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eine rein männliche, bei bekanntlich seit einigen Jahren auch Mädchen die höheren Lehranstalten, die ursprünglich nur sür Knaben eingerichtet waren, besuchen. Auch in den Jügendgortesdiensten waren die Kirchen bis zum letzten Platze gefüllt, es war erhebend, die hoffnungsvolle Jugend, die in den nächsten Jahrzehnten berufen ist, dem Vaterlande zn dienen, zu einem Festgottesdienst versammelt zu sehen. Abends um 6 Uhr war in der Stadtkirche ein liturgischer Gottesdienst, über den bereits im „Gießener Anzeiger" berichtet ist. Um 11 . 1/4 Uhr veranstaltete die Universität in der Neuen Aula eine Feier, bei der der Vertreter der Kirchengeschichte an unserer Universität, Geheimer Kirchenrat Professor D. Tr. Krüger, die Festrede über „den Genius Luther" hielt, auch diese Versammlung, über die das bereits genannte Blatt berichtet hat, war sehr stark bis zum letzten Platze besucht. Der angeführte Vortrag ist in einer Sonderbeilage des „Gießener Anzeigers" vom 3. November 1917 erschienen. Kinderkirche fand statt für die Markusgemeinde in der Stadt kirche, sür die Johannes- gemeinde in der Johannes kirche, in beiden Fällen um 2 Uhr. Tie Matthäus gemeinde veranstaltete Kinderkirche am 4. November, um 11 Uhr in der Stadtkirche, die Lukasgemeinde am gleichen Tage zur gleichen Stunde in der Johanneskirche. Im Jahre 4 817 hatte man beim Reformationsfeste den Kindern zu Gießen — es waren 500 an der Zahl — Butterbretzeln geschenkt, die Kriegslage verhinderte uns diesmal, ein ähnliches Geschenk zu geben, statt dessen bekam jedes Kind eine Schrift, die in einer. dem kindlichen Verständnisse angemessenen Form Lutters Leben erzählt. Zumeist wurde eine Schrift des berühmten Lntherforschers Georg Buchwald geschenkt. Alles in allem ist es trotz der Kriegszeit ein wvhlgelungenes Fest gewesen; die evangelische Bevölkerung hat bewiesen, daß sie die Güter der Reformation zu schätzen weiß. . , ^ „
Die, welche int Jahre 1817 über das Fest berichtet haben, haben vielfach dabei der Nachwelt gedacht und nach dem Jahre 1917 ausgeschaut. Wir folgen ihrem Beispiele und grüßen, indem wir in Pietät der Väter gedenken, die vor 100 Jahren das Fest gefeiert kibett, unsere Enkel und Urenkel, die im Jahre 2017 auf der deutschen Erde, um die jetzt so heiß gekämpft wird, wohnen werden. Unser Weg geht jetzt durch Kampf und Sturm, durch bitteres Todesleid und harte Lebensnot hindurch. Wir ertragen alles ruhig in dem Gedanken, daß für des Vaterlandes Größe und Unabhängigkeit kein Opfer zu schwer ist und daß diese Opfer deshalb gebracht werden, damit unsere Nachkommen als freie Menschen dem deutschen Namen, chof- fentlich in friedlicher Arbeit, Ehre machen können. Mögen ihnen im Jahre 2017 bessere Zeiten beschieden sein, als sie in diesem Jahre uns beschieden sind, die wir lange Zeit die Güte Gottes über uns walten sahen und
glückliche Zeiten erlebten, ohne diese Gnade Gottes immer recht zu würdigen.
Silber aus dem hessischen vorsleben. -V-
Zweite Folge.
Von A. L — n n.
Nun ist der Herbst in unserent mitteldeutschen Lande wieder eingezogen, und das welke Laub sinkt zu unseren Füßen. Die langen Abende laden zum Verweilen im stillen Zimmer ein, nud wenn draußen der Herbstitebel auf der Erde liegt oder eine scharfe Luft durch die Straßen fegt, so fühlt man sich im Wohnzimmer neben dem warmen Ofen, unter der hellen Lampe wohl. Dank sei unsereir unvergleichlichen Truppen, die uns den Feind von des Laitdes Grenzen ferngehalten haben, so daß wir unbesorgt in unseren Häusern verweilen können. Mich treiben diese .Herb stab ende dazu an, -wieder, wie ich das schon einmal in den: hinter uns liegenden kalten Winter getan habe, in das Land meiner Kindheit zurückzugehen und mir das in die Erinnerung zurückzurufen, „was einst mein war". In zwangloser Weise will ich zum zweiteit Male dem Leser Bilder ans dem hessischen Torfleben vorsühren, hoffend, daß es ihm in unruhiger Zeit einige Befriedigung gewährt, in diese alte, einfach geartete, ruhige Welt eingeführt zu werden. Wenn ich bei meinen Aufzeichnungen manch- ntal von einem Gegenstand zum anderes überspringe, um erst nach einer Weile den Faden wieder aufzunehmen, so möge das der freundliche Leser damit entschuldigen, daß ich ein alter Mann und keineswegs eilt Schriftsteller bin.
Möge auch der freundliche Leser mich nicht für einen Menschen ansehen, dessen Sinir nur auf das Aüaterielle gerichtet ist, wenn ich zunächst vom Essen und Trinken erzähle. Aber das ist ja jetzt ein beliebtes Thema geworden, beliebt auch bei solchen hohen Geistern, die früher nur von Welt- anschanungsfragen, Ausdruckskultur und Persönlichkeitskultur hören wollten und wenn in ihrem Beisein einmal von der Küche und ihren Künsten geredet wurde, entrüstet ausriefen; „Nein, wie prosaisch!"
Wenn der Herbst gekommen war, so rüstete man sich im Torfe, Vorräte aller Art in Küche und Keller anzusammeln. Die .Hausfrauen kochten Latwecg — in Oberhessen sagt man Honig — aus Zwetschen und Birnen. Das Pflücken der reifen Zwet- schen war immer eine schöne Arbeit. Man nahm die Leiter auf die Schulter, den Korb in die Hand, hing einen Sack uin, und im hellen Lichte des September- oder Oktobertages ging es hinaus auf das Feld. Meist stehen die Zwetschenbäume in langer, schnurgerader Linie am Rande eines Ackers oder einer Wiese, oft am Rattde von Gräben, die ganz mit Gras bewachsen sind. Man legte die Leiter an, doch vorsichtig, daß kein Ast geknickt wurde, und stieg hinauf, um die rei-


