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Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

^lr. 50 Gießen, Sonntag, Z.Advent, den 16- Dezember J9I7

Dos Leben.

Evangelium des Johannes 14, 6. das Leben

Ich biil

Kennst du das Bild, das in sinniger Weise die lebenweckende Kraft des Kindes von Beth­lehem darstellt? Christus wandelt als Kind durch eine dornige Einöde, aber in seinen Fußstapfen erblüht Leben, frisches Grün und blühende Blumen randen sie ein. Ein tiefer Sinn liegt in diesem Bild. TasBlüme- lein so feine", das mitten im kalten Winter erblüht ist, hat die Kraft, Leben in der er­starrten lebloserr Welt zu wecken. Das Kind von Bethlehem ^wandelt auch heute wieder über die finstere Erde und will das Leben bringen. Es geht über die Schlachtfelder, wo Tod und Leben ringen: es kommt in manches .Haus, wo Leid und Not Einkehr gehalten haben: es klopft an so manches Menschenherz, das noch in Finsternis und Schatten des Todes sitzt: und überall soll in ' seinen Fußspuren Leben, neues Leben, limm- lisches Leben erwachsen. Laß dieBlume von Bethlehem" auch in deinem Herzen er­blühen: sie ist das Leben. Freilich müssen dann die Dornen aus gerottet werden und die lwilden Triebe unter scharfem Messer fal­len. Tas tut wehe, gewiß, und es kostet einen Kampf: aber du erringst die Wunder­blume, die alle Schätze erschließt, die Schätze des Lebens und des Lichts, die Blume, von der die Weihnachtsfreude singt:

Ties Blümelein so kleine,

Tas duftet uns so süß: Mit seinem Hellen Scheine

Bertreibt's die Finsternis. Wahr' Mensch und wahrer Gott, Hilf uns aus allem Leide,

Rettet von Sünd und Tod!"

'Bilder aus dem hessischen vorsleben

Von A. L n n.

Zweite Folge.

(Schluß.)

In der Silvesternacht war es üblich, daß die jungen Burschen um 12 Uhr, wenn die Kirchenglocken läuteten, ihren Bekannten, na­mentlich den jungen Mädchen unter diesen, das Neujahranschossen". Sie traten vor das Haus, nannten den Namen dessen, den sie ehren wollten und riefen: Ich wünsch' dir ein glückseliges neues Jalw, Gesundheit und langes Leben, darauf soll's Feuer ge-

beu. Und der Pistolenschuß krachte, daß die Wanoe zitterten. Am Neujahrstage kamen die Gratulanten in die Häuser. Es waren alte Männer unter ihnen, die lange, alt­modische Verse hersagten. Leider habe ich diese Verse nicht mehr in der Erinnerung.

Tie Gemeinde war bis zur Einführung der Union reformiert gewesen. Reformierte Sitten und Gebräuche waren im kirchlichen

Leben noch zu finden. So war es die Aus

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gäbe der Kirchenvorsteher, bei Abendmahls feiern die heiligen Gefäße sowie Brot und Wein vom Pfarrhause in die Kirche zu tra­gen. Es war immer ein Anblick, der zur Weihe stimmte, wenn diese zumeist alten Männer, denen das Leben Falten in das Gesicht gegraben hatte und die durch die schwere Feldarbeit gebückt waren, unter Vor­antritt des Pfarrers zur Kirche gingen und die Abendmahlsgeräte, die mit weißen Tü­chern bedeckt waren, trugen, um sie dann auf den Altar niederzusetzen. Es gibt in Hessen noch Gemeinden, die vordem reformiert wa­ren, weil sic einst zur Kurpfalz gehörten, in denen die Kirchen Vorsteher noch bei beson­deren Gelegenheiten, so bei der Konfirma­tion, der Abendmahlsseier, der Einführung eines Geistlichen, der Kirchenvisitation sowie bei der eigenen Tienstverpslichtung, einen nach altem Schnitte angefertigten schwarzen. Mantel über ihrer Kleidung tragen. Gibt der Pfarrer einem Kranken oder Alten in seiner Behausung das heilige Abendmahl, so geht ein Kirchenoorsteher, angetan mit dem Kirchenmantel, mit und trägt die heiligen Gefäße. Diese Mäntel sind von der Art, wie sie in der Schweiz der Landammann bei besonderen Gelegenheiten trägt. In der vor­dem gleichfalls reformierten tzsemeinde, in der ich konfirmiert worden bin, standen bei der Konfirmation die Kirchenvorsteher man nennt sie dort Presbyter, d. h. die Ael- testen hinter dem Altar, und nach der Einsegnung reichte ihnen jeder Konfirmand die Hand. Das war ein Gelöbnis zur Treue, das man den Vertretern der Kirchen gemeinde leistete und das seinen tiefen Grund hat.

Nur noch einige Gestalten, die mir a:rs meiner Kindheit in der Erinnerung sind, möchte ich vorführen. Ta war der stets ver­gnügte Glaser, in dessen Werkstatt ich als kleiner Knabe manche Stunde zugebracht l)abe. Ter Glaser, damals noch ein junger Mann, sang und pfiff den ganzen Tag bei der Arbeit. Zumeist sang er Lieder ohne Worte, d. h. die Melodie sang er richtig, aber