Einzelbild herunterladen

j

- 190 -

Gluck hatten, aus kurzsichtige und ungeübte Jäger zu stoßen, gelang es ihnen, die Kette zu durchbrechen. War das Treiben beendet, so schleppten die Treiber die erlegten Hasen herbei und legten sie nebeneinander auf die Straße oder den Weg, bis sie mit dem Wa­gen weggefahren wurden. Mancher Hase wurde nicht gleich auf gesunden, weil er in! einem Graben oder in einem Busche verendet war. Darum ging am nächsten Tage der eine oder der andere Ortsbewohner aus, um Hirsen zustoppeln", d. h. um verlorenge­gangene Hasen zu suchen und zu sammeln. Ob diese immer richtig an die Jagdpächter abgeliefert wurden, möchte ich dahingestellt sein lassen, die Hauptsache wird die gewesen sein, daß der Braten mundete.

Allerlei merkwürdige Personen stellen, tv-enn ich in meine Kinderzeit zurückgehe, vor meinem geistigen Auge. Voran steht meine Urgroßmutter die übrigen Urgroßmütter habe ich nicht gekannt, sie war noch iin 18. Jahrhundert, nämlich im Jahre 1782 geboren und hatte das ganze Elend der Franzosenherrschaft am Rheine miterlebt. Sie wurde 90 Jahre alt, hat somit einen ungeheuren Wandel der Di ritze mit ange- sehcn. Als sie irr rneirren Gesichtskreis trat, war sie schon alt und lsinfällig, so daß sie am Stock ging. J!ch wußte aber nicht, daß sie das aus Altersschwäche tat, sondern, meinte als kleiner Knabe, sie 'volle den klei- nerr Haushund, derr ich sehr fürchtete', schlagen.

Ta war auch der alte S., der unter Na­poleon I. in -Spanien gekämpft hatte. Er war seinem früheren Kriegsherrn bis arr den Tod ergeben. Als 1870 die preußischen Truppen durch das Torf marschierten, sagte er: Ziehet nur hin, ihr werdet bald wieder! geschlagen zurückkommen. So tief war in denr Veteranen der französischen Armee der Glaube an die Unbesiegbarkeit der französi­schen Nation eingewurzelt.

Aus derfranzösischen" Zeit stammte auch noch der alte Peter Dietrich, der iw Tagelohn sein Brot verdiente und nie ver­heiratet war. Er war kerngesund bis in sein hohes Alter, obwohl er niemals in seinem Leben Strümpfe getragen hatte. In seinen jungen Jahren hatte er als Knecht gedient. Ter Jahreslohn, den er bekam, war gering. In jeden' Jahre, im September, war ein großer Jahrmarkt, da ließ sich der' Dietrich Peter den Lohn auszahlen, um ihn in drei Tagen durchzubringen. Ms er älter wurde, wurde er sparsamer. Ich höre ihn noch, wie er in seiner stockenden Redeweise von deit bescheidenen Freuden seiner Jugend. sprach.

In meiner Kindl>eit ivurde noch viel von den Jahren 1848 und 1849 erzählt. Ta nmls ging es in meiner Heimat unruhig zu, d. h. der Lärm', den die Menschen machten, war größer als Uwe revolutionäre Gesin­nung. Jeden Sonntag ging man zu einer anderen Versammlung. Ein alter Spaß- vogel, ein kleiner, etwas komischer Mann,

war in ein Nachbardorf, wo nran über die politischen Vorgänge der großen Welt nicht unterrichtet war, gegangen, l-atte sich dort in einen' Wirtsl>ause auf einen Tisch gestellt und mitgeteilt: ,^Jl>r Ahänner von M., ich will euch sagen, daß die Republik angekom­men ist." J'unge Leute ans meiner Heimat schlossen sich der aufständischen Bewegung in der Pfalz an. Einige waren so klug, dick Freischaren schon vor dem Eintreffen der Preußen wieder zu verlassen und in der Nachl wieder nach Hause zu laufen, die anderen inußten sich infolge dieser Bewegung nach Amerika begeben. Man war in dieser Ge gend vom Geiste der Zeit so an gesteckt, daß m an die kleinen Knaben in Freischarentracht steckte: weiße Hosen, blauer Kittel und Schlapplmt. Bald rückten die Preußen ein und wurden in den Dörfern untergeb rachth sie vertrugen sich auf das beste mit der l>essi scheu Bevölkerung.

Ten Krieg des Jahres 1866 habe ich schon erwälmt. Tie Gemeinde, die heute 150 der Jlwigen ini Felde stehen hat und vor 51 Jahren nicht kleiner an Einwohnerzahl war, hatte damals die allgemeine Wehrpflicht gelangte bekanntlich erst im Jtzhre 1868 in .Hessen zur Einführung 2 Krieger auszu- weisen, 1870 waren es 10. Aber weder im Jahre 1866 noch in den Jahren 1870'71 hatte die Gemeinde einen einzigen ihrer Söhne im Felde verloren, auch war keiner verwundet oder gefangen worden. Man muß sich das vor Augen halten, um die Größe: des gegenwärtigen Krieges zu verstehen. Zwei der Feldzugsteilnehmer der Jahne 1870/71 sind allerdings kurz nach, Beendi­gung des Feldzuges Krankheiten, die sie sich wohl bei der Belagerung von Metz zugezo­gen hatten, erlogen. Dem einen der beiden haben die Kriegskameraden eine selbstoer­faßte Inschrift auf das Grab gesetzt. Sie mag als Muster derartiger Volkspoesie hier stehen:

Tu zogst mit uns vereint ins Feld, Fürs Vaterland zu streiten,

Wo mancher mutige deutsche Held Den Tod schon mußte leiden.

Wo's aus Kaub neu hat gewittert,

So daß die Erde hat gezittert,

Wo keine Kugel ward gespart,

Ta 'vard dein Leben wohl be'vahrt.

Tn hast wie lvir in jungen Jahren Schon viel erlebt und viel erfahren,

Tn hast gefühlt des Krieges Leiden Und teiltest auch des Sieges Freuden,

Tu sahst den Frieden zart und schön, Das freie Deutsche Reich erstellen.

Tu kamst nach .Haus froh zu den Deinen, Ta deine Lebenskraft schon litt,

Tie jetzt in Tränen um dich weinen, Dieweil dem Leiden vorwärts schritt Und dn bei liebevollem Pflegen Doch deiner Krankheit bist erlegen,

Daß es dir endlich ward beschieden,

- Zu ruln in Gott im ewgen Frieden."