Gemeinüeblatt füröie evangelische Kirchengememöe
Gieszew
Nr. 1.
Eichen, Sonntag 1. nach Epiphanias, den 7. Januar 1917. 6. Jahrgang.
Lin Rat des alten für das neue Zahr.
Psalm 62, 11. Fällt euch Reichtum zu. so hänget das Herz nicht dran!
Vas Jahr 1916 liegt nun hinter uns und gehört der Geschichte an. welch eine Biesenkette der Ereignisse, weltgeschichtlicher und einzelpersänlichster, hoffnungsreicher und trauervollster, hat es uns gebracht,- Erlebnisse, wie sie sonst kaum an einem vollen Menschenleben vorbeirauschen — und doch! wie ist die Zeit dahingejagt, und wie dünkt es zumal uns Kelteren - kaum möglich, daß schon wieder ein volles Jahr den Lauf zur Ewigkeit hin beendet haben soll! Jahreswende! 3n -diesen Tagen horcht man doppelt aus, wenn es sich darum handelt: was hat das vergangene Jahr uns gebracht? was wird das kommende uns bringen? Und nun heißt die Losung für den Bnfang des Jahres: „Fällt euch Beichtum zu, so hängt das Herz nicht dran!" Sie ist dem 62. Psalm entnommen, der so recht für den heutigen Tag patzt. Gab chm doch Luther die Überschrift: „Stille Hoffnung zu Gott. Nichtigkeit der Menschen." 3st es nicht, als wäre solch Wort wie z. B|. der 4. Vers eigens für uns Deutsche im Blick auf das Biesenrudel unsrer Feinde im Weltkrieg geschrieben: „wie lange stellet ihr alle einem nach, daß ihr ihn erwürget - als eine Hangende wand und zerrissene Mauer?" Uber, so beginnt der herrliche Psalm: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft." Das sei denn auch das große Leitmotiv für unser gesamtes deutsches Volk an dieser gewaltigen Jahreswende! Dann aber freilich, wenn wir Trust damit machen wollen, gibt es für die praktische Betätigung kaum einen wichtigeren Bat, als den dieses Schriftwortes. Soweit wir ehrliche Ehristenleute sem wollen, denen der Heiland noch etwas zu sagen hat, werden wir durch sie vor sein entscheidendes Entweder - oder für Zeit und Ewigkeit gestellt: „3hr könnet nicht Gott dienen, und dem Mammon!" wie erschütternd offenbart es gerade der gegenwärtige Weltkrieg! Vas innerste Motiv, das unsre Feinde, England vorweg, zum Vernichtungskampf gegen uns antrieb, ist: Weltherrschsucht! Mammonsdurst! Der Dämon, von dem die große „neutrale" Weltmacht Bmerika besessen ist und der sie fieberhaft antreibt, Europa Jahr um Jahr in einem Meer von Blut und Tränen zu ertränken - heißt Mammonismus, peitscht sie zum Knien vor dem goldenen Kalb!
Und, um bei unsrem Volk zu bleiben, trotz all seiner Größe und Heldenhaftigkeit hat dennoch ein gähnender Bbgrund seines Wesens sich geöffnet in schmählichem Wucher- und hamstereidienst, im schnöden Baffen von Kriegsgewinnsten durch wenige, an denen die Bot und Entbehrung von Millionen klebt! Ja, es gibt, das Wort zu Ende gedacht, kaum einen wichtigeren Bat des alten für das neue Jahr, als: „Fällt euch Beichtum zu, so hängt das Herz nicht dran" - auch wenn wir an Kriegsziele und Friedensgewinn denken! wir haben sie bis zum herzzerbrechen vernommen, die große Schauersymphonie des Mammonismus, aus der es wie Götterdämmerung des Weltuntergangs emporklingt! Bein! wir Deutsche wenigstens wollen im neuen Jahr einer göttlicheren Lymphome lauschen, deren majestätische Bkkorde selbst ein Großmeister wie Johann Sebastian Bach noch nicht vollkommen genug zusammenzufassen vermochte,- die wir nur ahnen können beim siebenfältigen Lobpreis aller Engelchöre im Worte der Offenbarung angesichts derer, die da kommen sind aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider Helle gemacht im Blut des Lammes: „Bmen! das Lob und der Preis und die Weisheit und der Dank und die Ehre und die Macht und die Stärke gebührt unsrem Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Bmen!" — Und damit ein gesegnetes neues Jahr! — Gott gebe es: das Jahr des Friedens!
Gedanken zum neuen )ahr.
wir haben das ernste, tränenreiche Jahr 1916 verlassen und möchten es nicht zurückhalten, obwohl es uns neben viel Schwerem viel Großes und herrliches gebracht hat. Vas Schwerste lag wohl in der Enttäuschung, die es uns bereitete- denn wir hatten alle ausnahmslos erwartet, daß es uns den Frieden bringen würde, den ersehnten Frieden.
wir wollen diese Hoffnung nun in das soeben neu begonnene Jahr mit hinüber nehmen, und das vertrauen auf unsern Vater im Himmel nicht zu Schanden werden lassen, daß er eingreifen wird, wenn die Stunde hierfür gekommen.
Bber andere Gedanken möchte ich heute berühren, Gedanken, die sich nur mit uns selbst beschäftigen sollen, und die uns das Jahr hindurch begleiten mögen. Bückschauend
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