das Ge nrüts leben zum Ausdruck zu bringen. Wenn in einem Torfe ein Jünglrng gestorben war, so haben seine Altersgenossen oft gemeinsam einen dichterischen Nachruf verfertigt oder sich verfertigen lassen und dresen dann unter Glas und Rahmen auh dem Grabe angebracht. Derartige Poesie ist zumeist unvollkommen, aber rührend. Mitunter auch hat man diese Nachrufe in die Zeitung gesetzt. Ein Beispiel dieser interessanten Volkspoesie ist das folgende, das im „Greße- ner Anzeiger" von: Jahre 1875 zu lesen ist:
„Nachruf,
unserem am heutigen sanft entschlummerten Freund und Kameraden Heinrich Damm.
Ruhe sanft im Schoos der kühlen Erde,
Der du so früh das schöne Band zerrißt!
Tu hörst nicht mehr unseres Jammers Zähre, Verklärt ivarst du, als dein Erlöser rief.
Ach flüchtig sind doch nur des Lebens Tage, Das Erdendasein scheint fast wie ein Traum, lind alle Freud auf unserem Pilgerpfade Eilte stets gleich als ein schneller Strom
[davon.
Nicht wie wir wünschen, fallen unsere Lose Der Weg des Lebens ist oft rauh und steil, Nicht dornenlos erblüht die Frühlingsrose Nicht immer krönt den Würdigen das Heil.
Wie Freundschaft den Wandrer durchs Leben
[begleitet,
So folgen die Freunde zur dunklen Gruft. Wir wallen, doch uns wird die Stätte bereitet. Woraus uns der Allmächtige ruft.
Neiskirchen, am 24. August 1875.
Gewidmet von den ihn aufrichtig betrauernden und .ihn schmerzlich vermissenden Freunden und Kameraden L. und B."
Wie im Anfang des 19. Jahrhunderts, so hat man auch um das Jahr 1875 Aerzten! öffentlich in der Zeitung für gelungene.Operationen und Kuren gedankt. In gleicher Weise hat man beliebte Beamten ausgezeichnet So wurde dem Rentamtniann Lyncker, als er in den Ruhestand trat, von „vielen Bewohnern seines Bezirkes" bezeugt, er sei „ein Monn, der sich nicht durch hochtragende Phantasien oder Stolz Achtung und Ansehen verschaffen wollte, sondern der sich dieses!, wie auch die .Herzen aller, stets durch .Humanität, Bescheidenheit und Menschenliebe in vollstem Maße erwarb." Damals fand man auch nichts Außergewöhnliches darin, wenn ein Ehemann bei der Anzeige vom Tode seiner Gattin bat, „der edlen Dahingeschiedenen ein liebevolles Andenken zu bewahren."
Vierzig Jahre sind nicht einmal im Leben des einzelnen Menschen eine ungewöhnlich lange Frist, viel weniger noch iM Leben einer Stadt oder eines Volkes. Viele, dis jetzt in unserer Stadt noch auf der Höhe des Lebens stehen, nahmen damals schon am öffentlichen Leben regen Anteil und regteni in ersprießlicher Arbeit ihre Kräfte. Und doch sehen lvir gerade an den im vorstehenden mitgeteilten Einzelheiten, wie sich in die
ser Zeir im Leben unseres Volkes und unserer Stadt in Arbeit, Sprache, in den Beziehungen des Gemütes, in Ernst und iw Scherz sehr vieles gewandelt hat und daß wir zu Beginn dieses Jahrhunderts in einem ganz anderen Zeitalter lebten. Eine noch größere Wandlung als die im Zeitraum von 1875 bis 1914 wird der Weltkrieg bringen, dessen Ende wir jetzt noch nicht absehen können.
5. F e st e u n d V e r g n ü g u n g e n.
An Festen und Vergnügungen hat es in dem Zeitraum, den wir hier im Auge haben, in Gießen nicht gefehlt. Man lebte ja in einer ruhigen, nicht von Kriegswirren oder schweren politischen Kämpfen erfüllten Zeit. Alles war verhältnismäßig billig, von Jahr zu Jahr wrvrde unsere wirtschaftliche Lage «besser. Auch politisch standen wir als die erste Nation in Europa da, sonst hätte man 1878 lischt große politische Auseinandersetzungen, die ganz Europa angingen, in Berlin unter Bismarcks Vorsitz zum Austrag gebracht. In solchen Zeiten schwillt das Vergnügungsleben mächtig an, die Menschen wollen das Geld, das sie verdienen, doch auch unterbringen.
Alt wird jung standen damals noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Errungenschaften der Jahre 1870^71, deshalb wurde auch das Seidanfest in Stadt und Land besonders feierlich begangen. Später ist e£-, leider ganz in Abgang gekommen. So ging es auch mit dem Schlachttage von Leipzig, dem 18. Oktober, der 1814 zum ersten Male mit Freudenfeuern und anderen Veranstal- tringen gefeiert wurde und dann der Vergessenheit anheimfiel. Für das Sedanfest hatte man 1876 folgendes Programm aufgestellt: 9lm 1. September. Abends 5 Uhr, Festgeläute, 7 i/ 2 Zapfenstreich durch die Stadt, Freudenfeuer auf dem Kreuzberg, Bankett in Wenzels Garten. AM 2. September. Um 6 Uhr Reveille mit Böllerschüssen, 7 Uhr Festgeläute und Choral vom Turme, 7 1/' 2 Festfeier in den Schulen, 9 Gottesdienst, IV 2 Festzug vom Brand durch die Braugasse, Walltor, Kirchenplatz, Schul- strüße, Neuen Baue zum Philosophenwald. Auf dem Festplatz alsdann Gesamtchor der Gesangvereine, Festrede, allgemeiner Gesang: Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Gesänge der verschiedenen Vereine, 61/2 Rückmarsch.
Leider scheint sich damals auch der Karneval hier eingebürgert zu haben, den der Weltkrieg nun weggefegt hat, hoffentlich so gründlich, daß er niemals mehr zum Leben aufwacht. Es erschien in diesen Jahren sogar eine Karnevalszeitung, betitelt „Die Fastenbretzel, Amts- und Regierungsblatt des karnevalistischen Karnevalsvereins Türkei", das Stück kostete 10 Pfg. In Wenzels (jetzt Steins! Garten hielt man die Srtzun- gen ab. Sehr witzig zeigte man an, daß i>tc „Trambahn von allen Thoren der Stadt"
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