Ausgabe 
16.1.1914
 
Einzelbild herunterladen

r

Rat gefragt zu habe» und »leide es beim Polizeikoimnissariat, wenn du aus Furcht vor Mißhandlung aus der Wohnung fortziehst.

10. In allen Rechts-, Versicherungs-, Vertrags- und Vcr- ulögcuSangelegenheiten frage, ehe du handelst, erst um Nal bei einer Nechtsschutzstelle oder sonst bei vertrauenswürdigen, erfahrenen, sachverständigen Personen.

Warum wird das Brot altbacken?

Es regt sich durch die Bemühungen der Bäckergehilfenorgani- saiionc» endlich langsam das soziale Gewissen für das Unrecht, so viele tausend Menschen zu einer ihrer Gesundheit zerstörenden und ihre Lebensfreude vergili«»de» Nachtarbeit zu zwingen, nicht um ein Bedürfnis, sondern um den Luxus z» befriedigen, dass inan des morgens knusperiges, frisches Gebäck aus dem Frllhstückstische haben ivill. Würde man das Morgengebäck schon am Nachmittag des vor­hergehenden Tages Herstellen, iväre es namentlich bei seuchtkühlcm Wetter schlasf, sonst aber hart und allbacken.

Wertvoller als der Appell an die soziale Einsicht des Publikums, der letzthin wiederholt in diesem Punkte verlangt wurde, erscheint nun der Weg, den nian neueste»? von naturwissenschaftlicher Seite eingcschlagen hat, um die Bäcker von ihrer Nachtarbeit zu befreien.

Dr. I. K a tz berichtet in der Zeilschrist flir Elektrochemie <1913) über lange Versuchsreihen, uni die bislang noch »»beantwortete Frage, war»,» das Brot altbacken wird, z» klären.

Er kam hierbei zn dem etwas überraschend einfachen Resultat, dass dies durchaus von der Temperatur des Ansbewahrungsortes ab- hange. Auch wenn man Wasserocrlust vermeidet, wird Brot, das man nur 24 Stunden laug bei Zimmertemperatur, nämlich 025 Grad Eelsiiis ausbewahrt, hart, und nach 48 Stunden wird es sogar ungenießbar. Aiiders wciiii inaii es bei 09 70 Grad EelsiuS auf­bewahrt. Geruch uu-d Geschmack bleiben daun eiiiigc, wciiigstei,S drei Tage hindurch den; des frischen Brotes pu ge fahr gleich. Fa, mau kaiiii sogar altgewordcncS Brot wieder weseutlich verbessern, ivenn man cs höheren Teinperaturen ausscht. Dies wissen die Bäcker schon längst, und es ist «i» beliebtes Mittel, altes Brot durch kurzes Er- wärinen in: Backofen wieder aufzusrischrn. Aber der Zauber hält nicht lange an. Binnen kiirzestei», ost schon nach wenige.! Stunde», kehrt solches Brot in seinen altbackenen Zustand zurück.

Dieser Weg, um das Altbackenwerden zu verhindern, erschien also lischt gangbar. Der Vorgang selbst ist ein phnsiologisch-chemi- scher, der sich vornehmlich in deii durch das Backen verkleinerte» Stärkekörnern abspeelt. Sic verlieren die Fähigkeit, Wasser auszu­nehmen, geben ihr eigenes deshalb an das Gerüst voii geroiiiiciic», Eiweiß ab, aus dc>i> das Brot außer der Stärke besteht. Das End- reiultot ist, daß sie dadurch härter iverdcii, womit aber auch die ganze Brotmasse zusannnendorri und zugleich aii Geschmack verliert. Das Ausweichen der Rinde bei Semmeln im ersten Stadium des Altwerdens scheint darauf z» beruhe», daß die Rinde jni verkleister­ten Zustand eben dieses aus den Stärkekörnern austretende Wasser aiissaugt.

Alte diese Prozesse kann man aber ebenso gui wie durch Wärme a»ch durch Kälte verhindern. Bei Null Grad und noch bei minus 2 bis 3 Grab vollzieht sich dasAltbackeiiwerdeu" immer schneller und intensiver, aber je tiefer man darunter abkühlt, desto langsamer erfolgt die ungünstige Veränderung, und schon bei minus 10 Grad ist Brot auch nach 48 Stunden nur mehr halb altbacken. Fit slüsslger Lust aufbewahrt bleibt e» tu Konsistenz, Geruch und Geschmack, wie es scheint, unbegreuzle Zeit hindurch dem srischgebackriien Brote gleich.

ES sind aber daiuit noch nicht alle ungünstigen Einwirkungen des LageruS beseitigt. Zn lauge liegeudciii Brote treten gerne säurebildeud« Bakterien auf und schoii wenig Säure verdirbt den Broigeschmack auf das Empsindkichste. Auch kann durch Fcuchligkeii die Beschaffenheit der Rinde leiden »iiö das Brot seine Knusperig- keil verliereii.

Beidcii Mißständen läßt sich nun ohne große Umstände »iid Kosten abhelsen uich der Erfinder diesereuci>Brotansbewahrungs- mcthode I»i Eiskeller" gibt sich der Hoffnung hiii, daß schoi, in naher Ziikunfi der Bäcker seine Ware ebenso lagern lafseii kann, ivlc der Brauer dar Bier und der Fleischerporieur die aus Australien oder Rußland bezogcneii gechlachtcleu Hammeln und Ochs:».

Mit cinciii Schlag hört dann das Bedürfnis nach Nachlarbell im Bäckergewcrbe ans und Zehntausrnde der Gehllseii und kleliien Melsier können endlich «in meiischeiiiviirdiges Daseiii führen.

Kkiz;i'ntrsäiter aus meiner Krarrkenkausjeit.

Von Julius Z e r s a ß.

(Schluß.)

1k.

Der S e I b st ni v r d « r.

Der ganze Saal lag schiasend in der Mondhelle vor Mitter­nacht. Alle Gesichter waren friedlich, aller «ten, war tief. Allen kmig der Schlaf sein traumleiscS Lied in die Seel«. Und man tvnnt« deullich i«hen. ob dies«« Traumlieb fröhlich war.

N»r mich floh dir Schl«! >,nb ich wgr picht glücklich, Ich

starrte dem Licht »ach. das in meine Augen sluielc, und ich sah, da ich beim Fenster lag. deutlich de» volle» glänzenden Sommermoud, wie er zart und leise mit den Geranien am Fenster und inlt den Linden lm Garten spielte. Wie seine Lichtwellen über die Rosen huschle», über das Gras: immer weiter sah ich o, die Gedanken iönucn weiter sehen als tausend Augen, sah, wie sie da draußen in den Anlagen hinter den Mauern unseres Gartens sich reckten und neckten, küßien und umarmten. Ja dort hinten lag der Weiher mit den weißen und schwarzen Schwänen, da schsosscn sich die Wege, Hecken und Anlagen an rings um die schöne Stadt. Von Äe.in- user bis zu Mainufer, ein grüner Kranz um die schön« Stadt.

Wie weit das auch laa in der Nacht, wie das Leben sich auch scheinbar an unseren Mauern stieß, ich spürte es aus der Ferne hcrannahcn, geleitet von Bogenlampen und Lichtern, Gesang, Spiel und Tanz, lachend und weinend: Arbeit und Feiertag. Dos ivar die Welt, war die Freiheit, das Leben. Das liebe, laulc, lustige' Lebe».

Kaum dreißi« Schritte von mir fing es an. lind überall außer Gefängnissen dieser und jener Art war das Leben.

Die Elektrische raste vorbei und es war einen Augenblick wie ein schrister Ruf: Das bin ich! Ich!

Daun wieder Ruhe und Nachdenken. Was ist das Lebe»? Was ist der Tod? Keine Antwort. Die Uhr tickt emsig, als häkle sie die größte Eile. Der Mond steht ruhig und silberhell gehen seine Licht- wcllen hernieder. Wer bis du, Leben, daß wir dich so lieben? Wn» lst dein Begehren, daß wir dich immerzu frage», ohne daß du antivortest? Warum sind wir dir unterka«, warum zittern ivir um dich? . . . Leben! . . .

Die Uhr schlug zwölf. Zwölf mal klang es hell von allen Klocken in dl« lauschende Nacht, zwölf mal wie Worte, wie die eine Frage: Leben.

Halb eins. Der Schlaf ist wie cl» saunlger Gott und flieht...

Eins.

Es klingelt draußen auf dem Gang. Ter Wächter jchlurcht über den Weg unter drin Fenster vorbei mit dem Schlüsselbund. Das Tor stiegt zurück. Zivri helle Lichter blenden l-crcin, acht Pfcrdehufe trabe» über icn Kies. Sonst hört man nichts. Aber das ist nicht nötig, denn man weiß, ums los ist.

Es ivird lebhaft. Unsere Schwester verläßt ihren Verschlag; Schwestern- und Männerstimmc» slüstern draußen aus dein Gang. Tann wird cs still und die Gedanken haben »ene Nahrung. Den» das Schicksal ist ja so grausam reich o» Mittel».

Eine halbe Slundc später öffne» sich breit die beiden Türen unseres Saales und der Operativnsivage» glellet herein. . .

Ein neuer Gast. Tic weißen Laken enthüllen sich, zwei Betten entfernt legt man sh,, nieder. Die dingen sind noch geschlossen, den Kopf umschlingt der breiie weiße Verband. ES riecht nach Ehloro- form und böse Erinucrnngen tanchcn ans. Alles ist erwacht und neugierig. Man muß doch wissen, ivas man für Kollege» bekomint. Endlich, als ivir wissen, daß er sich wegen einer Dirne erschießen ivollte, daß er Oberkellner ist. kann man sich um die Sorge diese» lieben Nächsten weiter bcniiihcn und schließlich ohne ihm geholfen zu haben, wciterschlasen.

Während die anderen sich ans die andere Seile dreh:», liege ich noch lange wach und denke »ach, ivarui» einer ivohl das Leben, das gcliebt« Leben, sortwersen könne, als sei der Tod der einzige Zweck des Daseins. Wie man das Leben nicht liebe» könne. Gegen Morgen schlief ich ein und schlief bis zum Kaffeeläuteu.

Ter Selbstmörder wurde zweimal von seiner ungüicklick.cn Liebe besucht und beschenkt. Wir bencidcien weniger die rancheute Seide, die sie ninfkoß. das gepuderte Puppengesicht, das sie trug wie eine Fürstin ihren Schmuck, ihre» Dust, den sie ansstromic, als die Tinge, die sic ihn, brachle. Nack, dein zweiten Mal kam sic nicht mehr. Er sagte, sie wird de!» reiche» Hund doch »achgelansen sein, und beruhigte sich. Er fiua wieder an, >vic ein gestriegelter Llu>. kellner «»szusehen, rauchte heimlich Zigaretten, spielte versteck: Skat und gewann, kurz, er saßic das Leben iiberhaupt aus, als habe er cs nie verächtlich behandelt.

Hier könnte man den inrnschlich-sachmännischen Ausdruck: Er hat Glück gehabt, ohne Ucberhrbung anwcndcn. Denn es heiß! doch mehr als Glück habe», sich a» der Schläfe eine Kugel in den Kopf zu jagen, ohne den gerinasten Schaden davonzutragen. Tie Kugel saß zwischen Augen und Nasenbein, aber sie saß wohl und hinderte keinen Mensche», außer de» Opcratiousarzt, dem es jedensalls nur um das Experiment zu tu» war. Dafür ivar der Obrrlelluer, schon ivcil cs »in Leben und Tob ging, aber nicht zn haben. Er bliel> standhaft und sagte:Es laufen so viele mit Kugeln herum und cs geht ihnen ganz gut dabei. Außerdem ist mir zurzeit mein Leben lieber." Dabei blieb es. Er ging mit seiner Kugel im Kopf hinaus und verlangte nicht einmal den Revolver, in dem noch vier gebrauchsfähige Kugeln staken, zurück.

Hl.

Fäll

Unser Operationsarzt glanble, ivlc gesagt, an keinen Gott, aber er schnitt gern und gut. Sel)r oft kam er zur Visite aus dein OpcrationSsaal gerann!, mit der Zigarre im Mund, die Gmnmi- schiirze iimgebiinden und mit Blni bespritzt wie ein Metzger, Wir »amiten ihn auch nurMetzger", Jedoch, ivarnni soll man einen Menschen wegen seines Metiers gering achten? Macht bock, der Berns überhaupt erst den Mensche». Aber der Berussmensch soll Iciuc Dankbarkeit verlangen, wenigstens nicht der sogeuaunlc Jdeai. berussmensch. Unscr Oberarzt siel einuial dabei hinein.

Dag war so.

Ein Mann kommt herein mit einem vrrci ierten ZeiLrHiiKL^