Ausgabe 
9.1.1914
 
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Fritz.Wenn ich will. Immer wieder was Neues." Das kleine Mädck>en malte seinen Nikolaus, den Onkel Doktor dieses Stratzenviertels, den Truthahn und den Pfau, den der Bierwirt an der Ecke sich hielt. Die gröberen Mädchen wünschten von dem Kinde solche Figuren und sie gab sie ihnen. Als ein Schulmädel für sich den Dr. Eisenbarth er­worben hatte, stellt« sie ihre lächelnde rosarot gekleidete Schlafpuppe einsam in eine Ecke und sagte:Deh, du bist fad." Dann wandte sich sich wieder den lustigen Puppen und dem selbstgcschaffencn Spiel der Kinder zu.

Skizzenvlätter aus meiner Kraukeußauszeii.

Von I u l i u s Z e r f a ß.

I.

Gespräch über bas Sterben.

Das Leid ist ein Läutcrnngsverfahrcn Gottes, sage» bie Christen. Eine Ermahnung an bie Schwächlichkeit des Menschen, ein Er­innern an die Sündenhaftigkeit und Unvollkommenheit unseres Wandels, ei» Wink znm Denken an das, was hinter Leid und Krankheit steht: Gott und der Tod. Die Chirurgen »nd Mediziner sind nur Handlanger Gottes, ihre Macht ist Gottes Macht, ihr Ver­sehen ist Gottes Wille. Tenn also sieht geschrieben: Der du die Menschen lassest sterben. . .

Mein Opcraiionsarzt war ein gottloser Mensch. Manche starben ihm, aber viele verdanken ihm auch Leben und Gesundheit. Er schnitt gern, aber er schnitt gut. Die meisten Operationen gelangen ihm. Aber er glaubte nicht an einen Gott.

Da denke man. . . Nun man denkt an so mancherlei !m Läute­rungsbette des Leids-, umgeben von nichts als Leid, gefesselt wie «in Tantalus, dc Qualen preisgegebcn und nur von der Weisheit, den, Geschick der Wissenschaft und seiner kämpsenden Kraft zu er­lösen. Man denkt viel. Man ist ja jung. Es ist Sommer. Draußen busten die Wiesen in, ersten Schnitt, die Rosen blühen. Tic Tage leuchten hell herein vom prunkenden schweren Grün gedämpft, aber sie verlieren ihren Glanz, sobald sie in den langen Icidweißcn Saal schweben über &c» weihen Linnen und die weihen Gesichter und Hände. Und bie Nächte recken ihre tranmblaiien Augen herein, diese Juninächte mit ihrer hellen Sehnsucht.

Man denkt.

O man möchte diesen Herrscher Gedanken abschütteln, man möchte das rastlose Gehirn zum Raste» zwingen. Darum greift man zu den Karten, zuni Dambrett, greist zum Buch, »nd die Folge? Das Gehirn arbeitet imnicr nur enisigcr. Es ist nicht zur Ruhe zu bringen. So ist jeder Tag. und für jede Ablenkung ist man dankbar. Sogar wenn sic vom Pfarrer kommt.

Und der versäumt die Gelegenheit nicht, die günstig ist. Tenn im Leid werde» die härtesten Herzen zart. Alle Sinne sind «mpfänglich, das Gemüt ist elegisch-friedlich gestimmt, weich ivie Wachs ist die Seele und laßt sich formen. Der Tod kommt und geht täglich. Die Sinne empfangen säst nichts als Traurigkeit, und dieses sind die Stunden, scheinbar so eingelegt für di« Boten des Himmcls.

Eines Tages kam auch der Geistliche zu mir. Ich hatte nach der Operation eine vicrivöchige Kleberzeit hinter mir und war »ach den Aeuherungcn der Pflegerin nur soeben aus Versehen den, Sensenmann entgangen.

Der Pfarrer begann nach der bewährten Methode. Aber er sah bald, daß er wirksamere Mächte bewegen müsse. Also sprach «r mit großer Eindringlichkeit:Besinnen Sic sich vor Ihrer Todesstunde und bedenken Sic, dah dieser schweren Stunde keiner entgeht, ohne nach seinem Gott, wie nach einem rettenden Anker zu rufen."

Ich reckte mich ein ivenig, sah ihm in die Augen und sagte säst ebenso fest:Gestatten Sic mir eilte Frage, Herr Pfarrer, oder vielmehr eine Frage mit gleichzeitiger Antwort: Warum sind die Toten säst alle so häßlich?^

Diese Frage und Ihre Antwort wird aber doch nur von be­dingter Bedeutung sein, fiir die Frage, die ich angeschnitten habe," entgegnet« der Pfarrer.

Scheinbar," erwiderte ich.Nur scheinbar. Für mich ist sic viel inehr als Symbol. Während für mich bas Sterben «in natür­licher Abschluß ist. bedeutet der Vorgang für Sie «ine» Ucbergang, bei dem Sie sogar noch dem Nngläubigsten »nd dem Verderbtesten durch einen Signalschrei ln die Ohren deli Anschluß an die Selig­keit dadurch verschaffen zu können glaube», daß Sic und er glauben: er glaubt. Deshalb schrecken Sic in der Todesstunde eines Menschcll nicht davor zurück, einnlal ihn, z» sagen, ivas er in dcll niciste» Fälle:: nicht weiß, daß er sterbe» muß, und daß er »>it der rein platonischen GenliitshandlungIch glaube und bereue" eine Anweisung auf die Seligkeit mitnähme. Mit de» andern Gläubige» machen Sie es ähnlich. Dadurch haben Sie erreicht, daß in der Tat bie ineistcn Gläubigen nieder den Tod hcrbeisehne» noch in Frieden und Freude mit ihrem Lebe:, abschließe» können. Man hetzt sie l» Angst bis zur Verzweiflung, und ihre Züge verzerren sich im Sterben, als stünden sie init ein«» Fuß in der Hölle und mit dem andern im Himmel. Haben Eie noch nie gesehen, wie solche Sterbende sich aufbäumen, wie bie Augen, die tonlos zucken­den Lippen, di« krallenden Hände, ja wie der ganze Körper nach Befreiung ^o» körperlicher und seelischer Qual und Beklemniuna

schreit? Und dann stehe» Sie dabei, pferchen Körper und See!« in bie Hlllle der Gottesfurcht, bie Furcht vor Gott, ihrem einzigen Retter, ein. Endlich, wenn Sie der beglückende Tod erlöst hat, liegen sie da, verzerrt und häßlich, baß sich die Lebenden, die vielleicht erst Tage ober Wochen vorher mit ihnen gelacht und geplaudert haben, vor ihnen fürchten."

Aber," sagte der Pfarrer,ans das, was Sie hier sagen, kommt es doch eigentlich beim Sterben garnicht an. Vielmehr ist doch das Enischeidende: Glauben Sie an ein Fortlcben nach dem Tod« oder sind Sic der Ansicht, basi alles menschliche Leben mit dem Tode ab- gcschioffcn sei und >:ur den Zweck habe, der menschlichen Gesellschaft angehört zu haben?"

Ich erhob mich wieder ein wenig »nd antwortete:Wenn ich Ihnen nun die gleiche Frage umgekehrt so stellen wurde: Glauben Sic, baß die Menschen nur zu dem Zwecke da sind, baß es Tod. Himmel und Hölle gibt? Darüber wollten wir ja auch nicht streiten, denn über diese und andere Fragen trennt »ns ein« ganze Welt mit tausend Fragen. Was ich wollte, war nur dies: Waruni macht man das Leben zu einer so nutzlosen Sach« und das Sterben zu einer so furchtbaren und häßlichen Abgangsszene? Waruni guält man die Menschen in einer Stunde, da sie der Ruhe und des Friedens bedürfen? Warum foltert man sie fast ihr ganzes Leben lang mit dieser einen Stunde, als gäbe es sonst nichts zu tun, als dieser einen Stunde zu leben."

Das kommt daher, weil Sie Leben und Tod mißverstehen."

Nicht im geringsten. Herr Pfarrer. Ich begreife woh!, daß man sich mit solchen Dinacn beschäftigt, aber nicht, baß man sich und die Menschheit ausschließlich damit beschäftigt. Und was ich weiter nicht billige, ist, wie gesagt, daß man diesen kurzen Augen­blick z» einer theatralisch-häßlichen Szene herabgewürdigt hat. Nun sagen Sie allerdings, daß erst die Todesstunde allgemein, und stir viele der letzte Appell an ihr Scclcnhcit wäre und daß ich, ebenso wie die »leisten andern, womöglich erst in dieser Stunde nach dem letzten rettenden Anker Gottes tasten würbe. Was in dieser Stunde ist und sein wirb, kann ich nattirüch heute nicht im voran? sage», Liber ich kann doch schließlich ans der Erfahrung urteilen. Sehen Sie, man sagt mir erst jetzt, daß ich cigeittlich nur ans Ber­schen dem Tode entgangen sei. Ich weiß allerdings von dieser ge- sährlichcn Lage nichls und bin auch nicht von einer einzigen seelischen Empfindung daraus aufmerksam geworden. Einfach wohl deshalb, weil der physische sowie der psnchiiche Mensch In diesen, Stadium allmählicher Auflösung weder phnsisch »och psychisch Uber sich im klaren ist. Deshalb bin ich der Ansicht, daß die große Mehrzahl der Menschen durch die Pforte des Nichts ginge ohne es zu wißen, wenn cs ihnen nicht noch laut in bie Ohren gcschrien würde, b! nm einer kirchlichen Form zn genügen. Das ist sa gerade bas Schöne des Todes, daß er anslöscht »nd allen Zusammenhang mit der materiellen Welt verwischt. Deshalb, ließe man den Menschen so sterbe», er ginge hin wie eine Blume und sein Leben löste sich auf wie der Strom ins Meer. Aber die Menschen sind ja grau­samer als die Natur, trotz ihrer vermeintliche» Religion, und die Schöpfung ist nicht so widersinnig wie ihre denkenden Geschöpfe. Das Sterben ist der einzige Moment des Lebens, ivo sich der Mensch wieder mit den. All versöhnt. Darum, iveil dieser Augenblick schön sein sollte, gssicklich und friedlich, scheuche man die Natur nicht aus ihrer Andacht, sondern lasse sic groß und schön vollenden, was sic schuf. So sollte man lebe» und sterben."

Sic sind ein Atheist," erwiderte der Geistliche hieraus.

Nennen Tie es, wie Sie wollen," sagte ich zum Schlusi.Und ich wollte ja eigentlich nicht mit Ihnen über Gott und Gottesbegriffe streiten, sondern nur für die vielen Sterbenden, besonders in den Spitälern, wo inan trotz Medizin »nd Wissenschaft am ärgsten sün­digt, um eine» ruhige» Abschied plädieren. Denn ich habe viel und Furchtbares gesehen, als sch Menschen »in mich sterben sah."

Der Geistliche warf noch einen Blick nach meinen Büchern auf dem Nachttisch, deren drei oberste mit den Namen Goethe, Carncr! und Ibsen ihn scheinbar »och zu einer Frage reizten. Er ging aber mit freundlichem Gruß daran vorbei, sagte Lebewohl »nd trat zum nächsten Patienten.

Ich legte mich erniüdet in die Kissen zurück.

fForisetziing folgt.)

Aus Wett und Leben.

Verbrannte Kinder.

Eine erstaunliche Statistik Hai Dr. Brenü Im Londoner Lancct über die Sterblichkeit von Kindern durch Verbrennung veröffentlichi. Wir erfahren daraus, baß in den sechs Jahren von 1906 bis 1911 allein in England »nd Wales rund 7800 Kinder durch Verbrennung ums Leien gekommen waren, weiians bi« meisten wahrscheinlich durch Eittziiiibung der Kleiber. Die Untersuchung unterscheidet eine Reihe von Altersstufen bis znm LU. Jahr »nd zwischen Knaben und Mädchen. Was zunächst das Geschlecht betrifft, so sind die Nnglücks- fälle bei Mädchen bebeulend häufiger als bei Knaben. Stuf jene ent­fielen rund 4900 auf dies« 2900. Man geht keinesfalls fehl In der Annahme, daß dieser Unterschied zn ungunsten der Mädchen haupt­sächlich durch bie Kleidung bedingt wird. Diese Vermutung wird noch mehr verstärkt durch den Umstand, dah vom vierten Lebensjahr an das Mißverhältnis zum Nachteil dc§ weiblichen Geschlechts immer