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Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeende Gießen

^Tlr. 51 Gießen, Sonntag, 4. Advent, den 23- Dezember J9I7 6- Jahrg.

Zriede auf Erden!

Evangelium des Lukas 2, 14. Friede auf Erden!

Das deutsche Gemüt hat die Weihnachts­feier wunderbar ansgestaltet. In den Weih>- nachtsbildcrn unserer Künstler von Albrecht Dürer über Ludwig Richter hinaus bis zu Otto UbbelolM und Rudolf Schäfer kommen deutsche Frömmigkeit und deutsche Innig­keit reizvoll zur Geltrmg. In alten Weil>- nachtsliedern, von Menschen erdacht, deren Namen im Winde verweht sind, sind Mor­genland und Abendland, Israel und Deutsch­land, miteinander in Einklang gebracht. Kurz, bevor das Jesuskind geboren wurde, so erzählt eins dieser Lieder, ging Maria durch einen Dornenwald. Der hatte in sieben Ja Iren kein Laub getragen, nun trugen die Dornen mit einenr Male wieder Rosen. Ein anderes Lied schildert den Gang des trauten, hochheiligen Paares über das Gebirge nach Bethlehem. Es ist kalter Winter, bei einem Bauern klopfen sie an um Nacht l-erberge. Der Mann führt das Paar in den Stall, aber er sagt zu seiner Frau: Mach ein gutes Feuerlein, daß diese armen Leutelein erwär­men sich. Am Feuer kocht Joseph dem neu­geborenen Kinde einen Brei und schnitzt ihm aus einem Span einen Löffel.

Alle diese Bilder und Lieder, so schön sie sind, passen heute nicht recht in unseren Ge­dankenkreis. Tie Zeit ist viel zu eisern. Wenn sich die Menschen mit Riesengeschützen, Gasangriffen und Handgranaten bekämpfen, wenn Nation mit Nation um Sieg oder Un­tergang ringt, so müsfen Kunst und Dichtung weit draußen vor unserer Tür stehen bleiben. An diesem Weihnachtsfefle müssen wir unsere Gedanken ganz auf die eigentliche Bedeutung des Festes, nicht auf die Nebendinge richten, und das ist der Kern unseres Festes, daß wir einen Heiland haben, der alle Not zu Ende bringt. Seinem Friedenszepter müssen wir uns beugen. Solange die Menschen ihm aber widerstreben und von der Macht- und Geldgier, mit einem Worte, von der Sünde beherrscht werden, solange auch wird Lu­thers Wort gelten: Diese Erde ist ein un­seliges Uebel, und des Weinens ist kein Ende, bis daß wir in d'.e Grube verscharret werden.

In dar Weihnachtsnacht des Jahres 1915, so hat ein unserer Gemeinde angehörender Kämpfer an die Seinen geschrieben, hat in Flandern eine deutsche Militärkapelle im Graben allerlei Weihnachtsmelodien gespielt.

O du fröhliche, o du seliiw Stille Nacht, heilige Nacht> Ich steh an deiner Krippe hier, und wie diese schönen Weisen alle heißen, so erklang es hinauf zum klaren Sternenhimmel. Und siehe da, die Englän­der traten aus der Deckung heraus, stellten sich auf den Rand des Grabens, die Unseren machten es ebenso, alle lauschten sie ergriffen den reinen Klängen, niemand griff zur Waffe. Friede auf Erden, so zog es durch die Herzen der Krieger, die in den vorausgegan­genen Monaten so manckfen guten Kamera­den und lieben Freund l-atten sterben sehen. Friede auf Erden! Für die Ostfront geht dieses Wort nun in Erfüllung. Wir wollen beten, daß es bald über das ganze in Alammen rauchende und in Blut getauchte Kampfgebiet hinwegtönen werde, dis uratre, verheißungsvolle, selige Gotteswort: Friede auf Erden! H. B.

wie man vor zwei Menschenaltern in 4- Gießen Weihnachten und Neujahr gefeiert hat.

Tie alte Zeit ist nicht immer eine gute Zeit gewesen, vor 80 Jahren jedoch, haben die Gießener Einwohner äußerlich Weihnachten und Neujahr besser feiern können, als es uns diesmal, im vierten Kriegswinter, möglich ist. Man lebte damals im Ueberflusse, und die Waren aller Art waren billig. Nach der amtlichen Preisliste kosteten in den Jahren 1837 1841 hier das Pfund Ochsenfleisch 11 Kr., Schweinefleisch 11hl Kr., Schinken 20 Kr., geräucherter Speck 20 Kr., Putter 16 Kr., Weizenmehl 5 Kr. Zuckerwaren wa­ren in reicher Fülle zu bekommen. So emp­fahl der Konditor Moritz .Höpfner auf dem Seltersberg Marzipan, Anisgebackenes, Speculatius und fügte hinzu:Ich glaube auch hier mir schmeicheln zu können, allen Forderungen meiner verelwten Tlbnehiner aufs Beste zu entsprechen." Als er bald dar­auf starb, übernahm sein Sohn Adolf das Geschäft, der auf Bestellung alle Sorten von Torten, Aufsätzen und Pyramiden zu Weih­nachten anfertigte. Auch K. Lind veranstal­tete eine Weihnachtsausstellung von Kondi­toreiwaren. Kurz vor dem Feste iv-urden fette Schlveine in Menge angeboten. F. Lyn- ker auf dem Schiffenberg machte am 16. De­zember 1840 behrnnt:Ich bin Willens, meinen 3jährigen Fasselochfen zu schlachten, hiervon sind noch 2 Viertel Zu verkaufen und wird davon das Pfund zu 6 Kr. abgegeben^