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Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

Xlv.iS Gießen, Sonntag, 2Z.nach Trinitatis, den N.^ovenrber 1917 6 Iahrg.

Gottsucher.

Sprüche Salomos 2, 7. Dem Aufrichtigen

läßt es der .Herr gelingen.

Wenn wir einmal dem Seelenleben un­serer Zeit lauschen, dann tönt uns in viel­stimmiger Melodie intmjer wieder das Lied von der Sehnsucht entgegen, und diese Sehn­sucht findet ihren höchsten und gewaltigsten Ausdruck in dem Sehnen nach> Gott: der eine Schrei hallt bald leise, bald laut, bald bewußt, bald unbewußt durch unsere Zeit: Ich muß dich finden, Unbekannter,

Du tief in meine Seele Greifender,

Mein Leben wie ein Sturnl Durchschwei­fender,

Tu Unfaßbarer, mir Verwandter:

Ickf muß dich kennen, selbst dir dienen!

Unsere Zeit sehnt sich im tiefsten Grunde nach ihrem Gott, sie sucht ihn, aber nur sehr wenige Stimmen verraten die jauchzende Fr eiche des Findens. Wollen die Gottsucher unserer Tage denn wirklich! Gott finden, oder halten sie es mit Lessing, der schon in dem Suche:: nach der Wahrheit Genüge fand und die Wahrheit selbst Gott überlassen wollte? Wie stimmt dazu das Wort der Schrift: Dem Aufrichtigen läßt es der Herr gelingen? Wer sucht, olne finden zu wollen, wem das Su­chen Selbstzweck ist, der sucht nicht aufrichtig. Ein aufrichtiger Gottsucher war Luther, als ihtn seiu suchender Geist in das Kloster trieb, er wollte feinen Gott fiirden, ihm war die Frage brennend geworden: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Das Suchen war ihm bitterer Ernst, in der einsamen Klosterzelle schrie seine Seele im Hunger nach Gott auf. Gott ließ es dem aufrichtig Suchenden ge­lingen, er gab auf das bange Fragen die Antwort: Der Gerechte wird seines Glau­bens leben! Der Weg zu Gott ist offen! Luther ist ihn gegangen und hat ihn uns wieder gezeigt. Er ist der große Wegweiser zu Gott hin. Ws solcher soll er in der: großen Erinnerungstagen an sein Werk vor unserm Volke stehen und allen Gottsuchern verkün­den: Dem Aufrichtigen läßt es der Herr ge­lingen ! _

Das Resormationssest des Jahres \ 9 \ 7 .

Diesen Bericht schreiben wir nicht nur für die gegenwärtigen Leser unseres Blattes, son­dern hauptsächlich für unsere Nachkommen. Ms wir daran gingen, uns über die Ne- formationsjub elfeier der früheren Jahrhun­

derte zu unterrichten, waren wir sehr dank­bar, in den alten Jahrgängen der Tages­zeitungen, wie sie in den Bibliotheken auf­bewahrt werden, und in schriftlichen Auf­zeichnungen der alten Zeit wertvolle Noti­zen zu finden. Unsere Nachkommen sollen nicht darüber im Unklaren sein, wie wir im Jahre 1917 das Resormationsfest gefeiert haben. Ein vollständiger Bericht soll hier nicht gegeben werden, sondern es sei nur das erwähnt, das in den Tageszeitungen keine Berücksichtigung gefunden hat.

Am 30. Oktober, abends um 6 Uhr, wurde das Fest von den Türmen unserer beiden Kirchen eingeläutet. Fehlt auch in jedem Turme die kleinste Glocke, die wir zur Verteidigung des Vaterlandes hergegeben ha­ben, so ist das Geläute doch immer noch voll und rein. An dem genannten Abend mar es ganz windstill, und so hallte der Glockcn- klang rein und schön über unsere Stadt dahin. Im Unterschiede von früheren Jahrhunder­ten, mit Rücksicht auf den Krieg, haben wir das Fest diesmal nur einen Tag gefeiert. Inder Morgenfrühe zeigte Choralblasen von dem Turm der Stadtkirche, den schon Marlin Luther gesehen hat, als er im Jahre 1529 hier durckikam, dm Festtag der Gemeinde an. Der 31. Oktober war ein rechter Herbsttag, wohl fehlte der freundliche Herbstsonnen­schein, laber Regen und Sturm blieben völlig aus, Und die Temperatur war mild. Wegen des Krieges konnte der Tag nicht als offi­zieller Festtag gelten, die Arbeit, vor allem in den Munitionsfabriken und in den Ge­schäften, die mit Kriegslieferungen zu tun haben, ging ihren gewohnten Gang. Trotz­dem waren die Gottesdienste überfüllt. In der Stadtkirche predigte um 1510 Uhr- Pfar­rer Schwabe, in der Johanneskirche um die­selbe Zeit Pfarrer Ausfeld, bei diesem Got­tesdienste wirkte der Kirchengesangverein un­ter der Leitung des Universitätsmusikdirek- tors Professor Trautmann mit. Um 11 1 1 Uhr war in beiden Kirchen Jügendgottes- dienst. Die Schüler des Gymnasiums, Real­gymnasiums, der Oberrealschule und der obe­ren Klassen der Stadtknabenschule, geführt von ihren Direktoren und Lehrern, besuchten den Gottesdienst in der Johanneskirche, wo Pfarrer Bechtolsheimer predigte, die Schü­lerinnen der Höheren und Erweiterten Schule und der oberen Klassen der Stadtmädchen­schule waren in der Stadtkirche, wo Pfarr- assistent Lic. Reuning predigte. Doch war die Zuhörerschaft in der Johanneskirche nicht