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VTr.39 Gießen, Sonntag, 17. nach Trinitatis, den ZO.September 1917 H.Iahrg.

Nicht warum, sondern wozu.

Evangelium Johannes 9, 13: Jesus ging vorüber und sah einen, der blind geboren war. Und seine Jünger frag­ten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündiget,. dieser oder seine El­tern, das; er ist blind geboren? Jesus antwortete: Es hat weder dieser ge­sündigt, noch seine Eltern, daß er blind geboren, sondern daß die Werte Gottes offenbar würden an ihm.

Die Jünger des .Heilandes sehen einen Blindgeborenen am Wege und 'empfinden tief den Gegensatz zwischen ihm unchall den fröh­lichen Menschen, die schnellen Schrittes ihre Straße ziehen. Die uralte Menschheitssrage steht vor ihnen: Warum ist dieser Mensch blind? Diese Frage nach dem Warum des menschlichen Leides ist für uns _aUe heute brennend geworden. Der Herr Jesus gibt den Jüngern und auch uns eine Deutung der menschlichen Trübsal. Er verhüllt ihre Ursache und enthüllt ihre Absicht.

Wie auch sonst im Leben fragen besonders heute so viele Kreuzträger: Warum muß ich so Schweres durchmachen? Womit habe ich dies harte Los verdient? Kennst du es, dies quälende, peinigende Warum? Uns allen hat es schon schwere Stunden noch schwerer ge­macht, wenn wir vergeblich nach einer Lö­sung des Nütfels suchten. Biele haben rechte Christen sein wollen. Aber jetzt, in der Not, verlassen sie den Glauben, weil ihnen die christliche Antwort aus diese Frage: Gottes Wille kennt kein Warum, nicht genügen wUl. Der Mensch ist ihnen lein Spiel blinder Na- turkräste, eine Erklärung, die niemanden aus die Dauer befriedigen kann. Sucht man sich durch äußere Zerstreuung über die innere. Leere des Gemütes hinwegzusetzen, oder sügt man sich in dumpfer Betäubung in das Un­vermeidliche, zum inneren Frieden, wie ihn der rechte Christ auch im Leiden hat, wird man aus diesem Wege niemals gelangen können.

Auch die Jünger Jesu hat diese Frage be­schäftigt, wie sie das menschliche Leiden be­urteilen sollen, als sie den Blindgeborenen am Wege sahen. Sie fragen ten .Herrn: Meister, wer hat gesiindiget, dieser oder- feine Elterm, daß er ist blind geboren?' Die Jünger waren ja Juden uich glaubten ^ darum, daß Leiden stets eine strafe für Sünde sei. Aber hier will ihnen diese Er-!

klärung nicht genügen. Der Mensch war ja blind von Geburt an. Konnte er da so ge­sündigt haben, daß ihn solche Strafe ereilte? Da sie bei ihm keine solche Sünde fanden, suchten sie sie bei den Eltern. Doch diese Er­klärung genügt ihnen nicht recht, darum bit­ten fiel den Herrn um Antwort aus ihre Frage. Und der Herr weist ihre Frage nach dem Warum des Leides zurück:Es hat weder dieser gesülndigt noch seine Eltern."

Die Anschauung der Juden, daß im Un­glück stets Gottes strafende Hand sich zeige, will uns heute nicht befriedige,!. Gewiß, es gibt viele Fälle, wo die Menschen besser von Sünde und Schuld, als von Unglück und Leid reden würden. Aber besonders heute, wo gerade die Besten oft am schwersten ge­troffen werden, können wir nicht sagen, daß der einzelne sein Unglück verschuldet hätte. Möchten wir doch es einsehen, daß wir auf das Warum nie eine befriedigende Antwort finden, und daß der Herr diese Frage als unrecht zurückweist.

Was soll nun an Stelle des Warum tre­ten? Die Werke Gottes sollen nach dem Worte des Heilandes an dem Leidenden offenbar werden. Glicht immer erkennen wir deutlich diese Werke Gottes, er läßt uns nicht hineinschauen in die Geheimnisse seines Wal- tens. Aber wir wissen doch, es ist der Vater im Himmel, der uns auch das Schwere schickt. Glaube es nur, am Ende wirst du doch noch sprechen:Der Herr hat alles.wohlgemacht." Wir sollen nicht die für uns unlösbare Frage zu beantworten suchen, warum es Leid gibt. Für uns ist es viel wichtiger, w o z u er es uns schickt. Der .Herr Jesus lehrt uns, nicht nach der Ursache, sondern nach dem Zwecke Gottes zu fragen. An Stelle des Warum soll das Wozu treten. Darum, wenn die Stunde der Not kommt, dann verzweifle nicht. Frage nicht:Herr, warum führst du mich den schweren Weg? Kennst du meine Sorge und Not?" Nein, er ist dir auch heute treu und tat doch nur Gedanken des Friedens und nicht des Leides. Darum frage dich:Wozu soll mir das Leid dienen? Was will nnr mein Gott damit sagen?" Der Achostel sagt: Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen."

Christ sein, heißt einen rauhen Lebens­weg gehen. Solange es uns gut geht, ist der Glaube nicht schwer, erst in der Not kann er sich bewahren, ob er auch echt ist. Dazu, sckickt uns Gott das Leid und wendet sich