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Sonntagsgruß

j Gemeindcblatt für die evangelische Rirchengeineinde Gießen

Viv. *9 Gießen, Sonnrag, 2. Advent, den 9. Dezember 1917 6 Iahrg.

Lm Adventzgrutz von Martin Luther.

Brief des Wastels Paulus an die Philipper 4, 5 u. 6. Eure Lindigkeit lasset kund sein Wen-Menschen. Ter Herr ist nahe. Sorget nichts.

Wieder sind wir in die Advents-, die einst so schöne, poesienm wobene Vorweihnachtszeit eingetreten. Ter Ernst des Weltkriegs lastet schwer auf den Gemütern und will die Freude kaum aufkommen lassen. Aber wenn wir auch keine Adventskerzen anzünden können, in der Seele kann und soll doch der Schimmer der seligen, fröhlichen Weihnachtszeit anbrechen und zune! men. Tenn was sie ihr bringt, ist nicht irdischer, sondern göttlicher Art. Da möge heute Martin Luther zu uns sprechen. Wer sein Leben kennt, weiß, daß es au Not und Sorge dem unserer Tage nicht nachstand. Aber in ihm glühte ewiges Licht, das seinen Hellen Schein auch jetzt noch mit Ursprung- lich-er Kraft ausznstrahleu vermag. Während der Wartburgzeit im Jahre 1521 schrieb er, vor der Uebersetzüng des Neuen Testaments, seine Kirchenpostille,' jene köstliche Predigt sammlung für alle Sonntage des Jahres. Eine Stelle aus einer seiner Adoentspredig- ten wird gerade uns Heutigen Besonderes zu sagen wissen:

,.Ter Herr ist nahe!" Wenn kein Gott wäre, so möchtest du dich billig vor den Bösen furchten. Aber nun ist nicht allein ein Gott, sondern er ist nahe: er wird dein nicht ver­gessen. noch dich lassen. Sei nur du gelinde gegen alle Menschen und laß ihn für dich torgen, wie er dich ernähre und schütze. Hat er dir Christum gegeben, das ewige Gut, wie sollt' er dir nicht auch geben des Leibes Notdurft? Er lMt noch viel mehr, denn man dir nehmen kann: du hast auch schon mehr, denn aller Welt Gut, weil du Christum hast. Tavon sagt Tavid:Wirf dein Anliegen auf den Herrn, so wird er dich beschicken (ver­sorgen)." Und Petrus:Werft alle Sorge auf ihn, denn er sorget für euch." Und Christus:Sehet an die Lilien auf dem Felde und die Vögel des Himmels." Tas ift alles so viel gesagt:Ter Herr ist nahe." Und nun folget:Sorget nichts!" Nicht eine Sorge habt für euch^ laßt ihn sorgen. Er kann sorgen, den ihr nun erkannt habt. Hei­den sorgen, die nicht wissen, daß sie einen Gott habm. Wie Christus auch sagt:Sor­get niäü für eure Seele, was ihr essen und trinken sollt, noch für enreu Leib, was ihr antun sollt. Tenn solches alles suchen die

Heiden. Aber euer Vater im Hinrinel weiß, daß ihr solches bedürft." Darum laßt neh- men und Unrecht tun die ganze Welt du wirst genug haben und nicht eher Hungers sterben und erfrieren, mau habe dir denn deinen Gott genommen, der für dich sorget. Wer will dir aber den nehmen, wo du ihn selbst nicht fahren lässest? Darum l-aben wir keine Ursache zu sorgen, weil wir den guten Vater und Schaffner haben, der alle Tinge in seiner .Hand hat, auch die, so uns nehmen und beschädigen, samt all' ihrem Gut: son­dern haben Ursach', immer fröhlich gegen ihn und gegen alle Menschen gelinde zu sein, dieweil mir gewiß sind, daß irir an Leib und Seele genug haben werden, nud allermeist, daß wir einen gnädigen Gott haben: welche den nicht haben, die müssen wohl sorgen. Unsere Sorge soll sein, daß wir ja nicht sorgen und nur gegen Gott fröhlich und ge­gen die Menschen gelinde seien."

Tas ist Aushalten rechter Art, die große deutsche Losung im Weltkrieg. Und da wollen >chr, gerade in der Adventszeit, Luther unfern Lehrer sein lassen, aber auch tätige Schüler sein. Dann wird auch der Sieg uns bleiben, sogar der schwerste der über uns selbst! Das walte Gott!

Die Erinnerungen einer alten Männer.

Von Generalarzt ä. T. Tr. Otto Kap­pesser in Tarmstadt.

31 »U n s e r e Schule e.i u st und jetzt.

Tie Tapferkeit, mit der unsere größeren Landgemeinden vor mehreren Jahren für ihre bedrohten höheren Bürgerschulen eiu- traten, welche der <--taat in seiner damaligen finanziellen Bedrängnis nicht mehr ernähren zu können vermeinte, fordert zu einem inter­essanten Vergleich in vorstehendem Sinn auf:

Tie französische Regierung, die um das Jahr 1800 das linke Rheinuser in der Ge ivalt hatte, verbrauchte so viel für den Wehr­stand,'daß ihr für den Lehrstand wenig oder nichts übrigblieb. So ist es erklärlich, daß bei der sonst so aufgeweckten linksrheinischen Bevölkerung die Heiratsakte noch weit in die hessische Zeit hinein Fälle aufwi.'sen, wo beide Parteien- oder doch eine ihre Unter­schrift mit den ominösen drei Kreuzen ge­leistet haben.

Wie sich seinerzeit in Mainz ein? Art freiwilliger Kommission gebildet hatte, um sich der zumal auf dem platten Lande inr Argen liegenden Schulverhältnisse nach Kr äs