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Wir ober wollen es Luther danken, dap er fortan |:ßiit äebgnitaiig diese Saite durch! alle Höhen, Liefen und Tonlagen zu jauch-! zendem Harfenspiel gestimmt und gerührt I har. Und daß er überhaupt zu predigen nicht j mehr müde ward. Wir fajsen es kaum, wo-; her der über und über belastete Mann i>ie Zeit genommen !>at, nicht nur sonntäglich, , nein täglich, oft gar an einem Tage drei-> bis viermal zu predigen. Schon bts 1517 ; fiel er als Subprior des Wittenberger Klo- i sters, dessen Studiendirektor er damit zugleich , ' war, sowie als Distriktsvikar und Professor j darin auf, nachdem er den Grund für feine > Predigtvertiefung schon im Erfurter Kloster . gelegt hatte. Und es ist ihm nicht einmal leicht geworden. „Das ist keine geringe Sache," sagt er einmal, „an Gottes Statt! mit den Leuten zu reden und ihnen zu predi-; gen." Auch das Kanzelfieber hat er gründ- > lich dnrchgemacht. „Wenn einer zum ersten Male auf den Predigtstuhl kommt, niemand glaubt, wie bange einem dabei wird. O wie fürchtete ich mich vor dem Predigstuhl!" Er ist darum doch einer der gewaltigsten und gesuchtesten Prediger seiner Zeit geworden. Mächtig war immer und überall die Wirkung seiner Rede. —
In Wittenberg selbst predigte er vornehmlich in der Gtadtkirche, zumal, ivenn Bugenbagen nicht da war, und das währte oft Monate, Jahre lang, weil Bugeuhagen viel nach auswärts berufen wurde, das Kirchenwesen zu ordneii. Vordem mußte er aber in einer kleinen, nnr 30 Fuß langen und 20 Fuß breiten Kapelle reden, die notdürftig aus Holz und Lehm hergestellt, sehr baufällig vom Alter und von allen Seiten gestützt war. Die Kanzel gar niedrig, aus ungehobelten Brettern, so daß ein Schüler Luthers von der Kapelle schreiben konnte: „Sie hat allenthalben das Aussehen, wie die Maler ’mlden den Stall zu Bethleheni, darin Christus geboren war." In seinen späteren Jahren, etwa seit dem Frühjahr 1532, konnte Luther seines Gesundheitszustandes wegen fast gar nicht mehr in der Kirche sprechen: so verlegte er die Predigten ins Haus. Seinem Schüler Veit Dietrich verdanken wir die Nachschrift eines , großen Teils dieser kostbaren Predigten, die 151k mit einer Vorrede von Luther selbst als ,.Hauspostille" veröffentlicht worden sind und nicht ohne Grund von vielen noch höher geschätzt werden, als seine große Kirchenpostille von der Wartburg.
Worin besteht nun die bezwingende Wirkung der Lutberschcn Predigt, von ihrem granitenen Glaubensinhalt ganz abgesehen? Lu Hier selbst hat manche goldene Regeln darüber gegeben, die auch vielen heutigen Pfarrern noch „gut und heilsam zu lesen" waren Er predigte allezeit für die „Einsaitigen"' „Wenn ich. auf die Kanzel komme," sagt er eiiiiüal, „so gedenke ich nur den Knechten und Mägden zu predigen, tim
1). Jonas oder Philippus oder um der ganzen Universität willen wollte ich nicht einmal austreten, denn sie können's sonst in der Schrift wohl lesen. Wenn man aber den Hochoerständigen predigen will und eitel Meisterstück lM rau sw er Kit, so stellet das arme Volk gleich wie eine Kuh." Und einem Magister, der Brandenburger Hofprediger werden sollte, schrieb er u. a.: „Alle derne Predigten sollen aufs einfälllgste sein, und siehe nicht auf den Fürsten, sondern aus die einfältigen, alber neu, groben und ungelehrten Leute, welches Tuches auch der- Fürst sein wird... Kann ich denn Griechisch, Hebräisch, das spare ich, wenn wir Gelehrten Zusammenkommen, da machen wir's so krause, daß sich unser Herrgott darüber verwundert." — Eine zweite Regel war: Kürze! „Das ist ein närrischer Prediger, der da meint, er will alles sagen, was ihm einfällt." Von Luther stammt denn auch der Spruch: „Steig frisch naus, thu's Maul aus, hör' bald aus!" — Und zum letzten: LutlM kannte auch Prophetenzoru! Alle Schäden in Welt und Kirche deckte er schonungslos auf und sagte seinen Zuhörern, aber auch allen, vom Fürsten bis zum Bet! ler, vom Greis bis zuiu Jüngling, ihre Sünden ins Gesicht. Das hat vielen nicht ge paßt! Aber Luther ließ sich nicht beirren. Er hat einmal die Predigt „das Szepter Christi" genannt. Er wußte aber neben dem Stab Wehe auch den Stab Lind meisterlich zu führen. Ihm ist's allez eit nicht zu tun gewesen um Beifall, sondern um die Wahrheit und um der Seelen Seligkeit. Und doch sollte alles Evangelium sein, „d. i. frohe Botsckiaft"! Angstmachen und Töten ist nur Gottes „frenides" Werk: sein eigentliches, eigenes Werk ist Lebendig- und Selig machen."
Gießen vor 4(0 Zähren.
(Fortsetzung.'
Noch nach einer anderen Richtung hin ist die katholische Kirche damals von einer tiefgehenden Bewegung durchzogen worden. Zum 8. Dezember 1869 hatte der Papst Pius IX. ein Konzil nach Rom ausgeschrieben, das im vatikanischen Palast gehalten wurde und deshalb kurz als das „Vatikanum" bezeichnet wird. Dieses Konzil tagte bis zum Sommer 1870, als der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges seine Vertagung herbeiführte. Als der Krieg schon im Werden war, am 18. Jiuli 1870, verkündigte der Papst auf dein Konzile den Glaubenssatz von seiner Unfehlbarkeit in Sachen des Glaubens und der christlichen Sitte. Diesem Dogma widersetzten sich viele fromme und ernste Katholiken, und als die Kirche, wie natürlich nicht anders zu erwarten war, nicht davon abging, lösten sie sich von ihr los und begründeten eine neue, die altkatlolische Kirche, die noch heute in


