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junger Gießener, Hermann Wagner mit Na­men, im Jahre 1855 geführt hat. Die Ein­träge sind in sehr schöner, deutlich lesbarer Schrift gemacht worden. Ter junge Mann hat sich damals wohl viel in geselligen Krei­sen, wo die Jugend beiderlei Geschlechtes zu­sammenkam, bewegt; denn er hat sorgfältig Notizen über Gesellschaftsspiele zusammen­gestellt.Amors Wanderungen oder die Liebe und ihre Wirkungen",Ter Ge­wissensrat",Das Kausmannsspiel",Aus einem Ei Feuerslammen hervorzubringen" sind hier ausführlich beschrieben, dann kom­menOrakelfragen", Gedichte und Auszeich­nungen scherzhafter Art. Hieran schließen sich Notizen geschichtlicher Art'über Gießen, Notizen, die auf schon bekannte Aufzeichnun­gen zurückgehen. Am Schlüsse finden wir einige amerikanische Adressen. Bekanntlich ging in den 50er und 60er Jahren des vori­gen Jahrhunderts ein starker Strom von Auswanderern aus Deutschland, besonders auch aus Hessen, nach Amerika, lieber die Art und Wirkung dieser Auswanderung ha­ben wir neulich erst in unserem Artikel Gießener Zeitungsinseratc vor 80 Jahren" einiges gesagt. Es war begreiflich, daß die Ausgewanderten mit den Angehörigen und Freunden, die in der Heimat zurückgeblieben waren, ununterbrochen, wenigstens in den ersten Jahren, in brieflichem Verkehre stan­den. Namentlich tauschte man gern Zeitun­gen aus. In meiner Kindheit habe ich oft diese riesengroßen amerikanischen Zeitungen und die Witzblätter politischer Art, die in Deutschland natürlich nur in seltenen Fällen verstanden wurden, gesehen. Anscheinend hat Hermann Wagner oft an seine in Amerika lebenden Verwandten geschrieben; denn sorg­fältig verzeichnet er folgende Adressen:

Ms. Emilie Müller Ch. Magnus 12. Frankfort Street New-York

per Steamer über Liverpool *

Ms. Elisabetha Simon

St. Louis * North-America

*

Mr. Louis Wagner care ot Overstolz, Wagner u. Co.

Kabinet-Maker

St. Louis North-America

*

Via Liverpool u. New-York per first Steamer

Mr. Louis Wagner St. Louis

United States, North-America *

Via Liverpool u. New-York per first Steamer Mr. Rudolph Wagner Boot-Maker

Pine Street between 3. u. 4. Str.

St. Louis

United States, North-America

Für die, die der englischen Sprache un­kundig sind, gebe ich folgendes Wörterbuch: per first Steamer mit dem ersten Dampfer, care of ---- zu besorgen durch (folgt der Name der Schifsahrtsgesell'chaft),

United States Vereinigte Staaten, between = zwischen; das lateinische Wort via = auf dem Wege, via Liverpool --- über Liverpool.

Was Kabinet-Maker und Boot-Maker für Berufszweige bedeuteten, ist mir nicht klar.

Tiefe Adressen belegen die Tatsache, daß die deutschen Auswanderer sich vorzugsweise nach Neuyork, St. Louis und überhaupt nach den Städten in den östlichen Staaten wand­ten. Besonders kam für sie auch Chicago, das beinahe eine deutsche Stadt war, in Be­tracht. In allen diesen Städten gab es deutsche Turn- und Gesangvereine, die sich die Pflege des deutschen Lebens und der dcutlch-nationalen Gesinnung angelegen sein ließen. Leider stehen die Nachkommen dieser deutschen Auswanderer heule gegen uns im , Felde. H. B.

Aus Martin Luthers Verlobungszeit.

Ter Entschluß Luthers, sich zu verehe­lichen, fällt in die Märztage des Jahres 1525, und diese selbst gehören zu den schwer­sten seines Lebenskampfes. Es war, als wenn die Hölle losgelassen wäre. In Deutschland wütete die furchtbare Revolution des Bauernkrieges. Ganz sälschlich wurde ihr Ausflammen mit Luthers Reformation zu- sammcngebracht; ober freilich, es gehört ehr­liche Versenkung in die geschichtlichen Zu­sammenhänge dazu, um hier die Wahrheit von der Lüge zu scheiden. Luther versuchte mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Per­sönlichkeit sich dem Unheil entgegenzustem­men; den Herren wie den Bauen: sagte er mit flammenden Worten und Schriften er­schütternd Bescheid. Vergebens, er konnte den Blutstrom nicht mehr hemmen, und darüber war seine Seele fast bis zu Tode ermattet. Dazu kamen die gewaltigen Zuckungen im kirchlichen, öffentlichen und privaten Leben, die die Reformation selbst notwendigerweise i mit sich bringen mußte. In der Zeit, von der wir sprechen, war namentlich die Erregung in den Mönchs- und Nonnenklöstern eine gewaltige. Sie wurden in Scharen von ihren bisherigen Insassen aufgegcben. Geistliche, Mönche und Nonnen begehrten die Ehe. Lu­ther selbst, so sehr er die Ehe der Priester von Anfang an begrüßte und viele seinen Freunde dazu au'mi'nterte, war anfangs dem Bruch des.Klostergelübdes nicht geneigt. Erst nach schweren Seelcnkämpfen rang sich seine Seele frei; dann freilich trat er auch hier mit aller Energie für den Ehestand ein. Nur für sich selber kam er lange nicht aus der Unrast. Noch im November 1524 erklärte er: Zwar ich bin in Gottes Hand, der kann das Herz seines (Heschöpses wandeln, töten oder