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«Fonntaysgruß

I Gemcindeblatt für die evangelische Birchengemeinde Gießen

^!r.Z8 Gießen, Sonntag, 16. nacl) Trinitatis,den 2Z September 1917 6.Iahrg.

Uleiderluxus.

1. Brief des Apostels Petrus 3, 3 u. 4. Ihr Schui uct soll nicht au siv endig fern mit Haarflechten und Goldumhängen oder Kleideranlegen, sondern der ver­borgene Mensch des.Herberts, unoer- rüctt mit sanftem und stillen: Geist; das ist köstlich vor Gott.

Vor dem Kriege konnte man viele Men­schen sehen, die einen ganz unerhörten und unvernünftigen Kleiderluxus entfalteten. Zu­mal in den Großstädten und an Badeorten begegnete man Frauen, die in raschelnder Seide gingen, schwere, faltenreiche Stoffe trugen, Hüte aus dein Haupte hatten, von denen die großen Federn herunternickten, und die tnehr kosteten, als ein mittlerer Beamter an Monatsgehalt einnimmt. An Frauen denkt man vorzugsweise, wenn man vom Kleiderluxus spricht. Das tut auch die Bibel. Jesaias klagt die Töchter Zions an, weil sie zu viel Kleider Pracht getrieben haben, uni> nennt tadelnd alle damals gebräuchlichen Schmuckgegenstände her: Ketten, Armspan­gen, Ringe, Borten, Mäntel, Schleier, Kol­ler und .Hauben. Auch Petrus hat die Frauen im Auge, wenn er sagt:Ihr Schmuck soll nicht auswendig sein mit Haarflechten und Gold umhängen oder Kleideranlegen." Es gibt jedoch auch Männer genug, deren ober­stes Bestreben es ist, elegant, nach der neue­sten Mode gekleidet zu sein. Daß der Luxus auch im Kriege, wo man Kleider nur noch aus Grund von Bezugscheinen haben kann, sich geltend macht, konnte man neulich an einein deutschen Badeorte sehen, wo ein Pelz ausgestellt war, der 11 500 Mark kostete. Die Menschen der Gegenwart sind genau noch so geartet, wie ihre Vorfahren vor drei oder sechs Jahrhunderten,- deren seltsam ge­formte Kleider wir heute in Museen staunend betrachten, und Bußprediger haben zu allen Zeiten Anlaß gehabt, gegen die Modesucht zu eifern.

Kein Einsichtiger wird es tadeln, wenn jemand bestrebt ist, sich gefällig und gut zu kleiden. Unsere aus Polen und Galizien beimkehrenden Krieger wissen das am besten zu würdigen: denn die Menschen, wie sie dort sehen, starren vor SchiNutz und sind in Lum­pen gekleidet. Es ist sogar die Pflicht eines jeden Menschen, aus seine äußere Erscheinung Wert ?n legen. Wer achtet Frauen und Mädchen, die liederlich angezogen und un-

j gekämmt über die Straße gehen, wer möchte I mit Männern und Jünglingen zu tun haben, ! die wenig oder gar keine Seife verbrauchen? Friedrich Rückert sagt:Kind, die äußere I Reinlichkeit ist der innern Unterpfand!" Aber bedenke doch jeder, daß die Kleider wahrlich nicht einmal die äußere Schönheit zu schaffen vermögen. Wie oft sieht uns aus kostbarer Umhüllung heraus ein kranker Mensch, ein geistloses Gesicht, ein stumpfer Sinn an! Schönheit im Sinne des .Künst­lers ist ganz wo anders zu finden. Schön ist das Schulkind, das im einfachen Kleide, über das die blonden Zöpfe hängen, munter dahinschreitet, schön der Soldat, den das ständige Verweilen unter freiem .Himmel braunrot gefärbt hat, der am selbstgeschnitz­ten Wanderstabe, beladen mit seinem (Ge­päck, seiner Heimat zuschreitet, schön die alte Frau im schneeweißen Haare, aus deren An­gesicht uns Milde und Güte entgegensehen. Nimmermehr aber inachen die Pelze, der Goldschmuck, die rauschenden Stoffe die Men­schen schön.

Kleider gehen einmal in Fetzen und ver­modern schließlich. Motten und Rost trei­ben nach des .Heilands Wort an Schmuck- gegenständen ihr Zerstörungswerk. Ich stand vor kurzem in der Grabkapelle, die^ sich an eine herrliche gotische Kirche anschließr. Tort hat vor beinahe 350 Jahren ein deutsches Herzogspaar seine Ruhestätte gefunden. Ter .Herzog und seine Gemahlin sind ans dem Grabdenkmal in betender Stellung,' die Augen aufwärts zu Gott richtend, dargestellt. Daneben ans einem Tische sind in einem Kästchen, unter Glas und Rahmen, Reste von den Kleidern der Toten zu sehen, einige Stückchen vergilbten Stoffes, Spangen und dergleichen mebr, Dinge, die man bei Erösf- nnng der Gruft gesunden bat. alles Zeichen längst verschwundener 'Herrlichkeit.

Darum hat Petrus recht, wenn er den Frauen und damit auch den Männern den Rat gibt:Ihr Schmuck soll nicht auswen­dig sein mit .Haarflechten und Goldumhän- gen oder Kleideranlegen, sondern der ver­borgene Mensch des Herzens, unverrückt mit sanftem und stillem Geist: das ist köstlich vor Gott." Der verborgene Mensch des Her- -ens, das ist der gläubige Mensch, der mit Gott innig vereinigt ist und durch Jesus selig werden will. Er besitzt einen Reichtum, der über alle Güter der Erde geht. Unver- i rückt durch Leid und Freud gebt er seinen