Einzelbild herunterladen

Das gab denn aber Anlaß zu schweren Erwägungen, zunächst wegen des Kostenauf­wandes bei so kinderreicher Familie, sodann aber, weil man mir mtg einer Art Tauge­nichts wenig Vertrauen schenkte. Schließlich hat mein guter Vater, wenn auch unter ban­gen. Sorgen, das Wagnis auf sich genommen und meinen Wünschen willfahrt, so daß ich Ostern 1848 nach bestandenem Maturum als angehender Mediziner nach Gießen gehen konnte. Erschwerend war, daß in der ganzen Verwandtschaft wie Freundschaft sich kein Vertreter meines Faches fand, der hier Rat erteilen konnte, weshalb ich auch in meiner ganzen Studienzeit nur tat, was ich andere tun sah. Das machte sich mir gleich zu An­fang fühlbar, als der Herr Professor der Bo­tanik seine Vorlesung mit den Worten be­gann, daß er vvraussetze, daß seine Zuhörer die benötigten Anfangskcnntnisse mitbräch- ten (!). Tie hätte ich mir gern gegen meine hebräische Grammatik eingetauscht.

Daß ich übrigens meine Studien nicht ganz verfehlt hatte, als ich am 24. Mai 1853 mit großem Lobe zum Doktor der Medizin ernannt wurde (die medizinische Fakultät der Universität Gießen hat mir 'bei der 60. Wie­derkehr dieses Tages in einem freundlichen Schreiben ihre Glückwünsche gesandt), das will ich gleich jetzt daraus beweisen, daß inein Name heute bei. den Vertretern unserer Wissenschaft nicht ganz unbekannt geblieben ist. Hat doch der hochangesehene Professor Czerny in Heidelberg in »einem Aufsatze in derZeitschrift für Tuberkuloseforschung" einwandfrei festgestellt, daß niemand als ich sich rühmen darf, den Aerzten zum erstenmal eine wirkliche Waffe zur Bekämpfung des schlimmsten Feindes des menschlichen Ge­schlechtes, der skrophulösen Und -tuberkulösen Entartung, in die Hand gegeben zu haben. Bisher stand man diesem Feinde ziemlich ratlos gegenüber.

Ostern 1850 bis Herbst 1851 habe ich michstüdieronshalber" zu Heidelberg auf­gehalten. Im Herbste 1851 nach Gießen zu- rückgekehrt, begannen zum erstenmal die Schatten des Examens über meinen Weg zu fallen. Ich habe sie dann auch glücklich über­wunden.

Bald nach meiner Promotion bin ich in den hessischen Militärdienst cingetretm, zu­nächst als Akzessist mit zweimonatlichem Dienst beim Darmstädter Militärlazarett, worauf ich auf unbestimmte Zeit, d. h. bis zum Eintritt einer: Vakanz beurlaubt wurde. Diese Urlaubszeit benützte ich zu einer län­geren Studienreise rrach Prag Und Wien und kehrte alsdann im Juni, z'nm Teil zu Fuß, über Salzburg und München zurück, uw nun definitiv die Uniform anzuziehen. Ich füge hier an, daß ich mich im Jahre 1858 zwei Monate in Paris aufgehalten habe zum Be­such der dortigen Hospitäler. Besondere Um­stände bewirkten, daß ich länger als sonst üblich den lästigen Dienst am Lazarett wei­

terführen mußte, bis ich dann 1860 zum Garde-Regiment-Cheoaulegers (heuterote" Dragoner) und nach dessen Zweiteilung dem 2. Leib-Chevanlegcrs-Regiment (heutewei­ße" Dragoner) zugeteilt wurde. Im Jahre 1860 zum Oberarzt befördert, gehörte ich nur ein Vierteljahr dem 3. hessischen In fanterieregiment an und wurde dann zum Großherzoglichen Artillerie-Korps versetzt. Ten Feldzug 1866 machte ich als Oberarzt vom Haupthvspital des 8. Deutschen Bundes Armeekorps mit. Was ich da Ernstes und Heiteres -erlebt habe, habe ich in meinem Be­richtErlebnisse eines hessischen Militär­arztes" mitgeteilt.

1868 wurde ich als Oberstabs» und Regi nientsarzt uiieder zum Garde-Regiment-Chc vaulegers versetzt, bei dem ich bis zuni Ende meiner aktiven Dienstzeit verblieb und auch das Intermezzo einer Verlegung raut) Ba­benhausen mitmachte, wo ich beim Bau eines Wohnhauses mein Talent zum Baumeister in mir entdeckte. Auch im ganzen Feldzug 1870/71 habe ich das Regiment begleitet und mit ihm an 46 Tagen biwakiert, keine Klei­nigkeit für einen Mann in schon vorgeschrit­tenen Jahren, der in solchen körperlichen An strengungen nicht -trainiert war. Doch hat es meine gute Gesundheit möglich gemacht, daß ich nicht einen Dag das Regiment ini Stiche gelassen habe.

Was mein sonst Erlebtes betrifft, so habe ich am 14. November 1864 in meinem 35. Lebensjahre die 18jährige Tochter Thekla des kurz vorher mitten in -einer Sitzung am Schlage verstorbenen -Oberdomänenrates Soldan geheiratet. Als wir vor zwei Jah­ren unsere Goldene Hochzeit feierten, war der Altersunterschied ziemlich verwischt, wenn auch glücklicherweise ihre Füße noch etwas flinker geblieben sind als die meinigen.

Aus dieser Ehe sind vier Kinder hervor­gegangen, drei Töchter und ein Sohn.. Un­sere älteste Tochter wurde uns, nur % Fahr alt, durch den Tod entrissen, kurz vor mei­nem Ausmarsche in den 1866er Bruderkrieg, eine schmerzliche Zugabe! Als ich wieder nach Hanse kam, fand ich in der verödeten Wohnung eine trauernde Mutter und ein leeres Kinderbettchen. Ms Ersatz dafür wurde unsere zweite Tochter geboren, gerade drei Wochen vor meinem Ausmarsch nach Frankreich, Tie Nachricht von der Geburt des Kindes erhielt ich -drei Tage vor der Schlacht bei Gravelotte, während der ich mitten im tobenden Feuer -auf dem Pacht Hof Anoux la Grange mich um die Verwundeten bemühte. Gesehen habe ich das Kind erst bei unserem siegreichen Einzug in Tarmstadt. Als ich mit meinem Regimente an meinem Hause vorüberkam, hatte das Kind ein Sträußchen in den Händchen, um damit de» aus dem Krieg heimkehrenden Vater zum erstenmal zu begrüßen. Gerade vor dem Hause begann unsere Regimentskapelle ein neues Stück, und- wie der Bändiger des Baß-