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Wöchentliche Geilage der Sberbeffischen GolksZeitung
Nummer 5
Sieften, Freitag den 6. Februar 1914.
6. Sabcgang
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Kirche und chevurtenrückgang.
Die deutschen Bischöfe haben einen Hirtenbrief erlassen, der in den katholischen Kirche» Deutschlands verlesen worden ist und von der Zentrnmspresse abgcdrnckt wird. Der erste Teil handelt von den« Geburtenrückgang: er ruft auf „zum Schutze der christlichen Familie, die von furcht- bare» Zeitübeln und Zeitlaster» schwer gefährdet ist." Die Geburtenzahl sei in Deutschland von 42 pro tausend Ein- ivohner ini Jahre 1876 auf 26 im Jahre 1911 zurückgegangen, „und zwar im letzten Jahrzehnt in Deutschlandrasch er als s e l b st in Frankreich und B e l g i e »." Aus de», Hirtenbriefe sei das folgende wörtlich wiedergegeben:
„Die tausche» sich und andere, die den Rückgang der Gebürte» lediglich oder hauptsächlich ans ungünstigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, aus der Teuerung der Lebens in ittcl, der Erschwerung der Lebens- halt» n g herleiten wollen. Unser Volk hat sich durch viel schlimmere Zeiten hindurchgckämpft, ohne datz jene schlimme Erscheinung cingetrcten wäre. Nachweisbar ist das beklagte Ucbel nicht eine Folge der Not, sondern eine Folge des Luxus; in den oberen Ständen, in reichen und wohlhabenden Kreisen hat cs seinen Anfang genommen und ist erst mit den Lastern dieser Stände allmählich auch ins Volk cingcdrnngen. Wir wollen gewiß nicht in Abrede stellen, datz mancherlei soziale Mitzstände der Gegenwart das Uebel gefördert und gesteigert haben, so namentlich das W ohn un gse l en d in den gröberen Städten. Hier müssen staatliche Fürsorge und christliche Barmherzigkeit znsammcnhclfcn und alles aufbietcn, um diese schlimmen Zustande zu überwinden. Aber das sind nur Ncbcnursachcn. Die Hauptursachc, der Hauptschuldige ist der böse Wille, der böswillige, lasterhafte Mitzbrauch der Ehe. Die sittliche Fäulnis, die sofort Play greift, wo christlicher Glaube und christliche Sitte schwinden, ist bereits hinabgedrunge» bis zur Lcbenswurzcl der Familie. In weiten Kreisen ist di« Ehrfurcht vor der Heiligkeit der Ehe verloren gegangen. Man will die ehelichen Rechte auSüben, ohne die ehelichen Pflichten auf sich zu nehmen. Zügelloses Begehren, kaltberechnende Selbstsucht und Habsucht, feige Scheu vor Mühen und Opfern verführt dazu, daß man freoclhajt dem Schöpferwillen Gottes Trotz bietet, die Natur vergewaltigt, den Hauptzweck der Ehe vereitelt, sie entweiht, verunstaltet, mit Unfruchtbarkeit schlägt, die Kinderzahl vermindert, ja durch Vernichtung des keimenden Lebens geradezu äuin_ Mörder wird."
Weiter wird der Geburtenrückgang bezeichnet als „die Pest, die dem Kriege gegen Christentum und Kirche aus dein Fuße folgt." Tann lägt sich der Hirtenbrief über die Heilig- kcit der Ehe ans, die „von dein allmächtigen Gott zugleich mit der Erschaffung des Menschen gestiftet" worden sei und die er „schon in, Paradiese gesegnet und mit seiner Schöpferkraft befruchtet" habe.
Die Bischöfe gestehen stillschweigend ein. daß die Kirche cs nicht für nötig gehalten l>at, mit einem solchen Hirten- bricse zu kommen, solange sich die „Gebnrtenregnliernng" ans die Kreise der Besitzenden beschränkte, also derjenigen Kreise, die leichter ein Dutzend Sproßlinge ernähren, bekleiden und großzichcn können, als die Besitzlosen nur ein einziges Kind. Der ganze Brief der studierten Kirchensürsten ist ja mit seinen antiwissenschaftlichcn Ansichten nicht für die Gebildeten und Wohlhabenden, sondern für die geistig und sozial Arnicn bestimmt. Die Epistel über die Heiligkeit der Ehe hätte auch viel früher kommen dürfen, und zwar wäre sie zu richten gewesen an all die kirchentreucn katholischen Bourgeois, die im klerikalen Leben eine große Nolle spielen und trotzdem das Gebot der ehelichen Treue immerfort als
einen Zwirnfaden bewertet haben. Ans jeder Stadt ließen sich ultramontane Größen nennen, die ans die Heiligkeit des Sakramentes der Ehe pfeifen.
Genau so denkt man in diesen Kreisen über die „Pest des Geburtenrückgangs", die mit den, «Kampf gegen Christen- tum und Kirche" wirklich nichts zu tun hat. Die Herren Bischöfe mögen mal die Nanien der klerikalen Führer, beispielsweise der Zentrnmsabgcordneten, der Reihe nach vornehmen, »in fcstznstellen, wie weit die Kinderzahl der großen Mehrzahl dieser Leute noch von dem französische» Zloeikinde» system entfernt ist; einzelne der Herren halten es sogar für beqncnier, auf das von dem allmächtigen Gott gestiftete und von Christus zum Sakrament erhobenen Institut der Ehe zu verzichten.
Tie Bischöfe können den Einfluß der sozialen Not, insbesondere des Wohnnngselends und der Lebensmittelver- teucrung ans die Geburtenzahl nicht ganz leugnen; sie bestreiten, daß das die H a u p t n r s a ch e n sind. So m ü s s e n sie reden, sonst würden sie gegen den Boden- und den Lebens- mittelwuchcr ankänipfen müssen, der von den christlich sich nennenden Machthabern und Parteien getrieben wird. Darum übergehen die Bischöfe auch absichtlich die Säuglingssterblichkeit, jene wirkliche Pest, die den fünften Teil aller Neugeborenen schon wieder im ersten Lebensjahr hinwegrafft. Wer den Geburtenrückgang beklagt, der muß vor allem dafür sorgen, daß die Hnnderttausende lebensfähiger Kinder erhalten werden, die jetzt an den Einrichtungen der von der Kirche mit all ihrer Macht gestützten Staats- »nd Gesellschaftsordnung bald nach der Geburt zugrunde gehen.
Das Berfirmgern am Hische.
Ist es nicht ein hübsches Familienbild, wie mittags und abcrrds eine appctitsrohe, erwartungsvolle Kinderschar enggedrängt um die Mutter herumsitzt am Tische? Wie viele bittende Augen sich zu ihr wenden, wie viele Teller verlangend ihr zngeschobcn werden? Und wie dann langsam mit jedem gefüllten Teller ein bitzchen mehr Ruhe, nichr Eintracht, mehr Behagen sich über den Tischkreis breitet, bis zunächst einmal alle Wünsche schweigen in eifrigem Genieße»? Es ist freilich nur ein Moment des AufaUnens und AuSruhenS für die Mutter, denn bald schon kommt der zweite und vielleicht auch noch ein dritter Ansturm der erst halbbesricdigtcu tapfere» Esser. Aber wenn nicht etwa bitterste Brotsorgcn jede freundliche Betrachtung unmöglich machen: eS bleibt dock> für jede Mutter ein Bergnügen, diesen gesunden, frischen Appetit zu sehen, diese drängende Erwartung zu befriedige», diese heftigen Wünsche alle zu erfüllen. Sie gibt ja so gern, sie sorgt ja so gern, sie vergitzt sich selber ja so gcrli, wenn nur die anderen alle satt und froh werden.
Aber das ist eben di« nüchterne Kehrseite dieses poetisch-anheimelnden Familienbilbes: die müttcrlich-bedenkende und austeilende Hausfrau selber kommt kaum zuni Essen: sie sitzt wie die anderen am vollen Tische, aber sic kann ruhig dabei verhungern, wenn sie nicht mit aller Energie an sich selber denkt, lind wo sind die Frauen, die wie die Männer den gesunden Fnstinkt haben, daß, wer arbeitet, sich auch satt essen mutz? Ter Frau im Gegenteil ist es selbstverständlich, daß erst der Mann und die Kinder satt sein müssen und datz ihr gehört, was übrig bleibt; oder datz sic a» sich erst denken darf, wenn sie »ach der Versorgung aller anderen wieder Zeit hat. Es gibt keine „echt weibliche" Mutter, di« wie der Mann, einfach loSitzt, tvcn» die Schüssel ans den Tisch kommt, und die tvirklich initiier satt ist, ivenn sie mit den andcren vom Tisch aussieht. Dagegen gibt eS Tausende von Francii, die sich zu den Hauptmahlzeiten kaum satt essen. Entweder, well sie von vornherein z» wenig auf den Tisch bringen, indem sic sich selber nicht so recht als vollen Esser


