicht ein. Geld gäbe cs genug auf der Welt. Und reisen müsse herrlich sein! Sie ging aufs ganz«, bi« schöne Rozita!

Doch jetzt, welch« Ehre! Ter Hausherr widmet« mir einen Trinkspruch. Er sprach von dnn lieben jungen Gaste, dem be­kannten Weltreisenden d. gl. Leon Kol... den Namen brachte er nicht heraus und trank auf mein Wohl, aus eine gedeihliche Freundschaft zwischen de,» großen Oesterreich und Argentinien (da- nials war die dumme Hetze gegen das argentinisch« Gefrierfleisch noch nicht aktuell) und schloß mit den denkwürdigen Worten: Der große Kaiser unseres Gastes, Kaiser Franz Wilhelm von Oesterreich, er lebe hoch viva viva viva! Und wahrhaftig, ich »lachte das Kaiserhoch mit. Erstens hatte es eigentlich mir gegolten ltnd dann den Monarchen, den des Hausherrn Politik da erfand, konnte ich schon hoch leben lasse». Mein Tank ivar wohl etivas eigenartig, gefiel aber trotzdem sehr, da er sehr gefühlvoll herauskam. Weil nämlich die Nozita neben mir saß und ihre bräunlichen kleinen Finger dicht an meine Hand geschoben hatte.

Das BaUfest fand mich, wen» ein europäischer Tanz kam, als fleißigen Manu. Die argentinischen Tänze aber überließ ich wohl­weislich den Kreolen. Von diesen Künsten hatte ich doch noch zu spärliche Kenntnisse. Die Kreolen wieder empfanden meine Zu­rückhaltung als international« Höflichkeit und waren sehr zufrieden mit mir. Und auch der Umstand, daß die Rozita einigemal die Ehilcna" und denFandango" in, Stich ließ, um bei mir sitzen zu bleiben, konnte das Wohlwollen gegen mich nicht mindern. Ange­sichts all dieser Liebenswürdigkeit sielen mir die Wette und be­sonders die zwei Buchstaben auf meiner Karte schwer auf die Seele D. gl.l

Aber dann dachte ich daran, daß doch heute Karneval sei. Und drückte der schönen Rozita das weiche Händchen. Sic aber seufzte und drückte wieder. . . ?[» die Stunden bis zum Abend erinnere ich mich nur verworren. Fck, weiß nur, daß ich weiter schwatzte, tanzte, verliebte Rede» führte, zärtliche Händedrücke tauschte, roten Mcndo- zincrwe!» trank und an einem prachtvollen Spicßbratcn tcilnahm. Und dann war ich plötzlich in der Tiefe des Gartens, um mich brannten herrliche Blumen, ich atmete köstliche Dtiste und ich hielt Rozita in den Armen. . . Fraendwo i» der Ferne rief jemand: sie machte sich los:Nicht jetzt!"

Nicht jetzt! Welch ein berauschendes Versprechen lag In dieser Abwehr.Ich schreibe auf. was weiter." Und fort war sie.

Fch aber brauchte lange, um mich abzukühlen. Tann kam der Abschied. Fch dankt- kürzlich für den schönen Tag, der mir, dem landfremden Wanderer, wie vom Himmel gefallen beschert worden war. Tie Gattin des Estanzieros war beinahe gerührt und forderte mich bestimmt ans, recht bald wieder zu kommen; meine» Handkuß erwiderte sie durch eine» mütterlichen mitten auf den Mund. (D. gl. dachte ich mir.) Als ich nach all den zeremoniüscn Floskeln endlich, ei» wenig verwirrt, im Sattel saß, trat Rozita nochmals an inich heran. Und während ich ihre Hand ein letztes Mal küßte, fiihlte ich, wie sie mir etwas in den Stlcfelschaft schob. Rozita!

Als die Enkalnptusbänmc der Estanzia hinter der nächsten Tal- scnkung versunken waren, griff ich nach dem Brief; er enthielt nur zwei Sätze:Bei dem zweite» Fenz reite links ab bis zu dem großen Windmotor. Dort warte!"

Durch die mondbegläuztc Pampa, durch verstrupptcs Buschwerk ritt ich wie im Traum. Ein Gürteltier lief über den Weg, kleine Nager huschten raschelnd in ihre Höhlen, eln Käuzchen flog zankend ans, ein Trupp weidender Pfeüdc floh vor dem eiligen Reiter in die unermeßliche Pampa. Fch aber sah nur bas schlanke Eisen» gerüst mit de» schmalen Flügeln dort in der Ferne. Und dann stand mein Pferd vor dem großen Tümpel, dem die Windmühle uncrmüb» lich Wasser herausholte. Lange wartete ich Wett iveg hört« ich eine» Wagen knarren. Er scheint sich zu nähern, dann aber hörte da» Rädcrgeränsch auf. Dort wo es zuletzt ertönt war. sah ich jetzt einige Lichter ausblinken. Da war wohl irgend ein Haus. Und ich wartete weiter. Bis aus derselbe» Richtung Husschläge er­klangen. Diesmal kamen sie aber auf mich zu, tu gerader Linl« auf mich!

Rozita! . . . Und dann saß ich wieder im Sattel; ein kurzer Ritt und wir gingen behutsam durch de» Karte» über den Hof, durch die marmvrgepslastcrte Vorhalle in das Hau» RozitaS. Ein Karncvalsschcrz sollte cs fein. Aber daran dacht« ich nun nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, als ob lch in einem prächtigen Tome stünde und beten würde. Das junge Weib neben mir, was hatte denn die nun für dingen? Die großen schwarzen Sterne blickten auf einmal so unendlich rein und ernst, und »in den süßen Mund lag ein weiche», zartes Lächeln, Und ich sank vor ihr in die Knie, und wahrhastig, ich betete.

Der Landsmann Ingenieur machte große Augen, «IS ich, der verloren Geglaubte, drei Tage später, am Ascherniittwoch ange-