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I« einer Hinsicht war die Wissenschaft im Jahre 1840 weiter als heute, man hatte in Gießen sogar eine Sternwarte, sie war mit dem meteorologischen Kabinett, dessen Direktor Professor Umpfenbach war, verbun­den. Wo diese Sternwarte sich befunden hat, vermag ich ini Augenblicke nicht zu sagen; vielleicht hilft hier ein alter Gießener wei­ter, im Tiefenweg wird sie ihre Stätte nicht gehabt haben, eher auf der Schönen Aus­sicht. Dem Universitätsmarstall stand ein Stallmeister vor, ein Bereiter und vier Stallknechte vervollständigten das Personal. Es gab sogar einen Marstallarzt. Aus dem Adreßbuch ist jedoch nicht zu ersehen, ob er ! für die Pferde oder für die Reiter, die von den Pferden abgeworfen wurden, bestimnit war; ich vermute das letztere. Das Gymna­sium existierte damals noch unter dem Titel Pädagog". Direktor war Dr. Geist, der j sein Amt bis hinein in die 70er Jahre be­kleidete. Neben ihm wirkten fünf Lehrer und vier Hilfslehrer an dieser Anstalt. Direktor der Realschule war Tr. Braubach, diese An­stalt zählte außerdem sechs Lehrer und zwei Hilfslehrer. Tie beiden evangelischen Geist­lichen waren Kirchenrat Tr. Engel und Pfar­rer Bonhard. Vor Bonhard wirkte hier, wie es scheint, nur kurze Zeit ein Pfarrer Spen- gel. Daneben gab es in der Person des Kan ­didaten Lips einen sogenannten Freiprediger, j Diese Freiprediger waren im Hauptamte s Lehrer an der Stadtschule, im Nebenamte unterstützten sie die Geistlichen. Nicht recht verständlich ist, daß bei einer Bevölkerung von über 7000 Seelen an der Stadtschule nur sechs Lehrer angestellt waren. An der Knavenschule war außer deni Freiprediger nur noch ein Lehrer tätig, die beiden Schul­stellen an der Mädchenschule waren im Jahre 1840 unbesetzt. Daneben gab es noch eine j Elementarschule und eine Freischule mit je einen, Lehrer. Auch bestand in Gießen eine israelitische Elementarschule mit einem Lehrer.

Es ist interessant, zu wissen, wo einzelne der bekannten Persönlichkeiten damals ge­wohnt haben. Liebig wohnte Neue Stadt­anlage 11, das ist die heutige Süd-Anlage, die Nummer stimmt mit der heutigen nicht Uberein. Kirchenrat Engel wohnte in der Kaplaneigasse; das Haus, die frühere Kapla- uei, ist wohl noch erhalten. Pfarrer Bon­hard wohnte in 0er Walltorstraße. Ter Jurist Professor v. Grolmann hatte sein Heim in der Weidengasse, Geheimrat v. Löhr wohnte in der Wolkengasse, Marstallarzt Tr. Weber in der Hintergasse (heute Wetzstein­gasse), der katholische Theologe Löhnis in der Wolkengasse, der Universitätsrichter Tr. Trygophorus und der Jurist Weiß wohnten in der Schloßgasse. Ter NameSonnen­straße" existierte damals noch nicht, cs hieß kurzdie Sonne". Man sagte beispielsweise: Steuereinnehmer Mändl wohnt in der

Sonne." Vermutlich rührt der Name daher, daß dort einst ein Gasthaus oder Wohnhaus zur Sonne" stand.

In diesem Adreßbuchs finden sich allerlei Berufsbenennungen, die man heute nicht mehr kennt. So gab es damals in Gießen Bahnmeister, Gartenkncchte, Reitknechte, Schreibstubengehilfen, Aktenträger, Säckler, Stiefelputzer (für die Studenten), Partiku- j liers (Privatleute), Torschreibcr, Pumpen- I wacher, Eisenkrämer, Kuhhirten. Postpacker, Polizeiofsizianten, Kriminalrichter. Tie ' Freiprediger habe ich schon erwähnt.

Zum Schlüsse seien aus einigen Straßen die Hauskcsitzer nach der Bezeichnung imd Schreibweise dieses ältesten Adreßbuches an- geführt.

Marktplatz. 1. Rathhaus (Raths - dieuer CH. Grüneberg). 2. Kaufmann G.Jug- Hardt. 3. Metzger B. Vogt I. 4. Kaufmann CH. Wallenfels. 5. Schuhmacher CH. Franz. 6. Kaufmann Gg. Spruck. 7. Drechsler Lan­dauer. 8. Wirth Bth. Loos. 9. Kaufmann Aug. Oeser. 10. Bäcker L. Kämmerer. 11. Metzger PH. Vogts Wittwe. 12. Metzger B. Vogts Wittwe.

Aster w eg. (Die Nummern laufen durch die Stadtteile, von denen es fünf gab, durch.) 79, Barbier Lotze. 80, Metzger Stoß. 81, Schneider Schneider. 82, Lieutenant Semmlers W. 83, Geheimrath Dr. Nebel. 84,'Schneider Gerth. 85, Buchdruckergehilfe Stich. 86, Susanne Amend. 87, Peter Pe tris Kinder. 88, Petris Wittwe. 89, Glaser Gans. 90, Regierungsrath Ebels Wittwe. 91, Weißl inder Petris Wittwe. 92, Schuh macher Eulers Wittwe. 93, Schreiner Tc- bus. 94, Assessor Limperts Wittwe. 96, Schneider Koch. 97, Gießer Franz. 98, Me­dizinalrath Dr. Wortmanns Wittwe (jetzt Asterweg Nr. 16) 99, Aron Amsterdam (ein bekannter Althändler). 100, Stallknecht Becker. 101, Sattler Kühne.

Kirchen Platz. 21, Geheimrath Tr. Palmers Wittwe. 22, Partikulier Andreas Lampus. 23, Kanzleidiener Will. 24, Speng­ler Habenicht. 25, Buchbinder Helm.

Biele der heute Lebenden werden in die­sem Verzeichnisse ihre Urgroßväter und Großväter finden.

Zwer kleine Gassen oder vielmehr Winkel kennt der heutige Stadtplan nicht mehr, es sind die Gassen Kaltenloch und Schulhof, in pder standen zwei Häuser. H. B.

In Todesnot.

Von Wilhelm Barthel, Gießen.

Im Jahre 1854 wurde der Männcrchor Teutonia, dem auch ich angehörte, von den Deutschen in dem Städtchen Hudson zur Stärkung ihres Ansehens und Einflusses ge­beten, ein Konzert dort am 4. Juli, dem Tage der Unabhängigkeitserklärung, zu ver-