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gäbe unterzog, war Karl von Jbell (1780 bis 1831), neben Wilhelm dem Verfchwiege- nen, dem Befreier der Niederlande vom spa­nischen Joch, und dem Freiherrn vom Stein der dritte große Staatsmann, den Nassau hervorgebracht hat. Dieser Mann, ein Schü ler von Kant und Fichte, eine Seele, in der der Idealismus in seiner ausgeprägtesten Gestalt lvohnte, führte neben einer großen Anzahl von sozialen Reformen vor allem eine neue Schulordnung im Jahre 1817 ein aus der Grundlage der Simultanschule, doch mit Wahrung der konfessionellen Parität. Sein Verdienst aber ist es in erster Linie gewesen, die Union der reformierten und lutherischen Kirche zur Durchfülirung und zum Abschluß gebracht zu haben .*)

(Schluß folgt.)

Au§ der Jugendzeit einer deutschen Männer.

(Fortsetzung.)

Wir Bürgerlichen hatten am Tage Erlaubnis uns in der Osfizierstube ^'uszu halten, in lvelcher sich wohl ein Dutzend Offiziere befanden; man nalM aber von uns gar keine Notiz. Ms es abends 10 Uhr geworden war, rückten sie sich die eisernen Feldbettstellen zurecht, setzten vor jeder einen Tisch mit Lichten, zogen ihre Säbel aus der Scheide und legten sie auf den Tisch. Andere fügten auch Pistolen lün- zU, und darauf streckten sie sich hin. Als wir uns Umsahen, wo wir Platz finden wür­den, riefen!dre wenigen, welche sich noch nicht gelegt hatten:Raus, raus!" Wir merkten, daß es uns galt, und mußten über 5)als und Kops das Zimmer räumen. Da standen wir denn nach 10 Uhr abends in der kalten Novembernacht an die Luft gesetzt. Es reg­nete, wie bei der Sündflut, und fefbft das Schirmdach über der Wache ließ den Regen häufig durchtröpfeln. Wir überlegten, ob wir zu den Grenadieren in die Wachstube gehen sollten, aus die wir nun angewiesen waren. Ich hatte keine Lust: aber ein Schuhmacher redete zu, weil er meinte, hier draußen müß­ten wir uns aus den Tod erkälten. Endlich versuchte er allein hinein zu gehen, kam aber bald wieder und versicherte; drinnen wäre eine Luft, so dick, daß man sie mit einem Messer schneiden könnte. 2lber besser würde es doch sein, daß wir hineingingen: denn mUn gewöhne sich zuletzt daran. Wir mach­ten demnach den Versuch. Die Stube war sehr voll. Viele spielten Karten; andere wür­felten: diese tranken, jene rauchten, unfeine nicht kleine Zahl hatte sich aus die Pritschen hingestreckt und schnarchte gewaltig. Für uns

*) Die folgenden Mitteilungen halten sich im wesentlichen an; D. Heinrich Schloß er, Pfarrer in Wiesbaden, Festschrift zur Hun­dertjahrfeier der Union in Nassau. Herborn 1017, Oranien-Verlag. 207 Seiten.

ergab sich nirgend Platz. Dabei herrschte ein ganz unerträglicher Geruch eigentümlicher Art. Es war nicht zum Aushalten, und wir gingen wieder hinaus unter das Schirmdach, wo wir wenigstens atembare Lust fanden. Von 11 bis 1 Uhr hatte ich den Posten zu besetzen, und der Unteroffizier, dep eigent­lich die Dienste des Gefreiten zu versehen l>atte, bat mich, allein nach dem Posten zu gehen, weil er sonst in dem schrecklichen Re­gen mich hin führen und den Ab gelösten zu­rückführen müsse, also doppelt naß würde. So ging ich denn nach meinem Posten und schickte den dort stehenden nach dem Schlosse. Kasimir hatte sich trotz des Regens aufge­macht und suchte mich aus. Er brachte inir Pfefferkuchen und einen Schluck Branntwein mit, was mir selw gut tat, und hielt bis gegen Mitternacht bei mir ans. Nachher stand ich noch von 5 bis 7 Ulw morgens. Die Nacht ist mir aber lang geworden, und mir war sehr frostig zu Mute, denn ich« war nichts weniger als warn: bekleidet.

Daß ich Kasimir sogleich mit meiner Mut­ter und Schwester bekannt gemacht hatte, ver­steht sich von selbst. Er freute sich der an­scheineirden Genesung meiner Mutter mit uns. Leider aber änderten sich die günstigen Aussichten, welche sich für meine Mutter er­öffnet hatten, gar bald. Schon irr der Mitte Oktober wurden die Achseldrüsen sehr schmerzhaft und die Wunde verschlimmerte sich. Jetzt erfuhren wir, daß der Professor Zenker gleich nach der Operation geäußert habe: sie sei vergebens vorgenommen, die Achseldrüsen seien bereits vom Krebs ergrif­fen, und da sei keine Hilfe möglich. Meine Mutter müsse sterben, aber nicht eher, als bis der ganze Körper krebsartig geworden sei, was bei ihrer sonst sehr dauerhaften Kon­stitution leider noch längere Zeit dauern könne. Jetzt lag die Wahrheit in ihrer gan­zen Schrecklichkeit vor uns.

Meine Mutter war bald gefaßt. Sie wünschte nur, der Himmel möge ihre Leiden schnell enden, und wer müßte in diesen Wunsch nicht einstinnnen, so sehr das Herz auch dabei litt ? Im November war sie nicht mehr imstande, außer dem Bette zu blei­ben. Die Schmerzen waren furchtbar. Ich fülle mich außerstande, ihre grenzen­losen Leiden zu beschreiben. Sie ertrug sie, soweit es möglich nmr, mit christlicher Ge­duld. Ich eile über diese schreckliche Zeit hinweg; denn ich Mag sie mir nicht in ihren Einzelheiten noch einmal ins Gedächtnis ru­fen AM zweiten Weihnachtstage 1806 um 6 Mw abends machte der Tod den entsetz­lichen Leiden meiner Mutter ein Ende. Wir begruben sie auf dem Jakobskirchhose.

' Ruße sanft. Du gute, liebe, treMiche Mutier! Alles was ich bin und habe, ver­danke ich nächst Gott Dir! Deiner Erzie­hung, Deiner Sorgfalt, Deiner Leitung ver­danke ich die Richtung meines Geistes, mei­nes Gemütes, meines Willens; Du wecktest