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Hr.46 Gießen, Sonntag, 24.nach Trinitatis, den IS.Vlovember 1917 6Iahrg.

Line Bergfahrt.

Psalm 121, 1 u. 2. Ich Hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmiel und Erde ge­macht hat.

Ein lachendes Land unten in der Ebene, in der ich auf den Zug warte, der mich in das Westdeutsche Gebirge bringen soll. Lang­sam und ruhig, in seiner Ufer Mitte rinnt der Fluß dahin, klar ist sein Spiegel, Weidenbäume stehen rechts und links, und der Enten schnatterndes Volk bewegt sich im Wasser hin und her. Wohlgebaute Dörfer, stattliche Hofreiten rings umher, alle über­ragt von Kirchtürmen mit schiefergedecktem Helm. Am Spalier hängen reife Trauben, rotbackige Aepfel grüßen von den Bäumen, ein Duft von Reise und Fruchtbarkeit streicht von den gesegneten Feldern herüber. 'Ich weiß, daß viele Menschen diese Landschaft reizlos finden. Sie ist eben und flach, und der Durchschnittsdeutsche der Gegenwart sieht ebenes Gelände, namentlich« wenn es Acker­gelände ist, nicht als schön an. Er preist die Berge, die sich dicht zusammendrängen, auch wenn ihre Hänge noch so kahl sind. Er ist entzückt über das tiefe, nur mit Moos und Farnkraut überdeckte Tal, im besten Falle preist er noch« die Heide, die im Sommer so wundervoll blüht. Unsere Vorfahren hatten eine ganz andere Naturanschauung. Tie Ge­birge waren ihnen unwirtliche Gegenden, aber die Ebene, die sich« meilenweit ausdehnt, fanden sie schön. Luther nennt auf seiner Romreise die oberitalienische Tiefebene ein gut, lustig" d. h. fruchtbares,' schönes Land. Vielleicht ändert dieser Krieg unsere Natur­anschauung, daß wir die Ebene mit Kar­toffeläckern und Obstbäumen wieder mit an­deren Augen ansehen. Ist sie auch aller Ro­mantik bar, fehlt ihr auch das Schroffe, Wilde, wie Künstler und Kunstkenner sagen, das Pittoreske, so beruht ihr Reiz in ihrer Fruchtbarkeit. Von den schroffen Höhen kön­nen wir kein Brot nehmen.

Langsam in weitem Bogen fährt der Zug Iwcan, grauen Qualm stößt die Lokomotive aus. Mlmählich« geht es aufwärts. Wein­berge und Ackerland gleiten an meinen Blicken vorüber, dann kommt dei grüne Wald. Wiesen in satter, grüner Farbe liegen dazwischen, rechts ragt «eine Höhe auf, und eine alte Burg wird sichtbar. Das Fauchen der Lokomotive verstärkt sich, die Fahrt ver­

lang, amt sich, inan merkt, daß die Dampf­kraft ihre Arbeit hat, die Wagenreihe berg­aufwärts zu bringen. So geht es drei Stun­den lang, dem höchsten Punkte des Gebirges zu. Wald wechselt mit Ackerland, aber der Wald überwiegt, über Viadukte donnert der Zug, Und der Blick fällt in tief eingeschnit­tene Schluaiteil, hernieder auf dunkle Tan­nen. Auch da, wo Ackerland zwischen den Wäldern liegt, ist die Landschaft doch anders als im Tale. Es fehlt die Mannigfaltigkeit der Farben, Baum gruppen sind nicht mehr zu sehen, nur ganz vereinzelt stehen die Bäume «auf dem Felde, und man sieht es an der Bewegung «der Zweige, daß der Wind weht. Auch die Dörfer haben ein anderes Aussehen. In der Ebene herrscht die ge­schlossene Bauart vor, jedes Dorf ist wie eine Festung, «auf der Höhe sind die Häuser ein­zeln hin gestellt, wie Kinderspielzeug nehmen sie sich« vom Eisenbahnabteil aus.

Ich meine aber, daß auch die Menschen anders werden, je mehr der Zug bergauf­wärts klimmt. Die Trachten werden alt­modischer, die Mienen strenger, die Mitrei­senden «wortkarger, schweigsamer. Unver­ständlicher wird die Mundart, sie ist rauh! wie der Bergwind. Nur die Viehhändler, die im Zuge sind, sind redselig, sie kennen alle Mitreisenden, reden die meisten darunter mit dem Vornamen an, -erkundigen sich nach H an­delsgelegen heit. Männer mit langen Patri- archenbärten, Frauen mit Kiepen steigen ein.

Ter Zug hält, und ich gehe der höchsten Erhebung des Gebirges zu. Es geht über Schneisen, ungefüllt mit Nässe und Feuchtig­keit. Schnurgerade stehen die Tannen und hindern vorläufig jede Fernsicht. Am Wald­saume stehen Rehe, lugen nach mir herüber und verschwinden, wie ich näher komme. Mit­unter geht mein Weg über ab geholzte Flä­chen, wo glatt abgesägte Baumstrünke zum Niedersitzen «einladen, mitunter geht es über Steingerölle, aber immer ist es ein scharfes Steigen.

Endlich! flattert aus Bäumwipfeln eine Faihne hervor, und wie der Weg eine Bie­gung Macht, liegt der Aussichtsturm, auf dem die Flagge weht, vor meinen Blicken. Rasch steige ich die Stufen im Innern hinan, und nun bin ich auf der Plattform. Der Ausblick ist zunächst ganz überwältigend. Der Gipfel, den ich« erstiegen habe, liegt 816 Nieter hoch. Rundum ein Panorama, wie- es großartiger nicht gedacht werden kann. Ein Höhenzug hinter dem andern, bis dahin, wo in blauer