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88 Jahren in den ewigen Frieden eingegangen. Ter Entschlafene war ein warmer Freund und hochgeschätzter Mitarbeiter unseres Gemeindeblattes, und unsere Leser haben ihm für viele wertvolle Beiträge zu danken. Seit dekn Jahre 1912, also länger als 5 Jahre hindurch, hat er mindestens 60 umfangreiche Arbeiten beigesteuert: alle seine Beiträge wurden sehr gern gelesen und fanden großen Anklang. Das ist Grund genug, daß wir unserem alten Freunde dieses Gedenkblatt widmen.
Cs ist sehr eigenartig mit diesem Heimatschriftsteller gegangen. Er fing zu schreiben an, als er beinahe 80 Jahre alt war, also in einem Alter, in dem der Mensch sich sonst von jeder Betätigung zürückzieht und es macht wie der Landmann, der den Tag über unermüdlich gearbeitet hat und sich in der Abendstille auf die Bank vor seinem Hause setzt.. Zehn Jahre sind es hier, da bekam ich an einem Sommerabend einen unifaugreichen Brief, an dessen Adresse inan deutlich sah, daß ein alter Mann ruit zitternder Hand der Schreiber sei, als Absender stand auf der Rückseite: Generalarzt a. T. Tr. Kap- pesser-Darmstadt, Steinackerstraße 10. Der Brief enthielt gedruckte und ungedrucktc Arbeiten. Es war nicht ganz leicht, diese Schriftzüge zu entwirren, aber je mehr ich mich in die Sendung vertiefte, um so mehr wurde mein Interesse gefesselt. Es waren Bilder uttb Geschichten aus längst vergangenen Tagen, aus Tagen, die dem Gedächtnis der heute Lebenden zumeist schon entschwunden sind, und was ich da las, das war alles mit solcher Frische, Gestaltungskraft und Anschaulichkeit geschildert, das war von einem so wohltuenden Humor und von einem so reichen Gemütsleben erfüllt, daß ich sofort an Johann Peter Hebel erinnert wurde, der heute, beinahe 100 Jahre nach seinem Tode, noch mit seinem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" in den Herzen Ungezählter weiterlebt.
Allgemein bekannt ist das unvergleichliche Lied Friedrich Rückerts „Aus der Jugendzeit". Ter alte Dichter hört die Schwalben singen und sieht sie raschen Fluges durch die Dorfgassen gleiten. Da denkt er daran, wie er einst in seiner Kindheit den Schwalbensang und Schwalbcnflug beobachtet hat, und die längst Entschwundene Zeit steigt vor I seinen Blicken auf. Wehmütig fragt er: „Ob I das Tors entlang, ob das Dorf entlang das jetzt noch klingt?" In der Seele unseres alten, nun dahingeschiedenen Freundes erwachte, als die Achtzig heranuahten, die gleiche Stimmung. „Ob das Dorf entlang, ob das Dorf entlang, das jetzt noch klingt?" so fragte er, und da ging er in die fernen Jugendtage zurück und fdjrieb nieder mit zitternder Hand, was sich damals seinem lebhaften Geiste eingeprägt hatte. Tie in Gott ruhenden Vorfahren redeten wieder mit ihm, die Mühle an der Orebriicke, wo iiber die
Großeltern so manches Ungewitter einhergegangen war, trat vor sein geistiges Auge, Vater und Mutter faßten den Knaben an der Hand, die Spielkameraden sprangen mit ihm durch die Dorfgassen. Es war merkwürdig, wie in diesem Manne die alte Zeit lebte. Nicht nur das, was sich in seinen Lebenstagen zugetragen hat, sondern auch das, was vor seiner Geburt bemerkenswert war, das ruhte in der Tiefe seiner Seele. Was Großvater und Großmutter, was die alten Män- lner, die am • Winterabend in das Jugen- heimer Pfarrhaus kamen, aus ihren Lebenserinnerungen erzählt haben, das haftete in ihm, das strömte aus ihm heraus, als er ein alter, leiblich müder Mann geworden war. Das ganze Dorfleben der alten Zeit bis hinein in die kleinsten Einzelheiten wurde wieder in ihm lebendig. Von des Großvaters Kriegsabenteuern erzählte er, von Wehra, dem Hundelchen im Hause seines Vaters, von dem alten Gaul und dem alten Nachtwächter. Torstragödicn ließ er vor uns erstehen, von Kranken und Siechen, von eigensinnigen, alten Bauern rind kuriosen Gesellen berichtete er. Gelegentlich ging er aus Rheinhessen, >aus dem Jngelheimer Grunde, wo er heimisch war, heraus und schrieb Anekdoten, die sich auf Oberhessen, Starkenburg und besonders aus Tarmstadt, wo er den weitaus größten Teil seines Lebens zugebracht hat, bezogen. Tann zeichnete er auf, was er in den Kämpfen um Deutschlands Einheit erlebt hatte. Was er geschrieben hat, ist durchweg Selbsterlebtes und Persönliches. Kappesser verfiel jedoch nicht in den gewöhnlichen Fehler alter Männer, die sich mitunter für den Mittelpunkt der Welt halten und nur von ihren Verdiensten reden, auch im Alter blieb er — das ist das Zeichen eines überlegenen Geistes — noch ungemein bescheiden. Auf meine Bitte, mir seinen Lebenslauf in kurzen Zügen aufzuzeichnen, schrieb er im Oktober 1916: „Obgleich ich immer noch nicht recht begreife, daß das, was ich so im Laufe der Zeit, nicht zum wenigsten durch Sie veranlaßt, in der unfreiwilligen Muße des Alters zusammengeschrieben habe, und ebensowenig mein Lebenslauf, der sich im gewöhnlichen Geleise abgespielt hat, andere viel interessieren könnte, will ich doch Ihrem Wunsch nach Vermögen entsprechen und Ihnen Mitteilen, was dafür tunlich erscheint." Gleichfalls das Zeichen eines überlegenen Geistes ist es, daß er über sich selbst humoristische Bemerkungen macht.
Kappcssers Arbeiten sind vorzugsweise im „Sonntagsgruße" erschienen, sodann in der „Darmstädter Zeitung", im „Rhein- hessischen Beobachter", im „Jngelheimer Beobachter", im „Hessischen Landkalender" und in der „Hessischen Chronik". Alles, was er geschrieben hat, hat er mir übergeben, damit ich seine Arbeiten vielleicht einmal gesammelt herausgeben solle. Dieses Bündchen wurde einen wertvollen Beitrag zur hessi-


