Ausgabe 
30.1.1914
 
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forscht unter dem langsanieu Fuß deS Wanderers, und hin und wieder, wenn er ausrastend einen Stamm umklammert, schütteln die ans dem Schlaf aeweckten Aest« «inen unwirschen Flockenwirbel herab auf der Störer, der da ächzend, hustend, nach Lust ringend, unter ihnen steht. Der aber achtet nicht darauf, noch auf alt die Schönheiten des winterlichen BergwaldcZ. Die abenteuerlichen Kleider der rauhbcrcisten Bäume, di« phantastischen Eisgebilde, die von liberhaugendcn Felsen, herniederkletteru, das unendlich ge­dämpfte Murmeln des Waldbaches, der irgendwo in der Nähe, tief unterm Schnee vergraben talab fließt; das gcheiinnisvolle Knacken und Knattern ringsum, wenn cinsrierendes Baumgcäder seine Zellen sprengt, der rührend ängstliche Ruf irgend eines Winter- vögleins, bas vielleicht vom Habicht bedroht ist: all das scheint den Mann nicht tiefer zu berühren als jenes hungernde Reh, bas eilig durchs dürre Gezweig brechend, der Fuitcrstelle zustrcbt.

Wieder keucht er bergan, Schritt um Schritt, »nd weihe Nebel- Wölkchen, von seinem Atem erzeugt, schweben vor ihm her. Es ist Samstag und er geht heimwärts, den Lohn der Woche in der Tasche. Und um das ach so durstige Geldtäschchen im Hoscnsack krampst sich zornig und schmcrzersüllt feine Hand. Es ist wenig, so wenig! Und doch ist cs vielleicht das letzte Geld, das er verdient. Da hat er nim slinszehn Jahre an, Schlciskasten gesessen, hat sich die Finger blutig geschunden und die Augen iniide geschaut. Uno jede fein­geschlissene Vase, jedes blinkende Flacon, jeder glitzernde Glasring har ihn« ein Teilchen seiner Lungen mit weggeholt. Nun ist er fertig. Heute hat er sich krank gemeldet und morgen wird er sich hin­legen. Vicviel Wochen wirbS dann wohl noch dauern mit ihm? Was wird dann sein Weib machen und wie wirbs seinem Kind gehn? Seine Tont wird, jung ist sie ja noch, wieder heiraten. Franzlbaucrs-Ludwigs-Anton hat ja noch immer ein Auge auf sic. Aber das Kind, sein lieber Junge, der wird dann überzählig sein. Ueberzühlig in der zartesten Jugend, wie sein Vater mit seinen siinfunddreißig Jahren . . .

So hat der Glasschleifer, i» namenloser körperlicher und see­lischer Qual die Höhe gewonnen »nd sein Tal liegt vor ihm. Sein Tal! Er würde lachen, wen» er nicht noch rechtzeitig bedächte, dag ihm das zu nichts helfen würde als zu einem neuen Hustenanfall. Sein Tal! Da liegt es mit all seinen kleinen Häuslein, die wie Krippensignren gegen die schwarzgrünen Walbmaffen vorriicke», mit seinen Glasschleifereien und den vielen eisglitzernden Teichen, mit den Glasfabriken, bereit hohe, rotglühende Fenster herrische, grelle Lichter ans die Schneedecke schlendern. Ein Tal, seine schönen Berge! Die haben ihn festgehalten und sestgehalte», bis die von feinen Vätern ererbte Arbeit ihn aufgefresscn hatte ... Ob er noch einmal in die Pilze wird gehen können? Ob er die nächsten Heidel­beeren sehen wird? Wenn er doch noch den nächsten ersten Mai erleben würde! Ob er wenigstens Ostern schauen wird? Wenn er nur noch zur letzten Fasching noch da wäre! To jagen sich seine Wünsche. Ein »euer Huftenansall durchkrampst ihn. Was ist denn das für ein Propsc» im Hals? Vielleicht, wenn er den ganz heraus- hnsten kann, ist ihm ans lange besser. Und er hustet.

Nun ist ihm leichler. aber auch mit seiner Kraft ist's vorbei; er ums; sich setzen. Nicht auf lange, sagt er sich, denn in der Kälte sitzen ist gefährlich; aber er ist so müde. Dort ans dem Stein wird sich's ganz gut ruhen; von ihm ans sieht er auch sein Hause! liegen, niid die beiden kleinen Fenster blinken grüßend zu ihm hinaus. Sein Hansel! Es hat ja blaß «ine Stube und den Stall und der steht leer. Aber es ist sein Haus. Wenn er das nicht gehabt hätte, wäre er längst schon sartgczogen, so schön cs auch in den Bergen der Heimat war.

Sein Häusel! Er hat niemanden, dem er es vererben könnte als die Frau und den Jungen. Schuld ist auch drauf, weils doch schon so oft schlecht gegangen ist mit der Gesundheit und dem Ver­dienst. Wenn er heim kämmt, will er cs gleich schriftlich mache», das; das Häusel dem Jungen gehört. Denn seine Tani wird sich dach bald einen anderen mit ins Hansel nehmen, wenn er dart drüben liegen wird am anderen Abhänge, iva bic hohen Fichten über die Fricdhossmaner hcriibernickcn und denen drunten znrauschen: Nun gehört ihr ganz uns!

Aber, er war nach nicht lat. I,» Gegenteil, jetzt war ihm aus einmal sa wohl, so warm, so leicht. Nun ivvllte er aber rasch nach Hanse, seiner Toni erzähle». >vie frisch er sich fühle.

Wie rasch das ging. Und wie schön nun doch das alles um ihn war, die weihe, reine Glitzerdecke, die munteren Rodlerpärchen, bic dort von der jenseitigen Bergstraße hcrabsaiiste», die vielen Lichter tut Tal. welche wie fröhliche Kindcraugcn in die hereindämmenid« Mondnacht blinkte». Und schon war er ,;u Hause. Wie liebevoll ihn die Tani heute ansah. ivie freudestrahlend sein Jung« sich an feine Knie hing. Nein, er ivallte dach wieder arbeiten gehen am Montag. Oder vielmehr Dienstag, Montags loollte er blau machen, iveilS ihm jetzt um sa viel besser ging. Ein tiefer Atemzug entlang sich ihm.

Und plötzlich fühlte cr wie etwas in ihm »ach oben drängte, den; Kopse zu. Ein süßer Geschmack stieg ihm int Haise empor, legte sich auf sein« Zunge und dann quoll es heiß und schwer über seine Lippen. Eine harte Hand drückte ihm ans Stirn und Augen, ihm schwindelte, er siel, siel siel: alles »m ihn war dunkel, nur zwei rote Rüder, und in jedem «in blaiilrnchlenber Stern, tanzte» vor ihm her. Seine Toni schrie ciwas, der Junge ries: Pappa, soll ock tut! dann nichts mehr.

In später Nacht fanden jiuei Heimkehrende einen toten Mann «m Wege. Er lag neben jenem Stein ans der Bcrghöhe. wo der

Weg sich talab ins Dorr neigt. Ein stilles Lächeln ruht« auf ficut blauweißen, eingefallenen Gesicht des Glasschleifers, uni grausig bohrte sich neben das friedvolle Antlitz ein großer, herzförmiger, grellroter Fleck i bas frische Weiß des Bergschnees.

lim dieselbe Zeit fragte in einem Hänschen drunten im Tal eine schlaftrunkene Jungenstimme:Mamma, kömmt denn b'r Papxa ne bale heim?"

Und eine leise bebende Jnngweibcrstimme beschwichtigte: Bis ock stölle, a Word cigckohrt sein. A ivord wulk bale hejm luinni!"

Und dann kam er heim.

Aus Welt und Leben.

Hausfrauensorgen vor 100 Jahren.

Die Erinncrungsfeicrn an das Jahr 1813 haben uns tief hinein- geführt in das Leben und Streben dieser Zeit. Ta lst es geivtß von Interesse, auch die kleinen Sorgen bcö Haushaltes der damaligen Menschen nicht zn vergesie», und gern werden unsere Frauen hören, wie die bürgerliche Hausfrau vor 100 Jahren wirtschaftete. Unend­lich einfach und anspruchslos waren Küche und Keller damals be­stellt.Zn Mittag", sagt Gustav Freytag in seine» Erinnerungen, gab cs nur ein Gericht, am Abend erhielten die Kinder selten Fleisch häufig Wassersuppe, die die Mutter durch Wurz«!» oder einen Milchzusah schmackhafter machte. Wein wurde nur ausgesetzt, wen» ei» Besuch kam." Fleisch gab cs mittags nur in reicheren Familien. Einen wichtigen Teil der Nahrung bildete bas ganze Jahr hindurch dasSchlachtewerk", das durch bas Schlachtfest im Winter gewannen wurde. Oft ging diese Schlachterei auf offener Straße vor sich; gute Freunde durften an derWurstsuppe" tei!- »chnir».Das gab für Alt und Jung im Haufe ein fröhliches Fest", erzählt Gustav Klemm in seine» Erinnerungen,aus das man sich lange vorher freute. Aus dem Herde brannte ein gewaltiges Feuer unter dem großen Keff«!, worin erst das Wellfleisch und dann die Würste gekocht wurden, die dann zum Teil mit den Schinken und Speckseite» in der Rauchkammer auf dem Oberboden aufgehangen wurden. Verwandten und Freunden sendete man bann Wurst- schüsseln. Nächstdem wurde» von wohlhabenden Familien i» den Städten auch Vorräte von Rindfleisch in Pöckelfässern eingelegt, denn auf Vorrat ward sehr gehalten, da man nicht wie jetzt in den Fieisch- laden senden und das Gewünschte sofort herbeiholen laste» konnte." Auch Bäckereien waren in kleineren Städten noch eine Seltenheit. Tie Hausfrau pflegte das Brot selbst zn backen, und nur, wenn es etwas Außerordentliches zu bereiten galt, etwa einen Baum- oder Stangenknche», ließ man eine Kunstverständige ins Hans kommen, der alle Zutaten an Mehl, Butter Eiern usw. genau zugewogeii wurden. Trockenbrot war bas gewöhnliche;belegt« Bntterbrötcr" düngten als ein unerhörter Luxus, und Kuchen gab cs nur bei seltene» Festen. Die Kinder erhielte» als DelikatestenMnsstnllen" »ndSyrupsemnieln", die heut« wohl so ziemlich verschwunden sind. Nicht minder wichtig als das Schlachten war bas Einmachrn der Gemüse und Früchte, die man noch nirgends in Läden kaufen konnte. Freilich war die Kunst", erzählt Otto Bahr,in geschlossenen Blech­büchsen anszubewahreu, noch ganz unbekannt. Weißkraut (Sauer- kohl), Gurken,Strünke" (geschnittene Stengel von Sommer- cndivien) undSchnippelbohnen" wurden mit Salz und Pfeffer eingemacht und fanden im Keller ihren Platz. Bon Früchten wurden Kirschen, Heidelbeeren und Zwetschen eingekocht und in der Spcise- lainmer anfbcwahrt. Preißelbeercn galten für ein sehr luxuriöses Obst und kamen in bürgerlichen Haiishaliungen nicht vor." Ihre Weisheit schöpfte die Hausfrau gewöhnlich ans einem schon von der Großmutter überkommenen handschriftlichen Kochbuch, bas sic wie ein Heiligtum beivahrte und in das st« sorgfältig neue Rezepte ein» (ritfl. Mehr als ein Dienstmädchen zn Halle», galt für eine» in Bürgerkreisen unerhörten Aufwand. Der wichtigste Tag in der Woche war für die Hausfrau vor 100 Jahren der Samstag, wo da- große Reinemachen" stattsand. An diesem Tage wurde in wohl- babcnden Bnrgerfamilien zu Mittag nicht gekocht, sondern nur Kaffee getrunken. Das R.ineinachen hatte eben noch eine ganz an­dere Bedeutung als heute und mag anch wohl noch intensiver ge­wesen sein.

Ein Frouenparadies. Heuet cjsi bisher fast gänzlich unbekanntes Volk, die Jautz Stämme in Südchina, veröffentlicht der Missions- snpcrintendent F, W. Lcnschner eine intereffnnte Studie i» den Mit­teilungen der Geographischen Gesellschaft zn Jena. Dieses tu vieler Beziehung merkwürdige Volk beivohnt die Gebirgszüge, die sich dort