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Sonntaysyruß
( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Y7r. 43 Gießen, Sonntag, 21. nach Trinitatis, den 28 Mkrober 1917 6 JaKrg.
Der Tag von Wittenberg.
Zum 31. Oktober 1917. Evangelium des Markus 1, 15. Tut Buße und glaubet an das Evangelium.
..Die in der Weltchronik
Als groß verzeichnet steh'n und mächtig
wirkten,
Sie haben ihr Jahrhundert wohl begriffen, Doch die Ideen nimmer selbst gezeugt;
Nicht auf den Hahnenschrei fängts an zu
tagen.
Sondern der Hahn kräht darum, w ell es tagt."
Mit diesen Worten kennzeichnet der ungarische Dichter Madüch in seiner „Tragödie des Menschen" das eigentliche Kraftgeheimnis der überragenden weltgeschichtlichen Persönlichkeiten und zugleich den innerer: geistigen Zusammenhang der gewaltigen weltbewegenden, weltverändernden Gedanken, welche die Menschheitsgeschichte zu einer- neuen Zeitenwende ihrer Entwicklung führen. Der Tag von Wittenberg bedeutet solch einen weltgeschichtlichen Hahnenschrei, wie ihn die Menschheit seit fünfzehnhundert Jahren nicht mehr gehört hatte. Der schlichte Augustinermönch, der am 31. Oktober 1517 dort an die Tür der Schloßkirche seine 95 Streitsätze wider die unbiblische Lehre eines falschen Sündenablasses anschlug, ahnte wohl selber kaum etwas von der weltbewegenden Tragweite seines Handelns, zu dem ihn sein Gewissen trieb, und doch war jener sein Hammerschlag eine Tat, welche die Welt bis in ihre Grundfesten bewegen sollte. Es war kein an sich neuer Gedanke, gegen Schäden der Kirche öffentlich anzugehen und Abstellung von Mißbräuchen zu fordern. Jahrzehnte hindurch^ war laut genug schon der Ruf nach einer „Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern" erschallt, und auf Konzilien und in Versammlungen erlauchter menschlicher Größen hatte man darüber verhandelt. Das Neue war nicht der Gedanke. Das Neue war die Tat! Es ging eben auch hier nach jenem göttlichen Werdegesetz alles Geschehens: sobald die Zeit erfüllt ist, schlägt es auf Gottes Uhr die volle Stunde, und Ideen, Gedanken, Bewegungen, welche gleichsam wie vorangehende Zeichen der Zeit das Vorrücken des Zeigers auf der Uhr verursacht und dem prüfenden Auge angezeigt haben, finden ihre zusammenfassende und durch-- schlagende Verkörperung in einer Persönlichkeit, die Gott sich ausgewählt und zugerichtet
hat. So war es damals, als der Hahnenschrei eines neuen Tages der Weltgeschichte laut ward. Gewaltige umwälzende Bewegungen auf allen Gebieten des Lebens — es sei nur an die Erfindung der Buchdrucker- kunft und an die Entdeckung neuer Erdteile erinnert, sowie an das Wiederaufleben der alten klassischen Kunst und Wissenschaft^fer- ner auch auf sozialem Gebiet an das Frei- heitsringen des bürgerlichen Standes in den Städten und der Bauernschaft auf dem Lande und nicht zuletzt an den schon erwähnten Kampf um eine neue Kirchenreform — das alles warm „Zeichen der Zeit", die es andeuteten, daß die Menschheitsgeschichte wieder einmal an einer Wende stehe: enr- weder Revolution oder Reformation, enr- weder Zusammenbruch oder Erneuerung. Da kam der Mann, der „sein Jahrhundert begriff" — der dRann der Tat. Und es kam der Tag, der eine neue Zeit einleitete — der Tag der Tat. So hat Kaulbach völlig recht, wenn er in dem letzten seiner Riesenwand- gemälde in der Treppenhalle des alten Museums zu Berlin, in denen er die großen Wenden der Weltgeschichte malt und deren letztes das „Zeitalter der Reformation" darstellt, lalle die großen Geister jenes Zeitalters aus allen Kulturvölkern, Gelehrte unb' Künstler, Erfinder und Entdecker, Philosophen und Theologen, Träger des Handels und Ge- >werbes, nebeneinander stellt, aber in ihre Mitte als Lebensverkörperung des gewaltigen Neuen, der geboren ward, den deutschen Mann, den Mönch von Wittenberg, unsern Luther, mit der Bibel in der Hand — zugleich zu einem Zeichen, daß es das Kveuz Jesu Christi ist und bleibt, in dem und lunter dem noch jeder neue Tag der Menschheitsgeschichte geboren wird.
Und damit stehen wir vor dem tiefsten Geheimnis jenes weltgeschichtlichen Tages. Er begann mit dem Gewissenskampf gegen äußere kirchliche Mißbräuche, aber es war der Gewissenskampf eines Mannes, der selber in seinem Gewissen mit Gott gerungen und den Lebensweg zur inneren Freiheit und zum inneren Frieden gefunden hatte — den Weg unter das Kreuz Jesu Christi — und der darum ein Wegweiser zur ewigen Quelle der Kraft für sein Volk, ja, für die Menschheit ward. So lag über jener äußerlich zunächst so unscheinbaren Tat der Riesenschat- ten des Kreuzes und wies mit heiliger Notwendigkeit den Weg der Menschheitsgeschichte zu einem neuen Leben, zu einer neuen Kul-


