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scheu Heimatliteratur und zur hessischen Geschichte werden; denn Kappesser macht viele Angaben geschichtlicher Art, die heute ganz vergessen sind. Originell wie seine Arbeiten sind auch seine Briefe, von denen ich sehr viele in Händen habe.
Zwei Eigenschaften, -auf die ich oben schon hingewiesen habe, weisen seine Schriften vor allem aus, sie sind im besten Sinne humorvoll und geben von einem reichen Gemütsleben Kunde. Kappesser war auch eine echt religiöse Natur. Und das; der Mann, den einst das Geschützfcuer der Schlack^ bei Gravelotte umtobt hat, ein Vaterlandsfreund war, der mit dem deutschen Volke in diesen bewegten Kriegstagen empfand, braucht gar uicht gesagt zu werden. Zweifellos war er auch ein Dichter. Alle diese Vorzüge sind in der letzten Arbeit unseres Freundes, die wir heute unseren Lesern oorlegen, vereinigt. Mancherlei, was in diesem Lebenslaufe steht, ist schon in früheren Arbeiten Kappessers zu finden, aber es ist doch sehr viel Neues hinzugekommen, und diese ganze Selbstbiographie, das ist der alte Herr, wie er leibte und lebte. Tie Niederschrift dieser Arbeit stammt aus dem Herbste 1916, sie gibt Kunde von einem Menschenleben, das nun völlig in Gott ruht und an dem das Psalmwort ,oahr geworden ist, das zu dem Herrn spricht: Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht." H. B«.Z
Mein Lebenslaus.
Von
Generalarzt a. T. Tr. Otto Kappesser. (Geb. 4. Juni 1830 zu Jugenheim in Rheinhessen, gest. 3. März 1918 zu Tarmstadt.)
Daß ich am 4. Juni 1830 im alten Pfarrhaus zu Jugenheim geboren ward, und was sich daber Absonderliches zugetragcn hat, das habe ich in meiner Geschichte von „Wehra, dem braven Hundelchen, und warum ich so manchmal iin Leben für so manches nichts gekonnt habe," für diejenigen, die so etwas interessiert, ausführlich beschrieben. Der Name „Kappesser" kommt bis 1609 allein in dem rheinhessischen Dörfchen Engelstadt vor. Erst durch die Nachkommen meines Vaters ist er darüber hinausgekommen. Nun wurde mir kürzlich durch eine gelehrte Dame die Mitteilung, sie habe beim Turchschen von alten Kammerrechnungen im Großhcrzog- lichen Haus- und Staatsarchiv eine solche von 1611 gefunden, in der bemerkt sei: „Vor 484 elen Lcinensteck Theis Cappesser von Lauterbach, 7 elen vor 1 fl. gerechnet — — 69 fl. 26." Mithin könnte dieser Familienname auch nach Oberhessen Hinweisen. Mein Vater, Johannes Kappesser, geboren am 26. Mai 1796 zu Engelstadt als Sohn des gleichnamigen dortigen Ortseinnehmers und kur- Pfälzischen Steuereinnehmers, hatte in Utrecht Theologie studiert und war schon in seincni 21. Lebensjahre, nämlich am 15. Ja
nuar 1817, zweiter Pfarrer zu Ober-Jngel- heim geworden mit dem riesigen Gehalte von 600 Franken. Im Jahre 1822 kam er nach Nieder-Saulheim und 1830, zwei Monate, bevor ich geboren wurde, nach Jugenheim, wo er am 2. August 1869 nach 52jähriger Dienstzeit verschieden ist. Meine liebe Mutter, die nun schon über 50 Jahve unter dem grünen Rasen schläft, hat 1798 in der Mühle an der Orebrück bei Ober-Ingelheim das Licht der Welt erblickt. Meine Großmutter mütterlicherseits stammte auch aus einer, Mühle, nämlich aus dem „langen Hofe" zu i Edenkoben in der Rheinpfalz. Im Jahre ■ 1790 hat sie sich verheiratet, die Jahreszahl ist auf -einer noch vorhandenen Zinnschüssel, zwischen zierlichem Blätterwerk und den Em- blenren des Müllergewerbes eingraviert, zu lesen. Tie Großmutter soll eine schöne Frau gewesen sein. Ich selbst erinnere mich ihrer nur als einer stattlichen, durch viele harte Lebensschicksale etwas schreckhaft gewordenen Matrone, die uns, ihre Enkel, mit warmer Liebe umfing, wenn wir einmal in der Sommerzeit, wenn die Johannistrauben und Stachelbeeren reif waren, in die Mühle mitgenommen wurden und in den beiden Gärten -eine unerschöpfliche Schnabelweide fanden, oder wenn wir in der herrlichen Festzeit des Jngclheimer Marktes unzählige Nüsse >und frisch geerntete Mandeln mit dem T-engel-- Hammer aufklopften. Meine älteste Schwester hat pietätvoll die Hochzeitsschuhe der Großmutter ausbewahrt; sie waren aus Weißem Atlas mit hohen Stöckeln, die nur für einen zierlichen Fuß mit hohem Spann paßten. Es war wohl keine gute Vorbedeutung, als die Neuvermählten, vorn auf dein Müllerwagen sitzend, der hinten den Brautschatz trug, durch Frankenthal fuhren, wie gerade dort das Zollhaus im-Jlammen auf- tzing, von einer johlenden Menge umtobt, als Folge jener immer häufiger werdenden Aufstande, die wie Wetterleuchten von dem im Westen dräuenden Gewitter herüberblitz- ten. Tatsächlich sind über meine Großeltern auch schwere Lebensschicksale einhergegangen. Sie haben die traurigen Zeiten der Fran- zosenkriege erlebt, haben plündernde Franzosen und ungebärdige Russen in ihrem Besitztum gesehen und haben den Tod dreier Söhne, die ihnen in vollster Jugendkraft entrissen wurden, beklagt. Schließlich wurde der Großvater, nachdem er seine Gattin und seine längste Tochter, bei der er im Alter Pflege finden sollte, verloren hatte, auch noch blind, und der Tod war für ihn in Wahrheit ein Erlöser von -allem llebel.
Bor -einigen Jahren bin ich, von dem Wunsche beseelt, die Stätten meiner Kindheit wiederzusehen, nach Rheinhessen gereist und habe dabei auch die Mühle an der Ore- vrück besucht. Zuletzt saß ich, auf das Bähnchen, das mich Widder fortbringen sollte, wartend, auf dem Rand der Orebrück, und es fiel mir, indem ich meiner schon längst


