Ausgabe 
6.2.1914
 
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tvH berechn«»; ober weil sie sich für verpflichtet Hai kn, Seit grob«» Appetit der Kinder durch Darben a» sich selber wieder auszugleichen: oder weil sie, so lange kleinere Kinder z» versorgen und zu füttern sind, tatsächlich nur zu ei» paar hastigen Bisten gekommen sind; oder weil schließlich ihre Portion so kalt geworden ist, dasi es nun nicht mehr schmeckt; oder weil über dem Absüttern der anderen so viel Zeit vergangen ist, das; sie selber nur eilig anss Ende dränge», denn sic denken schon wieder an Auswasch- und Näharbeit. Und wenn der Magen rebelliert, so trösten sie sich damit, daß sie sich sa später an Kasse« und Brot schadlos halte» können. Und so steigert sich gerade tn den Jahren der jungen Ehe, wo die Frau ihre Kräfte wahrhaftig zusammenhalteu sollte, der Zustand einer dauernden Unter­ernährung,

Nun wäre es nichts weiter als sentimentales Gerede, wollte man behauptet!, dasi nur ein wenig Energie und vernünftiger Wille notwendig seien, um die Proletaricrsrau vor den, lächerlichen und doch so heimtückischen Schicksal des langsamen Verhungerns zu be­wahren. Wo die Armut die Bissen verteilt, wo die Krast der Frau im Leiden liegt, da wird immer die Frau am meisten und wird gern enlbehretl. Aber über diesen Schichten gibt es genug proletarische Haushaltungen, in denen auch die Frau sich satt essen und sich bei Kräften halten könnte, wenn Einsicht und Ucberlegung und Wille da sind. Wo es wirklich nur töricht« Selbstquälerei und sinnlose Selbstvernichtung ist, wenn die Frau glaubt, durch ihr persönliches Darben und Entbehren den Haushaltverbrauch vermindern zu mllsten oder wirklich zu vermindern. Als ob nicht «in« immer gesunde, elastische, leistungsfähige Hausvcrwalterin eine bessere Garantie des häusliche» Wohlstandes märe als eine dahinsiechende, unsrohc, schwacke, selber hilfsbedürftige.

Aber auch in diesen Verhältnissen ist heute die Besserung nicht von einem Entschluß und einer krästigen Selbstbesinnung der Frau zu erwarten, sondern nur von der Liebe des Mannes. ES ist Freund- schastspslicht des Mannes, daß er nicht nur nicht auch noch jede» Bissen sich von der vielgeplagte» Frau vorschneiden und in den Mund stecken läßt, sondern, daß er sich mit ihr in die Versorgung der Kinder teilt, oder doch wenigstens daraus achtet, daß sie selber zum Essen kommt. Es ist ungeheuer viel wert, wen» er sich beim Essen nicht mehr herrisch-abwehrend hinter seine Zeitung verschanzt und sich weder um Frau noch Kinder kümmert, sondern wenn er unter­haltend, ordnend, wehrend, helfend neben der Frau sitzt und sich als Vater ebenso vcrpslichtet suhlt, wie jene sich als Mutter. Schließlich ist es doch sein Weib, von dem er selber wünscht, daß cs lange elastisch bleibe, und die Mutter seiner Kinder, die ihren Pflichten gewachsen bleihen soll.

Auch die Kinder selber müssen so gehalten werden, daß sie sich nicht zu Ileinen Haustnranuen auswachsen können. Sie müssen warten lernen und «insehcn, daß sie nicht allein am Tische sind, daß die Mutter nicht bloß ihre Sklavin ist. Auch dazu ist der ruhig­kräftige Einspruch des Vaters nötig, denn die Mutter behauptet ihre Ansprüche bisiveilcn nur schwer gegen die heftig begehrenden Kinder. Zudem ist es überhaupt töricht, die Kinder gar zu lange zu be­muttern beim Essen. Sie selber würden gern sriihzeitig selbständig werden, wenn die ängstlichen Mütter nicht gar so sehr wehrten.

Kindel iittsöeutlulji im frommen Lande.

In der rücksichtslosen Ausnutzung der Arbeitskraft sind die Kapitalisten aller religiösen und politischen Richtungen, Liberale wie Reaktionäre, Freidenker und Fromme, so ziem­lich einander gleich. Was die Frommen dazu geben, ist ein größeres Matz Heuchelei. So erzählt der Abgeordnete, Ziegelei­besitzer Van Reeth ans Boom in der Provinz Antwerpen, daß in seinem und seiner Kollegen Betriebcit keine Kinder nusgebcutet würden. Sie arbeiteten nicht tut Betriebe, sie spielten dort nur. Wie dies liebliche Kinderspiel beschaffen ist, haben dann unsere Genossen Huysmans und Anseele nachgewiesen: zwölfjährige Kinder müssen täglich durchschnittlich 3 2 Kilometer mit schweren Lasten zuriick- lcgen, d. i. etwa das Mas; der Leistung, die man in der kurzen Manöverzeit kräftigen Soldaten zumntet. Selbst die gesetz­lich vorgcschriebcncn Ruhepausen müssen mit leichteren Arbeiten ansgefüllt werden. Können die Kinder dieses Mas; von Arbeit nicht leisten, dann nehmen sie ihre kleine reit Brüder zil Hilfe, die nach der Schule ihnen einen Teil der Arbeit abnehnien, sodaß der Unternehmer für einen Lohn zwei Kinder in seinem Dienste hat.

Ein anderes Beispielspielender" Kinder bietet die Spitzenindustrtc mit ihren großenteils zu 5t'löstern gehörigenK l ö p p e l s ch n I c n". Tie Beschäftigung kleiner Mädchen weit unter dem gesetzlichen Alter tvird votl Berhaegen i» seinem Buche über die Spitzenindustrie für die weltlichen Spitzenschulen zugegeben. Für die geist­lichen, von Nonnen geleiteten aber tritt auch hier dasSpiel" Plis. Er erzählt, wie die Kinder zunächst allgemeinen Unter­

richt erhalten und zur ersten Kommunion vorbereitet werden. Inzwischen, so gegen das Alter von 89 Jahren, zeigt sich in ihnen der Drang (eoentiau) zum Spitzenmachen. Sie sind neben einem Klöppelpolster geboren. Immer sahen sie ihre Mutter über die Klöppel gebeugt und lernten oft die ersten Eleniente der Spitzenkunst vor dem Eintritt in die Schule. Dann möchten sie in allem den Groben gleichen, die die Arbcitsstube mit dcni Klick-Klack ihrer Klöppelstäbchen erfüllen. Die Eltern unterstützen sie in dieser guten Absicht, und oft wird im Alter von 910 Jahren, nie früher, die kleine Schülerin von den Nonnen für zwei oder drei Stunden täglich in den Arbeitsraum zngelassen." Einfach rührend, dieser Arbeitsdrang der Kinder, dem die Nonnen schließlich ip bescheideneiit Maße willfahren. Leider sieht auch hier die Wirklichkeit wieder ganz anders aus als die fromme Legende.

Berhaegen selbst berichtet von Klosterschulen, so der in Poucqne, wo schon Kinder von 78 Jahren 46 Stunden täglich arbeiten. Das widerspricht dem Gesetze von 1889, geht aber ruhig weiter. Sind sie 12 Jahre alt, so läßt man sie noch länger, oft bis abends 7 Uhr arbeiten. Dann aber gibt man ihnen noch Arbeit für 23 Stunden, ja »och mehr, m i t nach Hansel Entweder müssen diese Kinder dann bis in die Nacht hinein, vielleicht gar die Nacht durcharbeiten, oder die Mutter oder eine ältere Schwester erbarmt sich ihrer uns macht einen Teil ihrer Arbeit neben der eigene». Dafür tvird natürlich auch nur der Lohn der Kinderarbeit bezahlt, der nach der Angabe des Abbck S t e r k x bei den Ursulerinnen 1%7 Centimes (V/o5 y 2 Pfennig) die Stunde beträgt. So spielen," heißt es davon ini Peuple,die kleinen klugen Mädchen in dem hübschen Arbeitsraumc, wo die Stäbchen Klick-Klack machen. Die kleine Brust beugt sich über die Polster, und bei der raschen Arbeit h u st e t man viel. Die Spitze tvird dann verkauft. Sie werden den Preis dafür nicht erhalten, aber ist eine so hübsche U»t-"^"'^"ng nicht schon Lohn genug?"

Kinder.

Von Clemcntine Krämer (München).

Der Hansel will gleich damit ansangen, Geld zu sainineln für einen Kranz.

Und der Werner weint wie er dürt, daß der Großvater gestorben ist. Ganz wirklich ivelnt er, was ihn, bei den Geschwistern noch auf lang« hinaus ein gewisses Ansehen verleibt.

Everl aber schaut bloß mit großen stillen Augen von einem zum andern. Tan» hält sie sich an die Tante. Tic scheint ihr von allen die Traurigste.

Wenn die Tante aufschluchzt, streichelt ihr das Kind allcinal die Hand. Besonders auf dem Friedhof . . .

Ans dem Sarg liegen viele Kränze mit Schleifen. Lila. Weiß. Grün. Schwarz. Und ein großer Strauß gelber Rosen.

Dahinter geht der Vater mit seinen zwei großen Bube» von zehn und sieben Jahren. Und e? schaue» alle drei ans wie Kinder. Ein großes Kind und zwei kleinere. Wie Kinder, deren Gesichter nicht geinacht find flir das Tranrigsein . . .

Wie inan heimgckommen ist vom Friedhof, setzt« man sich mit den vielen fremde» Onkels »nd Tanten jum Kasse«.

Da inacht sich die kleine Auguste bemerkbar, die man nicht mit­genommen hat aus den Friedhof, weil sie noch so klein Ist, und »och nicht einmal in die Schul« geht. Also, da sagt die Gust! zu Irgend- wcm:Soll ich Dir mal zeigen, wie ich einen Purzelbaum mache» kann? und gleich darauf llbcrkngelt sie sich ein paarmal. Daraufhin erachten es auch die Geschwister nicht mehr länger für notwendig, traurig zu sein und sind lustig mit dabei.

Bis der Vater den großen Wenter heranruft und ihn sragt, ob er denn schon garnicht mehr daran denkt, was heute für ein Tag sei. Und daß sie doch soeben den Großvater zu Grabe getragen hätten. Den Großvater, der sie alle so lieb gehabt. . . .

Und was er glaube, wle erstaunt der sein würde, wenn er di.'s soeben hätte sehe» können.

Dies mit den P»rzelbänine».

Da bemüht sich Jnng-Berner von neuem, traurig zu sein.

Doch hei der ersten Gelegenheit macht er sich davon.

Ich glaube aber garnicht, daß sich der Großvater sehr betrübt haben würde über die Kinder »nd über die Purzelbäume

Denn als den Großeltern bas Melanicchen gestorben ivar >-,