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Sonntagsgruß

( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

rji\ 35 Gießen, Sonntag, l Z. nach Trinitatis, den 2. September 1917 H. Iahrg.

Gießen vor 40 Jahren.

(Schluß.) /

Dankbarreit.

Evangelium des Lukas 17, 17. Wo sind aber die Neune?

Zur Zeit Jesu waren die Aussätzigen vielleicht die beiammerswertesten Leute. Wegen der schrecklichen Krankheit wurden sie von ihren Mitmenschen gemieden: niemand kümmerte sich um sie, und, entblößt von den nötigsten Mitteln, mußten sie wie Tiere in einsamen Höhlen hausen. Da können wir uns die Freude der zehn Aussätzigen leb­haft denken, als Jesus sie heilte. Und doch ist nur einer recht von Herzen dankbar, 10 daß Jesus die mahnende Frage aussprechen muß:Wo sind aber die Neune?" Ja, wo bleiben überhaupt so viele Menschen, wenn es gilt, Dankbarkeit zu beweisen? Und doch ist es gerade der Prüfstein eines anständigen und vor allen Dingen eines christlich durch­gebildeten Charakters, jederzeit dankbar sein zu können für genossene Wohltaten, für einen guten Rat, für anständige Gesinnung, die uns entgegengebracht wurde. Leute, die das vergessen, werden auch sonst mit großer Vorsicht zu betrachten sein. Dankbar gegen Menschen wird aber nur der sein können, welcher Gott gegenüber dankbar ist. Da erhebt sich aber für viele die Frage: Wofür?Ich Dir danken, wofür?" Ja, wer nicht die gött­lichen Wohltaten kennt, kann das auch nicht. Wer aber den Frieden eines mit Gott ver­söhnten Gewissens erfüllt, wer mit geist­lich geschärften Augen die göttliche Hand in sein Leben hineinragen sieht, wer sich von Gotc aus seinem Lebenswege geführt und mit Segen überströmt weiß, der kann gar nicht anders, als die Aufforderung des Psal- misten in Wort und Tat umzusetzen:Dan­ket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich."

Auch jetzt im Krieg? wird mancher beim Lesen dieser Zeilen denken. Können Eltern, die mehrere Söhne verloren, elend zusam­mengeschossene Krieger und viele andere heute diesen Psalmspruch beten? ? Darauf kann ich nur sagen: es gibt solche Menschen. Die ha­ben die Güte und Freundlichkeit ihres Herrn so oft erfahren, die fühlen sich gerade auch im Leid als Kinder Gottes und sprachen mit dem Apostel: in dem allen überwinden wir weit. Sie haben die köstliche Perle und den Schatz im Acker gefunden. Das ist ihr höch­stes. unzerstörbares Besitztum, dem sie alles andere unterordnen. Und dafür sind sie dankbar, heute und immerdar.

6. Zeitereignisse.

Nach den großen Kämpfen um die Ein­heit Deutschlands und den Kriegen, die schon vorher um die Mitte des Jahrhunderts in der oberitalienischen Tiefebene ausgesuchten worden waren, traf für unseren Erdteil ein bekannter, nicht sehr sinnvoller Vers zu, der Vers:Und wenn Europa Ruhe hat, so hat Europa Ruhe." Erst 1877 wurde es wieder unruhig, und zwar im Wetterwinkel Euro­pas, auf der Balkanhalbinsel, von der auch dieser Weltkrieg feinen Ausgang genommen hat. Doch hat der Karnpf der Russen mit den Türken auf Deutschland eigentlich nur insoweit ein gewirkt, als man dem saueren Wein des Jahres 1877 den NamenSchip- ka" gab. Das ebenso sauere Gewächs des Jahres 1878 hieß iw Hinblick auf kriege­rische Ereignisse in Afrika derZulu". Man sah damals ruhig zu, wie hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlugen. War Deutschland damals glücklicherweise von Krieg und Kriegsgeschrei verschont, so wur- den um so lebhafter einige andere Ereignisse, die den Aelteren unter uns noch sehr deut­lich im Gedächtnisse haften, überall besprochen.

Obenan steht hier das schauderhafte Ver­brechen, das am 11. Dezember 1875 in Bremerhaven begangen wurde. Die Wahr­leit über dieses gräßliche Ereignis sickerte erst langsam durch. Es war an dem genann­ten Tage, als der nach New Work bestimmte DampferMosel" gerade seine Passagiere an Bord genommen hatte und die letzten unter diesen noch eilig hierzuliefen, als in nächster Näbo des Schiffes eine furchtbare Explosion erfolgte. Man meinte zuerst, daß der Kessel eines nebenanliegenden Schlepp­dampfers explodiert sei, dann aber stellte sich heraus, daß der Sachverhalt ein anderer war. Eine Kiste, die durch Arbeiter eiligst nach derMosel" geschafft werden sollte, war ex­plodiert und batte großes Unheil angerichtet. Die Untersuchung stellte heraus, daß diese Kiste mit Sprengstoffen angefüllt war. Ein Mann, namens Thomas oder Thämaßen, der sich an demselben Tage in einem Hotel in selbstmörderischer Absicht durch einen Revol- verschuß so schwer verletzte, das; er einige Tage darauf starb, hatte, wie allmählich her- auslam, eine sogenannte -Höllenmaschine | der Ausdruck ist übrigens sehr treffend ' verfertigt und in der Kiste verpackt. Der