such für da? Proletariat wird bestimmt einmal durch die organisterte wirtschaftliche Selbsthilfe der Arbeiter, die unmittelbar den Kampf gegen daS Unternehmertum führen und ihm Zugeständnisse ab- zwingen, bann aber durch die politische Verfassung des Landes, in dem der Proletarier sein« Arbeit verrichtet. Der stärkst« Beweis, dast In der Tat der Kanrps der Arbeiterschaft letzten Endes ein politischer Kampf sein muß, wirb durch den Vergleich erbracht, der zwischen der Lebenshaltung derselben Proletarier in de» einzelnen LSudern gezogen wird.
Es läßt sich von Hauö aus vermuten, daß die Lage der Arbeiter ,imso ungünstiger ist, je rechtloser er ist, fe unfreier in der politischen und wirtschaftlichen Beeinflussung seines eigenen Schirksals, Das krasseste Mißverhältnis zwischen den machtvollen Bestrebungen des organisierten Proletariats und seiner Lebenshaltung muß sich in einem Lande zeigen, wo gleichzeitig sich die Industrie ungeheuer rasch entfaltet und «ine geradezu vorgeschichtlich wirkende Politik einer feudal-agrarischen herrschenden Klasse die Macht hat, Deutschland ist das klassische Land dieses Widerspruchs, Auch ohne Einzel- Untersuchungen kann man vermuten: die gewaltige der proletarischen Organisationen wird sich beweisen in Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen, Di« agrarische Politik aber wird die Lebenshaltung wieder so stark belasten, daß der Arbeiter wieder als Konsument verliert, was er als Produzent gewonnen hat. Nasche industrielle Entwicklung bei starker Bevöikerungszunahrne bedeutet ricsiegc Steigerung des Bedarfs an Lebensmittel» und an Behausungen in den konzentrierten Siedelungen der großen Städte, Ein Ausgleich kann nur gesunden werden, wenn die Erzeugnisse des Weltniarktes zur Versorgung des Jndustrieproletariats zu Hilse genommen werde». Sperrt sich aber das Industrieland agrarisch ab. so entsteht notivendigerweise ein« immer unerträglicher werdende Spannung zwischen dem erarbeitete» Lohn und den Kosten der Erzeugnisse, sür die man ihn auswcndet. Die Teuerung der Gegenwart ist allerdings «in« internationale Erscheinung, wesekitlich dadurch bedingt, baß überall auf der Erde sich Industrie entfaltet. Aber innerhalb dieser allgemeinen Erscheinung verschärft sich die Teuerung dort, wo ein Industrieland nach den Interessen einer agrarischen Kaste regiert, d, h, ausgebeutet wird. So wird — das läßt sich, ohne eindringlich« Sonderuntersuchungen als wahrscheinlich rinsehen — Deutschland vielleicht das Land sein, in dem der Industriekapitalisnms in der raschesten Zeit die unermeßlichsten Ncichtümer aufgehäuft hat, in dem — dank den Arbeiterverbändeu — die Löhn« rasch und erheblich gestiegen sind, wo aber zugleich auch, infolge des verhängnisvollen Dreibundes des Junkertums, des mit ihm versippten Klerikalisuuis und der schweren Industrie di« Lebenshaltung am meisten verteuert und erschwert ist.
Diese Mutmaßung wird durch jede genaue vergleichende Darstellung der proletarischen Lebensbedingungen in den einzelnen Länder» erhäriet, Denischland ist in der Tat i» einem ganz kurzen Zeitraum aus einem sehr wohlfeilen Lande bas teuerste Gebiet Europas geworden, und es drohen katastrophale Ereignisse, wenn die bisherig« Wirtschaftspolitik einer kleinen Gruppe von agrarischen und schwcrindustriellcn Interessenten sortgesührt wird, Diez ist bas warnende Ergebnis einer Schrift, die soeben der Verein für Sozialpolitik an seine Mitglieder versendet: L ö h n « u n d Lebenskosten i » Westeuropa i nt 19. Jahrhundert, Von D r. Karl von Tqszka, Der Verfasser, der im Statistische» Amt der Stadt Leipzig tätig ist, hat in dieser sorgsältigen Untersuchung die Löhne und Lebcnskoste» der Proleiarser in Frankreich, England, Spanien und Belgien vergleichnid dargestellt und sie in einem Anhang nnt der gegenwärtigen Lage des deutschen Proletariats kontrastiert. Das entscheidende Ergebnis ist, daß in dem freihändicriichen England die Entwicklung genau umgekehrt verlaust, wie in dem hochschutzzöllnerischen Deutschland, Innerhalb Deutschlands selbst zeigt sich ein ausfälliger Unterschied zwischen Preußen, tuo die Steigerung des Unterhalts ganz ungeheuerlich ist und zwischen den, Süden, wo bis i» die letzte Zeit hinein di« Zunahme der Lebenskosten »och geringer war, allerdings in der unmittelbaren Gegenwart di« Anspannung umso schärfer sich vollzogen hat.
Tie englische Entwicklung zeigt vom Ende des 18, Jahrhunderts bis zum Anfang des 29, Jahrhunderts ein unablässiges Fallen der Haushalts- und der Lebenskosten; in den letztere» ist außer den Ausgaben sür Nahrung auch Miete, Heizung, Beleuchtung, Kleidung und Wohnung einbegriffen. Auch im 29, Jahrhundert bleibt die Steigerung der Haushalts- und Lebenskoste» in England gering. Am furchtbarsten war die Teuerung in Engiand in der Zeit des Weltkriegs mit Frankreich, Setzt man di« Zeit von 1898 bis 1999 hinsichtlich der Unierhaliskosicn gleich 199, so waren die englischen Haushaltskosten in den Jahren 1811 und 1815 bis auf 275,9 gestiegen. Sie waren also fast dreimal so hoch wie am Ausgang des 19, Jahrhunderts, und sie erhoben sich im 29, Jahrhundert nur bis 111,7 sHaushaltskosten), 198,9 sLebcnskoste»), Daß sich in England die ailgemeineu Lebcnskoste« ln letzter Zeit noch günstiger entwickelt haben als der Auswand für die Ernährung, ist durch bas Sinken der Mieten veranlaßt worden,
Ten umgekehrten Weg nimmt die Entwicklung in Prenßen- Dculschlaiid, Setzt man auch hier die Hanshaltskosten der Jahre 1896—1999 gleich 199, so finden wir seit den: Beginn zuverlässiger statistischer Auszeichnungen ein ununterbrochenes und im 29, Jahrhundert stürmisches Ansteigen der Teuerung, 1821 bis 1825 betrugen bi« Lebeuskvstcn 18,1, »0 Jahre später 86,1, »ach den, dentsch- sranzvsische» Kriege steigt di« Kurve bereits auf 111, sinkt bann vorübergehend ein ivenig und erreicht 1996—1912 die Höhe von 127,
Innerhalb elneS Jahrhunderts Ist also die Lebenshaltung In Deutschland fast dreifach verteuert, wie In England aus fast ei» Drittel verbilligt worden. Viel günstiger stellt sich die Entwicklung der Lebenkkoste» in Frankreich und Spanien, Freilich ist aiich in allerletzter Zeit seit 1911 die Teuerung in Frankreich empfindlich gestiegen. In Belgien ist heute die Lebenshaltung billiger als zwischen 1866 und 1889, gegen den Ausgang des 19, Jahrhunderts aber Ist auch hier die Teuerungskurve steil ansteigend.
Nun sind in Deutschland onf der andern Seile die Nominal- löhne auch am raschesten gesticaen. Diese Steigerung beweist aber noch nichts für di« Kaufkraft der Löhne, die erst die Real'öhn« dar- stcllt. Setzt man den Reallohn, d, h, den wirklichen Wert des Lohnes 1999 gleich 199, so sank der Ncallohn 1919 in Großbritannien auf 92,2, in Preußen dagegen ohne Mieisanfwendungen auf 82,9, mit Miete sogar aus 79,6,
Tie Schlußbelrachtungen des Versassers sind hinsichtlich der deutschen Entwicklung denn auch sehr düster gefärbt: Ein Ende der Teuerung ist bei Beibehaltung der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik in Deutschland gar nicht abzusehen. Man wird im Gegenteil damit z» rechnen haben, daß die Verteuerung der notwendigsten Lebcns- bediirfnisse eine immer größere und schwerer« wirb, solang«, bis es der Industrie, und zwar zunächst dem wichtigsten Zweige, der Erportindustrie, unter dom Drucke der günstiger arbeitende» Auslandskonkurrenz nicht mehr möglich sein wird, durch fortgesetzte Lohnerhöhungen die Verschlechterung der Lebensbedingungen aus- zugleichen. Dann freilich wird, unter furchtbaren Arbeiiokämpicn, die Nachfrage nach Agrarprodnktcn allmählich zurückgehcn; zunächst infolge Einschränkung des Mehrbedarfs pro Kopf, da den, Emporsteigen der unteren Schichten die Verschlochterung des Lebensstandards sehr bald Einhalt gebietet. Dann aber wird auch jene von allen Staatsmännern bisher gciiirchtetc Erscheinung, die schon heute ihren Schatten vorauswirst, Stockung der Bcvölkernngszunahme infolge Rückganges der Gcbnrtenziifer, nicht nur bei den oberen Klassen, sondern auch bei dom grosien Kräitereservoir de? Volkes, den unteren Schichten eintreten, und die Nachfrage »och Lebensmitteln auch ans diesem Grunde und zivar nun cndaiiltig und siir die Dauer zurückgehen.
Das sind die Aussichten sür die deutsche Zukunst, Aber schon heute steht über Deutschland, durch die Absperrung der LcbenLmittel- zusuhr vom Weltmarkt, das Verhängnis, da? der Verfasser, auf Grund seiner staiistischen Nachweise, in dem Satze ausdrückt: „Deutschland ist heute vielleicht das teuerst« Land in Europa," Di« Lohnaufbesserungen halten nicht mehr Schritt mit der Verteuerung. Hier liegt die Uriache, warum Dcnlichiand auch politisch im Rat« der Völker cntwnrzeit wird, während England, wie Tnszka hervor, hebt, gerade durch seine kluge Wirtschaftspolitik die Führerrolle in Europa inne hat.
Ast das Kind schulftriig?
„Du hast doch nichts vergessen?" ist die Frage, die die sorgende Mutter fast täglich dem zur Schule gehenden kleineren wie größeren Kinde nachruft. Gewiß meint cs die Mutter wohwollend;; doch ganz streng geurteilt ist die Frage recht überflüssig, nämlich dann, wenn die Kinder an peinliche Ordnung gewöhnt sind. — Doch leider möchte in vielen Familien die Mutter genau die Bücher kennen, die an den einzelnen Tagen von jedem einzelnen Kinde in der Schule gebraucht werden. — In manchen Familien gibt es früh eine richtige Jagd nach den Büchern. „Wo ist den mein Federhalter, mein Bleistift?" sind Tagessragen, Den Halter brauchte am Abend der Vater, und die Mutter hat den Bleistift im Küchentischkasten liegen. Des Jungen Rechenbuch mußte gelegentlich als Lampenuntersetzer dienen, daher die großen Petroleumflecken iin Papier. Im Lesebuch fehlen einige Blätter, die hat das dreijährige Schwesterchen'heraus- gerissen, als man ihm das Buch zum Spielen gab. Der Abc- Schütze Karl hat die Bilder darin nach seiner Ansicht »nd nach seinem künstlerischen Erinessen mit Buntstift ausgemalt, da er das in der Schule Gelernte praktisch verwerten wollte, — Einen Buchumschlag und eine Brottasche in irgendwelcher Form kennt man nicht: direkt auf die Bücher die Fettbemme gelegt, so trollen die Kinder oft zur Schule, Glücklich sind sie angekommen. Natürlich ein gründliches Waschen, ordentliches Haarkämmen und Schuhputzen gibt es nicht. Wie könnte man dann wohl ans den ganzen Haushalt, speziell natürlich auf die Mutter schließen? Ein Lach, größer oder kleiner, im Strumpf oder im Kleid sind nichts Besonderes, Recht treffend lassen sich die Fingernägel vieler Kinder mit Drcckschippen vergleichen. Den Ersatz für das Taschentuch bietet der Rockärmel. Am Mantel sind die Knöpfe durch Stecknadeln markiert, Mütze und Haube liegen in irgendeiner Ecke und konnten, da nur noch fünf Minuten fehlten, früh nicht ausfindig gemacht syerden. Nicht einmal Zeit


