Ausgabe 
29.12.1918
Seite
4
 
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Nicht lollte er beu Alltag kennen lernen,

Ein einz'ger Sonntag war sein kurzes Sein, Drum suchen wir ihn nicht in öden Fernen, Nein, lebensvoll tritt er zu uns herein.

Der Vater gab ihn euch und nahm ihn

wieder,

Er konnte schmerzlos, selig heimwärts gehn, Sein Geist umschwebt auf leuchtendem

Gefieder

All euer Sein bis zu dem Wiedersehn.

Meine Mitteilungen.

In dem Liederbuche des Rostocker Stu­denten Petrus Fabrieius aus Tondern (1603 1608) findet sich ein Vers, der so recht wieder für unsere Zeit paßt, er hat folgenden Wortlaut:

Gudt machet mudt,

mudt machet übermudt,

übermudt machet kreig,

kreig machet armudt,

armudt machet demudt,

demudt bringet godtsürchtigkeit,

godtfürchtigkeit bringet die seligkeit.

-I-

Bei der herrschenden Kohlenknappheit sind wir selbstverständlich genötigt, mit den Kohlen, die unseren Kirchen zur Verfügung stehen, sparsam umzugehen, damit wir nicht in die Lage versetzt werden, im Februar und März in ungeheizten Kirchen Gottes­dienst zu veranstalten. Sonntag den 29. De­zember soll deshalb nur in der Stadtkirche, Sonntag pen 5. Januar nur in der Jo­hanneskirche Gottesdienst stattsinden.

*

Aus allen Teilen des Reiches mehren sich die Nachrichten über Einspruchsver- .sammlungeu gegen eine übereilte Trennung von Staat und Kirche. Allein aus den letzten Tagen liegen Meldungen vor über Kundgebungen in Essen, Chemnitz, Kiel, Ahlden, Oldenburg, Darmstadt, Breslau, Osnabrück/ Halle, Greifswald, Zwickau, Liegnitz, Graudenz, Grimma, Rostock, Han­nover. Ueberall herrscht starker Andrang zu den Versammlungen; so mußten iit Hannover Hunderte vor dem überfüllten großen Saal imHaus der Väter" um­kehren, in Rostock, Oldenburg und Halle sprachen die Redner vor 1000, in Graudenz vor 2000 Zuhörern. Schon jetzt ist die auf­wühlende Wirkung des neuesten Eingriffes der preußischen Regierung in den Reli­gionsunterricht der Schule zu verspüren. Die Regierungskreise mögen sich nicht dar­über täuschen, daß ein neuer Kulturkampf die kirchlich denkenden Massen des evan­gelischen Volkes in weitestem Umfang zu entschlossenster Abwehr auf dem Plan finden würde. Sollte man wirklich dazu übergehen, den Religionsunterricht aus. der Schule zu verbannen, so wäre nichts mehr bedroht als die staatliche Schule. Unzählige Eltern wür­den ihre Kinder alsdann den in großer Zahl entstehenden Privatschuleu zuführen. Ein

Gesetz, das das verhindern würde, ist un­denkbar, denn Gewissensfreiheit ist auf die Fahne der heute bestehenden Regierungen geschrieben. Nicht die Regierungen und nicht die Lehrer haben allein über die Kinder zu bestimmen, sondern in erster Linie selbst­verständlich die Eltern. Welches Ehepaar möchte sich noch Kinder wünschen, wenn I fremde Menschen über die Kinder in einer Weise bestimmen würden, die den An­schauungen der Eltern widerspricht?

In Grodno haben die dortigen Rabbiner mit dem Cherem, einem Baunspruch gegen den Wucher, unter der Bevölkerung wahre Wunder gewirkt. Seit seiner Bekanntgabe ist kaum lein einziger Wucherfall zur Anzeige gebracht worden. In feierlichster Form wird durch strengen Synagogenbann verboten, von der Stadt Grodno sowie vom Kreise Grodno, wie es auch sei, mit der Eisenbahn, mit Wagen, mit Autos, weder selbst noch durch einen Genossen oder Boten oder einen Bremser, durch einen Juden oder Christen, folgende Lebensmittel zu exportieren: Rog­gen, Weizen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Mehl, Graupen, Kleie, auch Brot und Kuchen, Erbsen, Bohnen, Linsen, Möhren, Rüben, Kohl, Zwiebeln, Kartoffeln, Obst und den dortigen Kaffee-Ersatz. Ebenso Eier, Butter und Honig, Zucker und Zuckermehl. Ter Spruch gilt auch für die Herstellung von Branntwein aus Mehl oder von Seife aus Fett und Butter.

*

Wohlan wir haben's auf den Mann, den Herrn Christum, Gottes Sohn, gewagt, der wird uns gewißlich nicht lassen. Unser Lew und Leben steht auf ihm: wo er bleibt, da werden wir auch bleiben; sonst weiß ich nichts, darauf ich trotzen konnte. Auf ihn wagen wir's; er wird helfen! *

Luther.

kirchliche Anzeigen.

Sonntag nach Weihnachten,

2 9. D e i e m B c r: Gottesdien st.

3n der Stadtkirche. Vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Mahr. Nachm. 5 Uhr: Pfarr- assistent Schäfer.

Zn der Johanneskirche fällt der Gottes­dienst aus.

Silv ester, 31. Dezember:

In der Stadtkirche. Abends 6 Uhr: Pro­fessor v. Schian.

Zn der Johanneskirche. Abends 8 Uhr: Pfarrer Ausfeld.

Neujahr 1919, 1.Januar:

In der Stadtkirche. Vormittags R/i-Uhr: Pfarrer Mahr. Nachmittags 5 Uhr: Pfarrassistent Schäfer. .

In der Johanneskirche. Vormittags 9V-> Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Nachmit­tags 5 Uhr: Pfarrer Ausfeld.

Verantwortlich : Pfarrer Bechtolsheimer. Druck unl,Verlag der Drühl'fchen UniverfltSts-Buch-und Steindruckerei

R. Lange. Gießen.

208 -

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