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onntaysyruß

Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

Vlr. 13 Gießen, Gonnrag Ostern, den ZI. Mär; 1918 7. Iahrg

Va§ Ostergeheimnis des Kreuzes Christi.

1. Theff. 5, 10. Jesus Christus ist sür uns gestorben, auf daß wir zugleich mit ihm leben sollen.

Es mag wunderlich genug klingen, und doch ist es unanfechtbare Wahrheit: nicht allein das Leben, sondern auch der Tod ist Kraft. Lange genug erklang das Triumph- lied von der Kraft des Lebens, und Millio­nen berauschten sich an seinen Verführers schen Tönen: sic wollten nur leben. Und sie lebten ein Leben voll Arbeit und Genuß, voll Lust und Begier viele ohne Gott, ohne Ewigkeit, ohne Gewissen. Ta kam oer große Wecker Krieg und setzte sich auf beit, Lehrstuhl des Lebens, und das große Um­lernen begann. Tic erste neue Lektion lau­tete :Tas Leben ist der Güter höchstes nicht, der Uebel größtes aber ist die Schuld." Und die Fortsetzung hieß: Das Leben ist nichts, der Tod ist alles. Jeder Blutstropfen, der da draußen fließt, xeder letzte Atemzug, den einer von unseren Brüdern aui fremder, blut­getränkter Erde, zusammen mit seinen Kame­raden oder einsam und allein, int was predigt er änders als: der Tod ist die Kraft die rettende Lebenskraft für euch anderen, für die Heimat, für das Vaterland. Hinter ledem schlichten Totennamcn der Ver­lustlisten steht unsichtbar und doch in leuch­tenden Lettern: Er starb für mich, damit ich lebe. So wird der Tod das große K'rast- opfer für das Leben. Ohne Tod kein Leben

keine Freiheit l itt Sieg kein Friede.

Gewaltiger Anschauungsunterricht für das Ostergeheimnis des Kreuzes von Gol­gatha!Jesus Christus ist für uns gestor­ben, auf daß wir zugleich mit ihm leben tollen!" Sein Opfertod ist die Kraft. Tie Kraft seines Todes ist das Leben. Nun weiß ich es: Um meiner Sünde willen gestorben, um meiner Gerechtigkeit willen auferstanden. Er mußte sterben, damit ich leben könnte. Er mußte das Kreuz nehmen, damit ich die Krone gewönne. Er mußte ins Grab hin­unter, damit ich in den Himmel hinauf könnte. Er mußte durch das Sterben gehen, damit sich durch das Leben gehen könnte. Aber er mußte auch den Tod be­siegen, damit mein Sterben zum Leben würde. Fortan gibt es nur »och eine einzige Melodie von der Lebenskraft des Todes und der Todeskraft des Lebens:Unser keiner lebt ihm selber, und keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn: darum, wir

leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus auch gestorben und auferstanden und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebendige Herr sei."

Wer für mich stirbt, dem gehört mein Tank. Kein schöner Dank des Mundes mit bloßen Worten, sondern ein Tank der Tal mit einem ganzen Leben. Gewiß, es gibt jauch Undankbare genug. Alle icne, welche den großen Todessinn der Zeit, in der wir leben, nicht verstehen und den Wert der Le­bensopfer draußen nicht achten. Sie gehören zu den Erbärmlichen. Sie sind nicht wert des Blutes, das für. sie vergossen wird. Es gibt auch Undankbare unter dem Kreuz Jesu Christi. Wir schelten sie nicht und richten sie nicht. Tiefes Kreuz ist ein Geheimnis, und znni Rätsellösen kommt nicht jeder. Aber wer dieses Kreuz im Lichte der Ostersonne anschaut, dem enträtselt sich seine geheim­nisvolle Gotteskrast des Lebens, und er neigt still das Haupt und beugt noch stiller das Herz mit dem Bekenntnis: Tein Le­ben für mich! Und er hebt hoch das Haupt und noch höher das Herz mit dem Gelöbnis: Mein Leben für dich! H. S.

Mein Lebenslauf. T

Von

Generalarzt a. T. Dr. OttoKappesse r. (Geb. 4. Juni 1830 zu Jugenheim in Rhein­hessen, gest. 3. März 1918 zu Darmstadt.)

(Schluß statt Fortsetzung.)

Ich habe auch schon zu Jugenheim das Hebräische angefangen, und das Kal, Nifal, Pual und Hitpael (hebräische For­men) sowie die Ucbersetzung des Pro­pheten Jesaias und der Psalmen haben mir manche bittere Stunde bereitet. Dazu kam, daß meine etwas eigentümliche, aufgeregte Natur und meine absonder­lichen Beschäftigungen bei meiner Um­gebung wenig Verständnis fanden. Schlim­mer noch war, daß eine leichte Veranlagung zum Stottern mir viel Spott zuzog, und daher kam es vielleicht, daß ich bis heute noch mich mit der Feder gut verständigen kann, daß mir aber zu leicht der Faden ver­loren geht, wenn mir einer gegenüber scharf in das Auge sieht. Das hätte eine schöne Predigerei gegeben! Mein immer fühlbarer gewordener innerer Zwiespalt gab mir denn endlich in den Herbstserien 1847 den Mut, meinem Vater zu bekennen, daß ich mich sür den Seelenarzt nicht befähigt fühle und lie­ber ein Arzt für den Leib werden wolle.