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/ Gemeindeblatt für die evangelische Airchengemeinde Gießen
^7r.Z7 Gießen, Sonntag, 15. nach Trinitatis, den I6 @eptembcr 1917 H.Icrhrg.
Demut.
Wie man im \T. Jahrhundert zu Gießen +- Erwachsene getauft hat.
Evangelium des Lukas 18, 11. Wer sich selbst -erhöhet, der wird -erniedriget werden, und wer sich selbst erniedriget, der wird erhöhet werden.
In dem schönen Evangelium vom Pharisäer und Zöllner sagt Jesus am Schluß: „Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden, und wer sich selbst erniedriget, der wird erhöhet werden." Mit diesen Worten empfiehlt er die Demut als eine hohe Tugend, die jeden Christen schmücken sollte. Nichts gewährt einen lächerlicheren Anblick als ein aufgeblasener und eingebildeter Mensch, der innere Hohlheit, Unwissenheit und mangelnde Herzensbildung, Großmannssucht und prahlerisches Getue nur mühsam verbirgt. Die hohlen Aehren stehen protzig da, die vollen neigen sich in ihrer gesegneten Schwere. Zur Demut loird der gelangen, welcher an sich den richtigen Maßstab des göttlichen Wortes legt. „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest?" Wer sich vor dem Angesicht Gottes ernstlich mißt, der wird sich nicht vermessen. Aus dieser tiefen Demut vor Gott geht dann auch das richtige Verhalten zu unfern Mitmenschen hervor. Ein demütiger Mensch wird seinen Nächsten dienen wollen und in Wort und Tat nur ihr Wohl im Auge haben: nicht Selbstsucht, sondern Gemeinsinn wird die Triebfeder seines Wesens sein. Das schließt allerdings nicht aus — ja es ist oft genug durchaus notwendig — , daß gerade demütige Menschen der Bosheit und der Ichsucht be- stimmt und scharf entgegentreten müssen. „Die Liebe freuet sich nicht der Ungerechtigkeit." Und Rückert singt:
„Die Demut ehre du,
Doch zu der Demut Ehren Sei gegen Stolze stolz.
Um Demut sie zu lehren."
Ein demütiger Mensch- wird feine eigene Person stets aus dem Spiel lassen: wenn es aber gilt, für große und heilige Ideale einzutreten, dann wird er gerade aus» der Demut Kraft und Mut erwerben, um einen guten Kampf zu kämpfen. Das schöne Wort von Ernst Moritz Arndt findet dann seine schöne Bestätigung: „Vor Gott ein Wurm, vor den Menschen ein Adler."
Im 17. Jahrhundert scheint in der lutherischen Kirche sehr stark das Bestreben hervorgetreten zu sein, Menschen, die sich vorher zu einem anderen Glauben bekannten, dem Luthertum zuzusühren. Wir haben bereits in Nr. 27 dieses Jahrgangs des „Somr- tagsgrußeS" von dem Buchdruckergesellen Felix- Schmidt aus Zürich berichtet, den eine eifrige Gießener Geistlichkeit vor seinem Tode von dem reformierten Glauben zu der „alleinseligmachenden" lutherischen „Religion" gebracht hat. In der gleichen Nummer haben wir vou dem Soldaten aus Okriftel erzählt, der vorher katholisch war und auf seinem Sterbebette lutherisch wurde, sowie von dem' 94 jährigen Kriegskassediener, der auf dem Sterbebette das Verdienst der guten Werke 'und die Fürbitte der Heiligen widerrufenl haben soll. Dergleichen Fälle sind in dem Jahrhundert des großen Krieges in Gießen öfter vorgekommen, Fälle, an denen die Nachwelt nicht mehr die Freude hat, die augenscheinlich die Pfarrer hatten, die die Leute noch ans ihrem Totenbette „bekehrten". Man sagt sich heute, daß ein Lotkranker und sterbender Mensch nicht mehr oder selten im vollen Besitz seiner Geisteskräfte ist und daß er stillschweigend alles duldet, was man mit ihm vornimmt. Wenn der körperlich und geistig gesunde Mensch sich entschließt, seine Konfession zu wechseln und wenn er das aus idealen Beweggründen tut, so wird lner- gegen 'nichts einzuwenden sein, einen Sterbenden aber mit Bekehrungsversuchen — gleichviel, von wem diese ausgehen — zu behelligen, das findet man heute weder schön noch nutzbringend. Das ist auch eine Praxis, die in der evangelischen Kirche längst nicht m-ebr geübt wird.
Die Gießener Kirchenbücher des 17. Jahrhunderts erzählen uns oft von dergleichen Konversionen (Aenderungen des Glaubens). Diese scheinen vorzugsweise nach dem Dreißig! übrigen Kriege, als die beiden großen christlichen Kirchen sich sehr schroff gegenüberstanden. vorgenommen worden zu sein. Das Kirchenbuch, das die Beerdigten verzeichnet, meldet aus dem Jahre 1664: „Urban Bonn von Weiler znm hohen Thürn im Elsaß beh Straß bürg«, Ihrer Fürstl. Gnaden Herrn Landgrafen des Mittleren wevland Hof- und Hufschmied, kain mit ihrer f. Pagagi kranck hierher und nachdem er sonsten der Päbsti-


