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ten anzunehmen, fand man z. B. bei einer Sck-ulvisitation in dem Dörfchen Bermersheim bei Alzey, daß in den Schreibheften der Kinder öfter große Anfangsbuchstaben mitten ins Wort hineingeschrieben waren, und auf Befragen hörte man von einem Schüler, der Lehrer habe sie das so gelehrt, weil das schöner aussehe, und dazu seien die großen Buchstaben da! Tiefer Lehrer übrigens, den sich die Gemeinde um ein Billiges angenommen hatte, war früher einmal Prediger bei einer kleinen reformierten Gemeinde gewesen und von der Vorgesetzten geistlichen Behörde entlassen worden, weil er bei Herannahcn der französischen Revolution dem Zeitgeist Rechnung tragen wollte und vom Bürger Gott und den Bürgern Christus, Paulus und Petrus zu predigen begann. Solche Fälle mögen wohl nicht vereinzelt gewesen sein.
Aus einer Familienaufzeichnung ersah ich, daß noch im Jalwe 1817 und vielleicht auch noch später, die unmittelbar am Rhein gelegene Gemeinde Frei-Weinherm nur int Winter sich den Luxus eines Schulmeisters leistete, der dann im Sommer als Knecht bei dem dortigen Holz- und Kohlenhändler Schaurer seinen Unterhalt sich verdiente.
Aus gleicher Quelle weiß ich auch, daß noch bis in die 20er Jahre besonders bei den ehemals kurpfälzischen Gemeinden Brauch war, daß während des Winters ieder Schüler an jedem ersten Wochentag ein Scheit Holz und ein Bündel Stroh mit zur Schule brachte, womit dann der Lehrer die Schulstube heizte. Und das war keine Kleinigkeit, denn damals, als bei der Neuordnung der Tinge jeder Staat seine Grenzen mit Zollschranken umgab, galt der alte Vers: „Hätt die Pfalz mehr Wies und Holz, dann wäre sie noch Eins so stolz" ganz besonders für den hessisch gewordenen Teil. Tenn da war man für seinen Bedarf an Brennholz meist nur auf die Abfälle vom Wingertsund Feldbau angewiesen. Tenn die Steinkohle oder ähnliches war damals auf dem Land noch gänzlich unbekannt, und es ist ein Verdienst der vorgenannten rührigen Firma Schaurer, zuerst wohl im Auftrag der werdenden Niederländer Kohlenbarone, durch Beschaffung geeigneter Oefen unter kulantesten Bedingungen das Interesse für die „schwarzen Diamanten" geweckt und damit die altehrwürdigen holzfressenden sogenannten Gienanth'schen Oefen mit den Reliefs von der Hochzeit zu Kana usw. oerdrängt zü haben. Es ist immer gut, beim Aufwärtssteigen zu Zeiten einmal auf den zurückgelegten Weg zu blicken. _
vilder aus dem hessischen Vorsteven
Von A. L — n n.
(Fortsetzung. ■
Zweite Folge.
Im ersten Jahrzehnt nach 1871 hat man das Sedanfest noch eifrig gefeiert. Wie es einst nach 1813 zur Erinnerung an die Völ
kerschlacht bei Leidig geschah" so geschah es auch in der Zeit, die ich hier im Auge habe: man zündete abends auf hochgelegenen Punkten der Gemarkung Freudenfeuer an Am Nachmittag des 1. September fuhren Wagen durch das Torf und wurden mit Holz, im wesentlichen mit Reisig, das die Hausbesitzer spendeten, beladen. Tann wurde auf dem Felde der große Holzstoß aufge schichtet, wobei natürlich die ganze Knaben schar der Gemeinde zusah. Sobald die Dunkelheit hereingebrochen war, zog die Einwohnerschaft hinaus zum Holzstoße. Während das Feuer entfacht wurde und lustig knisterte, wurde eine Rede gehalten und ein Gesangverein trug vaterländische Lieder vor. Es war ein interessantes Bild, von der Höl)e aus im weiten Kreise rundum die Freuden- und Siegesseuer der benachbarten Dörfer leuchten zu sehen, und man riet alsdann, wohin die einzelnen Feuer wohl zu versetzen wären. Das ist bekanntlich bei Nacht ein sehr schweres Geschäft, da man sich über die Entfernung eines Feuers, das nächtlicherweile brennt, sehr täuschen kann: in der Re gel unterschätzt man dabei ganz gewaltig die Entfernung. War das Feuer so ziemlich in sich selbst versunken, so zog man wieder nach dem Torfe zurück, wo ein großes Zelt erbaut worden war, in dem es sich die Leute bei Bratwurst und Bier wohl sein ließen.' Am nächsten Tage war Gottesdienst und Schulfeier. Oft vereinigten sich die Schulkinder mehrerer Gemeinden zu einer gemeinsamlen Feier. Auf Kosten der Gemeinden wurden kleine Fahnen mit den deutschen Farben an- geschafst, und jedes Kind bekam eine dieser Fahnen in die Hand, so daß es über dem Kinderzuge buntfarbig flatterte. Aber das Interessanteste für die Kinder war, daß je dem eine große Bretzel oder ein aus mürbem Teig hergestellter großer Weck , geschenkt wurde. Auch bei Schulprüfungen pflegte das zu geschehen. Es war immer ein großer Mo ment, wenn nach dem strengen Examen, das der .Herr Kreisrat und der Herr Schulinspek tor anstellten, der Bäcker mit seinem gefüllten -Korbe erschien. Aus meiner frühesten Kindheit entsinne ich mich, daß der Kreisrat uns Kindern das Aufsatzthema stellte: Ter Frosch und die Maus. Er erzählte uns eine kleine Fabel, deren Jühalt ich nicht mehr genau weiß — Frosch und Maus wollten gemeinsam einen Bach überschreiten —, dann schrieben wir die Geschichte aus unserer Schultafel nieder. Ich war am schnellsten mit der Arbeit fertig, der Kreis rat sah sie durch und fand nicht einen Fehler. Ta ließ er sich meinen Griffel geben und schrieb unter meine Abhandlung die Note: sehr gut? Freudestrahlend lief ich mit dieser Note nach Beendigung der Prüfung zu meiner Ntntter. Ich hatte auch allen Grund zur Freude: denn schriftstellerische Leistungen werden nicht immer so gut rezensiert, und wenn man älter wird, erfährt man, daß die Menschen mit Tadel freigebiger sind als mit Lob.


