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Sonntagsyruß
( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
^lr.Z6 Gießen, Sonntag, 14. nach Trinitatis,den IL September 1917 H.Ilahrg.
Barmherzigkeit.
Evangelium des Lukas 10, 39. So gehe hin und tue desgleichen.
Es gibt Christen, welche das Evangelium vom barmherzigen Samariter für das bedeutungsvollste Stück des ganzen neuen Testaments Hallen. Sie haben insofern recht, als Jesus tatsächlich durch die Erzählung dieser Geschichte die Religion der Tat, das praktische Christentum so bestimmt ivie nur möglich gepredigt hat. „So gehe hin und tue desgleichen": in diesem kurzen und deutlichen Satz saht er die ganze Erzählung zusammen.
Wie steht es in unserer evangelischen Kirche mit diesem Christentum der Tat? Nun, da habe»: wir wohl vielfach Gott zu danken für manche Aeußerungen werktätiger Liebe. Es sei hier erinnert an die Arbeiten der inneren Mission, dieses Kleinodes unserer evangelischen Kirche, wie man sie vielfach genannt hat, und die Missionsarbeit unter den Heiden schließt ebenso eine ge- lvaltige Fülle aufopfernder und entsagungsvoller Liebe in sich. Darüber darf sich jeder, der seinen Heiland lieb hat, so recht von ganzem Herzen freuen. Aber er soll sich nicht dabei beruhigen., Immer und immer wieder müssen wir uns persönlich die Frage vorlegen: was labe ich getan und was kann ich noch weiter tun, um diesem Gebot meines Heilands nachzukommen? Gelegenheit zur Barmherzigkeit hat jeder Christ, gerade auch in den kleinsten Verhältnissen. Es genügt nicht — ja, es kann sogar gefährlich werden —, wenn wir uns an Worten und Gefühlen berauschen. Tie Hauptsache bleibt die selbstlose Tat. Daraus soll die Geschichte vom barmherzigen Samariter uns zu ernster Selbstprüfnng dienen und die Aufforderung Jesu UNS in den Herzen brennen: „So gehe hin und tue desgleichen?"
Wir leben jetzt im Krieg, wie das bloße Namenchristentum elend zusammengebrochen ist. Nun gibt es aber viele, die den Scheinj mit dem Kern der Sache verwechseln. aus Duinmheit oder Bosheit: meistens wirkt beides zusammen. Um so melr habest lebendige Christen die selbstverständlich? schöne Pflicht,. Samaritersinn und Samariterdienst zu üben. Jetzt und ebenso nach dem Kriege. An diesenr Talbeweis des Christentums werden! die Angriffe der Gegner zerschellen.
Geschichtliches zu Luthers Lrutzlied „Lin feste Burg"
Wieviel Unvergängliches gibt es doch im Vergänglichen! Wie bewahrheitet sich, daß der Geist über" Raum und Zeit erhaben! Aus schier sagenhaften Tagen klingen immer wieder wie ein neues Lied zur Harfe die Gesänge eines Homer, die Psalmen eines David! Die Pracht des alten Hellas ist längst dahin! Und doch weckt der Künstlergrisfel eines Phidias noch bis zur Stunde lausend neue Talente! In einer begnadeten Stunde vor Jahrhunderten schier aus geheimnisvollem Dunkel entstanden, können ein paar kurze Verse Millionen in den Entscheidungsstunden ibres Seins zu lichtester Begeisterung entflannnen, selbst Helsen Schlachten schlagen und Siege erringen. Dafür zeugi im gegenwärtigen Weltkrieg auch Luthers „Eine feste Burg ist unser Gott", das eine geradezu ungeahnie Auferstehung in der Seele des geiamten Volles gefunden hat! Solche Macht über die Gemüter kommt nicht von ungefähr. Hinter kurzen Zeilen verbirgt sich dann besonderer Feuergeist, der einst auS herzerschütternden Erlebnissen, ojt Weltbegevnisten ,ich gebar und zu Wundern deS Wortes sich verdichtete.
Folgen mir heute den Spuren des Luther- schen Schutz- und Trutzliedes, so führen sie uns auf zwei bedeutungsvolle 'Augustdaten! seiner Zeit zurück: den Abschluß des ersten Reichstags zu Speyer am 27. August 1526 und den Märtprertod des Pfarrers Leonhard Kaiser am 16. August 1.527. — Ungeheure Stürme durchbrausten damals Europas Gefilde, die in mancher Beziehung an unsere unmittelbare Gegenwart gemahnen. Teutsch!- land zitterte unter den Erschütterungen der Reformation. Ter Ausgang des 2. Nürnberger Reichstags 1524 befriedigte keine Seite. Die Stünde hatten sich schließlich dahin geeinigt, dem Wormser Edikte „so viel ihnen möglich (?) gehorsamlich zu geleben und nachzukommen". Bis eine „genreine Versammlung deut'cher Nation" zusammentrete, sollte „das heilige Evangelium ltrfb Gottes Wort nach rechtem, wahrem Verstände und der Auslegung der von gemeiner Kirche angenommenen Lehren ohne Aufruhr und Aergernis .gepredigt werden." Der Kaiser war über das Ergebnis empört und erklärte in seinenk Schreiben u. a. Luther für einen Unchristen und Unmenschen, einen Verführer wie Mahomet, und forderte strenge Befol-


