^onntagsyruß
/ Gemeindeblatt für die evangelische Airchengemeinde Eießen
Nr- 12_Gießen, Palmsonntag, den 2^. Mär; 1918 7-Iahrg.
Schatten.
Ein Wort zum vierten Kriegsbußtage. Brief an die Epheser 2, 14. Er ist unser Friede.
Licht und Schatten gehören zusammen. Wo Licht ist, muß auch Schatten sein; und je Heller und größer das Licht ist, um so dunkler und länger lagern sich die Schatten. So gehören denn Schatten als die natürlichen Begleiterscheinungen des Lichtes auch zum Leben. Menschen wie Völker — ob sie gleich noch so hell glänzen — werden die Schatten nicht los. Schotten aber ist Lebenssegen. Ohne Schatten erstirbt die Seele, verdirbt der Charakter. Tie Schatten im dunkeln Tal sind die notwendigen Erzieher zur .Straft — zur Tragkraft wie zur Tatkraft. Im Schatten erst wird die Persönlichkeit reif. Tas gilt für die kleine Menschengeschichte, und das gilt für die große Bolksgeschichte. Was unser deutsches Volk geworden ist, das ist es im Schatten geworden. Tie dunkle deutsche Nacht vor mehr als hundert Jahren hat die Seele unseres Volkes geläutert und seine Kraft neu geboren. Immer erst der schwarze Schatten einer großen Not hat unserem Volk aus der Tiefe die Kraft herausgeschürft. So segnet der große Gott Menschen wie Völker durch Schatten zu ihrem Heil — wenn anders sie überhaupt noch segnungsfähig sind. Mit solcheni Maßstab wollen ivir auch alle die schwarzen Schlotten des großen Sterbens und der heißen Tränen in der Gegenwart messen. Wir brauchten wieder einmal Schatten, weil wir zu licht- verwöhnte Dritte geworden waren. Wir wären ohne Schatten allmählich in Weichlichkeit und Wohlleben versunken. Ta kam die schwere, ernste Zeit — der großen Schatten in der gewaltigen Völkerdämmerung der Gegenwart. Nun lagern sie über Millionen deutscher Herzen und deutscher Häuser. Fluchen nur nicht diesen Sch>atten der Gegenwart, segnen wir sie: sie kommen von Gott und wollen zu Gott aufwärts führen.
Aber es gibt Schatten einer anderen Art; und sie gehören nicht zu der Naturgeschichte von Licht und Leben. Tas sind die trüben Schatten, die nicht mit dem flutenden Licht aus der Höhe kommen, sondern aus der Tiese aufsteigen. Solche Schatten ersticken die Seele und verdunkeln die Kraft und töten den Charakter von Menschen und Völkern. Es sind die schwarzen Schatten, welche Sünde und Schuld heißen. Je länger der Weltkrieg uni Sein oder Nichtsein unseres Volkes tobt,
desto länger und dichter und dunkler scheinen auch diese Schatten über der Seele unseres Volkes zu werden. Leichtsinn und Obersläch- lichkeit, Erbärmlichkeit und Kleinlichkeit und Gemeinheit, nackteste Ichsucht und Habgier, Prositjagd und Wucher, Genußsucht und Vergnügungssucht, die dein Ernst der Zeit ins Gesicht schlägt, und wie das ganze Nachtheer dieser Schatten aus der Tiefe sonst noch heißen mag, dazu die alte deutsche Nachtkrankheit Zwietracht und Unzufriedenheit — sie lagern sich schwer und drückend über die deutsche Erde und verdunkeln das helle glänzende Licht, in dem die deutsche Volkskraft im Kampf um ihr Leben gegen eine ganze Welt voll Feinden so leuchtend aufstrahlt. Soll unser Volk an diesem Fluch der Nacht innerlich zugrunde gehen? Muß es erst die ganze Welt besiegen, um dann jämmerlich mit seiner Seele zu sterben?
Noch ist die Zeit zur Ruhe nicht ge- i kommen. Noch gilt's den heilig-harten Kamps nach außen, aber auch und vor allen: nach I innen — den heiligsten Krieg wider die Schatten der Nacht. Noch hält das gewaltige Hämmern Gottes an unser Gewissen an, um es endlich, endlich zu zerschlagen, daß der Schrei aus seiner Tiefe sich losrciße: „Nicht wert, nicht wert deiner hilfreichen Gnade! Gott, sei uns gnädig und vergib uns alle Schuld! Gehe nicht mir uns ins Gericht!" Tort steht das Kreuz von Golgatha als das ewige Malzeichen der Versöhnung zwischen Gott und Menschen. Jnr Schatten dieses Kreuzes wandeln sich die Schatten der Nacht in Licht. Tort werden.die Gewissen wach und j die Seelen lebendig und die Herzen rein. Tort schlägt inan an die Brust und findet den Trieb zur inneren Einkehr und Umkehr. Heimkehr unter das Kreuz Jesu Christi! Tas ist die Bußtagsmahnung an uns die Einzelnen mit unserer: Schatten aus der Höhe und aus der Tiefe — an unser ganzes Volk mit dem dunkeln Heer der Nacht, das seine Seele in den Tod jagt. Und wenn keiner sonst den aufgehobenen Finger Gottes sehen wollte — wir wenigstens wollen ihn seh n und betend und glaubend, ringend und liebend, arbeitend und hoffend unser Volk mit seinen Sünden auf unser Gewissen nehmen und es unter das Kreuz Jesu Christi höher hinauf heben.
H. S.
3ur Erinnerung an Generalarzt a. v. Dr. Otto Nappesser.
Sonntag den 3. März ist Generalarzt a. T. Dr. Otto Kappesser im hohen Alter von


