Ausgabe 
23.1.1914
 
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SUtliiitmljiiuiifl. Hudi tzer Kiichenbetrlcb wird immer kleiner: die Kleidung ist für weniger Personen zu beschaffen nsw.

Aber auch die Arbeit siir die Beschaffung dieses Wenigen wird immer geringer. Wen» die Frau und die Mädchen heute nicht mehr zu Haufe den Flachs spinnen und aus dem selbstgefertigten Leinen Wasche nähe» sic vielmehr das alles fertig kaufen, wenn in unserer Zeit mehr Konfektion getragen wird als im Hause angeferttgte Kleidung. so liegt das nicht an irgend welchen zu­fälligen Neigungen. Diese Zustände sind Folge der wirtschastiichen Entwicklung im Zeitalter der Maschine.

So wird die Frau zum Erwerbsleben anher dein Hause ge­zwungen. In weichem Umfange, ist bekannt. Ein Drittel aller heute in Deutschland Erwerbstätigen ist weiblichen Geschlechts. Unter diesen 10 Millionen Frauen sind 3 Millionen Verheiratete. Wir wissen nun, dah Ober I'/- Millionen gewerblicher Betriebe, 5'/- Mil­lionen landwirtschaftlicher Betriebe »nd über 14'/- Millionen hans- wirtschaftlicher Betriebe im Deutschen Reich vorhanden sind: «uiv kennen die Erwerbsarbeit der Frau außcr dem ^musc genau, aber «vir kenne» nicht de» Zusammenhang zwischen Hausjraucnarbcit und Franenerwerbsarbeit; inir wisse» »> 6 , 1 , wenigstens zahten- inätzig »iiht, ob ei»Berus" der Frau sie den, hauswirtschastlichen Betriebe entfernt oder näher bringt. Wir habe» wohl eine BcrufK- sdatistik der isolierten Frau, aber keinen Einblick in die Beziehungen von Frauenberuf und Hausfrauenarbeit. Wir wissen wohl Zahl und Größe und Zusammensetzung der Familienhaushaltungeu, aber wir haben keine zahleninäßigen Unterlagen über den Betrieb in diesen Haushaltungen. Wenn derartige Statistiken bis jetzt nickst ausgenommen worden sind, so liegt der Grund wohl in den er- hebungstechnischen Schwierigkeiten und der offenbar unzureichenden Bewertung der Hanswirtschaft.

Das Statistische A >» t der Stadt Ha l l c a. S. will sich der Muhe einer solchen Riesenarbeit unterziehen. Der verdienst­volle Direktor des Amtes. Dr. Wolfs, hat einen Fragebogen dazu entworfen, den er einer Haussranenversammlung vvrlcgtc. Es wurde ein Ausschuß gebildet, der die nötige» zirka 2000 Zählerinne» beschaffen soll. Tie Statistik kann ivcrtvollcs Material zur Be­urteilung der sozialen Lage der Hausfrau liefern.

Jeues vom Kindert-aiidel.

Wer etwa glaubt. daß man mit dem Wörtiein Mädchen­handel zu stiel Aussehen mache, lese nachfolgenden Artikel, der jetzt durch die Zeitungen geht. Wir entnehmen denselben dem Emmenthäler Blatt:

In Warschan haben sich gegenwärtig, wie alljährlich z» Beginn des Herbstes, die berüchtigten Mädchenhändler aus. allen Teilen der Erde, ani zahlreichsten aber ans Amerika, zusammengcfiindcn, umWare" cinznkanfen und den Trans­port derselben vorzubcrciten. Während sie aber noch vor einigeni Jahren infolge des indifferenten Verhaltens der russischen Behörden ganz ungeniert itnd fast öffentlich ihr schändliches Gewerbe ansüben konnten, müssen sie jetzt ans der Hut sein, da nunmehr die Polizei ans Veranlassung der Internationalen Liga gur Bekämpfung des Mädchenhandels mit aller Schärfe gegen sie vorgeht. Früher reisten die Mädchcnhändler nach Warschan wie zn einem Kongreß, in Gesellschaft ihrer Frauen »nd unter Mitnahme eines großen Gepäcks, da sie gewöhnlich längere Zeit in der Stadt weilten und sich ihre Sehenswürdigkeiten anschanten. Mit Brillant- ringen, schweren Goldkctten und kostbaren Uhren protzend, besuchten sic gemeinsam Theatervorstellungen, speisten in den teuersten Vcrgnllgungslokalen, wobei sie von ihren Frauen, die reich und ausfallend, aber gesclnnacklos gekleidet waren, begleitet wurden. Sie bedienten sich meistens eines spani­schen Dialekts, wie er in Bnenos-Aires, dei» Zentrum des Mädchenhandels, gesprochen wird. Jetzt aber sind diese herr­lichen Zeiten für immer vorbei. Die Polizei rückt ihnen scharf auf den Leib, so daß sie es vorgezogen haben, Heuer nicht in Warschau, sondern in einigen Grenzstädten zerstreut ihren Aufenthalt zu nehmen. Nach Warschau kommen sic nur verstohlen und für einige Stunden. Die Polizei läßt aber die Gcmner nicht aus dem Auge, und es gelang ihr auch vor einigen Tagen, in einem Hotel in Piotrkow zwei solcher Händler", die auS Brasilien hergereist waren, zu verhaften. Sie gaben sich für Kauflente aus, konnten jedoch keine Aus- lveispapicre vorzeigen. Man fand bei ihnen einen Scheck ans 28 000 Nudel, Brillanten und sonstige Schmnckgcgenstände im Werte von 16 000 Rnbel» und in fünf Koffern Damen- toiletten, die auf 14 000 Rnbel geschätzt werden."

Eine Warschauer Zeitung führt noch folgende Einzel­heiten ans de^ Tätigtzit bxr Mädchen H ändler an:Die Händ­

ler, die hieher ans Amerika und den deutschen Hafenstädten angelangt sind, haben ihr Standgnartier in den Städten Rokiciny und Bany- gewählt, wo sie sich leichter vor der Polizei verbergen können. In diesen Städtchen wohnen nur Großhändler", zn denen täglich die Lieferanten derWare", die kleineren Agenten und Platzvertreter kommen, uni sich mit ihnen nach dem Städtchen Koluszki, wo ein förmlicher Frauenmarkt abgehalten ivird, zu begeben. Innerhalb dreier Tage hat ein solcher Engroshändler in Rokiciny 26 Mädchen im Alter von 14 bis 20 Jahren angekaust. Es wird nur ans kräftig gebaute, hübsche Mädchen reflektiert. Die Preist schwanken zwischen 50 bis 1000 Rnbel daSStück". Ein in Lodz ständig wohnhafter Agent verkaufte die Schwester seiner Gattin nni 1250 Rubel. Die erste Partie, bestehend aus 26 Mädchen, befindet sich bereits auf deiii Wege nach Brasilien. Beim Passieren der Grenze gab es einige Schwierigkeiten, die aber durch mehrere Hundert Riibel behoben wurden. In Hainblirg machten die Mädchen Halt und erwarteten ihren Eigentümer, der sich dorthin mit 50 für Konstantinopel be­stimmten Mädchen begab."

Es ist geradezu erschrecklich, daß die europäischen Knltnr- staaten diesem traurigen Handel noch imcmr kein Ende be­reiten konnten und ihre Machtmittel angeblich nicht ans- rcichen, um diesen Henkern menschlicher Seelen ganz gründ­lich den Garaus zn machen. Freilich wählen eben diese Mäd- chcnhändlcr Wege iniö Mittel, die ihnen die unschuldigsten Opfer ins Netz bringen. Es ist deshalb ein verdienstliches Werk des Argus-Verlag, Goßa»-St. G., daß er in den: Bändchen über Moderne Heiratsschwindler und seine Opfer (zn beziehen durch jede Buchhandlung, Preis 1.25 Frank =

1 Mark) die Schleichwege der internationalen Mädchen- Händler anfgrdeckt hat. Nur weitere Aufklärung über die ge­heimen Wege dieser Mödchenhändler kann ihnen das Hand­werk legen.

Dcr Warrett-^elter.

In der Romanbibliothek F» Freien Stunden^) beginnt soeben ein fesselnder Roma» zn erscheinen:Der Amerika-Johann" vo>l Felix Moeschlin, illustriert von Max Fabian. Der Ron>an stellt den Einbruch des Kapitalismus in ein stilles schrvedisches Dorf dar und zeigt, wie die Spekulation sich ». a. auch der alten, ursprüngliche» Volkskunst bemächtigt. Bei dieser Gelegenheit kommt auch der Färg-Petter, ei» Dorfmalcr. zu Ehren, de» sie später denRarren- Pctter" heißen. Warum? Das zeigt in huniorvoller Weise der nachsolgcndc Abschnitt, den wir dem interessanten Romane ent­nehmen.

Der Färg-Petter halte den Kopf hängen lassen. Taö Malen war seine Freude gewesen. Wenn er nicht inehr malen durfte, dann hatte er keine Freud« mehr.

In seiner Hütte war jedes verfügbare Plätzchen l>einalt. Das hatte er schon in seiner Fugend getan.

Gab cs denn ivirkiich keinen Menschen inehr, der eine Wand hatte oder ein Kästchen, eine Uhr, eine Türe, einen Wagen, einen Schlitten, eine HochzcitSkiste oder nur eine kleine Cpanschachtei wenigstens, die er bemalt habe» wollte?

Denn das Zickiein muß hüpfen und der Vogel muß stiegen und der Färg-Petter muß male».

Aber da ivurde er aus eiinnal von einer großen Hoffnung er­füllt, denn bas neue Schulhaus hatte viele große Wände, die doch sicher nicht iveiß gelassen werden konnten. Denn die Kinder haben Blumen »nd Bilder gern, »nd ihr Anblick macht sic sroh. Wenn sie aber den ganzen Tag ans eine weiße Wand Hinstarren müsse», dann werden ste mißmutig und dumm.

Und er ging hin »nd erbot sich, alle Wände voll Blume» und Bilder zu male», und es solle die Schule keinen Pfisserling kosten.

Aber man lachte ihn aus und sagte, daß man die Kinder nicht zur Lüge und zur Unwahrheit und zum Gefallen an Flunkereien erziehen wolle, das tue in der gegeinvärtig«» Zeit nicht gut, und eine weiße Wand sei das beste, denn sie wirke nicht zerstreuend »nd gebe der Phantasie keinen Anlaß zu Seitenspriingeu.

Er nahin sich vor. in die Welt hinauszuwander», aber man sagte ihm, baß «z draußen noch schlimmer sei. Und wenn er sicli daran erinnerte, baß der Amerika-Johann von dorther gekomnicn war, so glaubte er cs ohne weiteres.

Und er saß vor seiner Hütte »nd sah znm Himmel ans und

*) Die Zeitschrift F» freien Stunde» erscheint im Berlage der Buchhandlung Vorwärts P>u>l Singer G. m. b. t., Berlin, Wöchentlich erscheint ein reich illustriertes Heft znm Preise von 10 Psg. Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen, Speditionen und Pvftanstalttn entgegen.