Ausgabe 
13.2.1914
 
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Lrefien, Freitag den !Z. Februar 1914.

6. Sakcgang

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Jugendkttttur und Krolik.

In der bayerischen Abgeordnetenkammer unternahni kürzlich ein klerikaler Gymnasiallehrer eilten Ueberfnll auf die Jugendbewegung, die sich an die idealistischen Bestrebungen Dr. Wynckcns und der Freien Schulgemeinden angcschlossen hat uild deren Ahnherr Pestalozzi nnd Fichte ist. Der schwarze Parlamentarier stützte sich auf eine BroschüreJugendlite­ratur", in der nach München-Gladbacher Methode Tatsachen verwirrt, Zitate verstümmelt nild gefälscht sind. Ter kleri- kale Abgeordnete denunzierte diese angeblich geheime Gym- nafiastenvcrschwörnng der Regierung zur gewaltsanien Aus­rottung. tlnd liberale Schulmeister blamierten sich, indem sie sofort, ohne jede Kenntnis der wirklichen Erscheinungen, dieseIlbertinistische",grüne" Revolteblasierter Bengel" preisgab. Das Material hatte eine Schülerzeitschrift Der Anfang geliefert, in der sich die Jugend selbst über ihr Leben auSspricht, und Urkunden sammelt, die hoffnungsvoll zeigen, daß sich hier ein neuer, freier und idealistischer Geist regt.

Für das Proletariat existieren zunächst diese Fragen nicht: die proletarischen Knaben und Mädchen lverdcn mit Ich selbst schon mit 13 Jahren in das brutale Erwerbsleben hinansgc- stostcn, ehe sie zur Besinnung über sich selbst kommen und ohne jene stürmischen Jahre beginnender Geschlechtsreife frei und geborgen auf die Pflege ihrer inneren Kultlir ver­wenden zu können. Aber die Sozialdemokratie hat Sym- pathie für alles, was die Menschheit eniporsührt, sie bekämpfl jeden geistigen Zwang, und darum fühlt selbst sie mit den edleren Sprossen der Bourgeoisie, von denen sie doch weist, dast sie andere Wege gehen werden, als die Massenkämpser sozialer Erlösung. Srhließlich ist es auch nicht ganz gleich­gültig, ob die bürgerliche Jugend auch künftig jenen ver- ruchten Typ des kalten Strebers, rohen Gewaltmenschen und Hüsten Genüstlings (um dann fromm nnd sittlich zu heucheln!) darstellcn wird, der dann als Herrscher des Klassenstaates über das Proletariat amtliche Macht gewinnt.

Tann aber ist cs in der Tat ein menschlich ernsthaftes Problem, dast die ans sozialen Gründen immer mehr steigende lleberalterung der Mittelschüler sic noch in den Jahren der dumpfen Schnlzncht auSliefert, da frühere Generationen längst sich frei, selbst zügellos auf den Universitäten tummel­ten. So prallen gerade die ersten Wildzeiten der Erotik noch mit dieser die natürlichen Tatsachen feig übersehenden oder brutal mißhandelnden Schnlmeisterei zusammen. Jeder Er­fahrene weiß, wie dadurch daS Triebleben entartet und be­schmutzt wird. Die Zeitschrift, die der Verein zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten hcrausgibt, hat darüber ein furcht­bares Material gesammelt. Darum ist cs ein Verdienst, dast gerade auch aus diesem Gebiet in jener verleumdeten Schüler- zcitschrist sich die jungen Leute bekennen, nnd statt in eklen Winkel» das Größte der menschlichen Natur geissig nnd körperlich zu besudeln, um eine Reinigung des Trieblebens, um einen freieren und zugleich die Menschenwürde achtenden, sittlich und sozial veredelten Verkehr der Geschlechter zu ringen. Durch infame Fälschungen, indem man nur die Zn- standsschildernngcn über die Betätigung des Trieblebens abdrnckte, aber jene idealistischen Mahnungen unterschlug, die doch erst den Willen und die Richtung dieser jugendlichen

Bekenntnisse offenbarten, hat man einen verheißungsvollen Gesundheitsprozeß schmählich verleumdet.

Dr. Wyneke» selbst, der im Mittelpunkt der klerikal- liberalen Parlamentshetze steht, veröffentlicht eben einen Vor­tragWas ist Jugendbewegung" (München bei Georg C. Steinicke) und in einem Nachtrag setzt er sich auch kurz mit seinen neuesten Angreifern auseinander. Die ernsten Worte, die er hier über die Erotik der Jugend spricht, sollte jeder beherzigen, der ans die Jugend Einfluß zu üben berufen ist:

Haben wir wirklich ein so gutes Gewissen angesichts der Lebensführung, die wir unserer jungen Generation auf- crlegen? Welches sind die Erfolge unserer pädagogischen Diktatur? Mit besonderer Heftigkeit hat man sich gegen den neuen Willen der Jugend ans dein Gebiete der Erotik ge­wandt, einen Willen, der doch schließlich nur auf eine höhere Natürlichkeit, Reinheit und Schönheit des Verhältnisses der Geschlechter hinausläuft. Haben wir nun wirklich das gute Gewissen, das uns befähigt, die Stimme der Jugend zu über­hören, wenn sic mit unserer eigene» Meinung nicht übercin- stimmt? Was sagen uns die Aerzte über die Verbreitung der Onanie oder der Geschlechtskrankheiten bei Jugendlichen? Nnd schlimmer noch ist, worüber die Aerzte nichts zu sagen wissen, die Verwüstung des Liebeslebens in den Seelen. Alle diese Zustände kominen doch schließlich auf unser Konto, in das Schuldbnch der ästeren Generation, und fürwahr, als eine Blutschuld stehen sie dort verzeichnet. Ich meine, ange­sichts dieser Dinge sollte» auch die trägsten Herzen erzittern. Unsere Unfähigkeit, die Jugend zu leiten, ja nur zu retten, ist nachgerade wirklich erwiesen, und ich weiß nicht, woher wir den Mut aufbringcn wollen, einer Jugend den Mund zu verbieten, die ihre Rettung und Erziehung jetzt, so weit cs in ihren Kräften steht, selbst in die Hand nehmen möchte, und die sich gegen ein System auflehnt, das ihr tiefe nnd unheil­bare Wunden geschlagen hat oder zu schlagen droht.

Wus wollen einzelne, was wollen selbst viele Entglei­sungen der protestierenden Jugend besagen angesichts der Dinge, gegen die sie protestiert? . . . Wollt ihr unfähig sein, eine Generation zu verstehen, die ihr erzeugt habt?"

Das teuerste Land Kmopas.

Ii,S Proletariat leidet überall, wo in der Welt sich die kapi­talistische Betriebssorm der Gesellschaft entkalket hat, unter den gleiche» Zwangs beding« »gen des Systems, deren notwendige Wirkung crst beseitigt werden könne», wen» das kapitalistische System selbst beendigt ist. Aber innerhalb der gleichen kapitalistische» Ordnung, innerhalb ihrer Bedingungen und Schranken entfaltet sich mehr und mehr eine große Mannigfaltigkeit des proletarischen Da­seins, der Lebcnsvcrhältnisic der Lohnarbeitcrschasi. Innerhalb des­selben Landes klafjcii auch !m Proletariat selbst große llnterschiede der geistige» und ivirtschastliche» Kultur. Iu den verschiedene» Ländern aber der zivilisierten Erde gestaltet sich das Los des Pro­letariers durchaus verschiedenartig. Nicht nur ist das Maß politischer Freiheit, wirtschastlicher Abhängigkeit gesellschaftlicher Achtring un­gleich, jeachde», der Arbeiter in einer radikalen Demokratie oder in einer halbfeudalen Militärmonarchie lebt, sonder» auch die unmittel­bare wirtschaftliche Lage, Arbeitszeit »nd Arbeitsbedingunge», Lebenskosten, Lohnhöhe zeigen wcitauselnander führende Richtung?, litücn. Das Maß des kapitalistische» Druckes ist anders siir de» Proletarier i» England, in den Bereinigte» Staaten, in Australien oder in Neuseeland, anders i» Ben Osisiaale» Europas oder in Dciiischkand. Dieser Grad der Teilnahme an der allgemeinen Kultur