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Sonntagsgruß

( Oemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde ließen

Vh\ 32 Gietzen, ©ottntag, IO. nach Trinitatis, den 12.?luguft 1917 6. Iahrg.

Armer Reichtum.

Evangelium des Lukas 1.6, 29. Er lebte alle Tage herrlich und in Freuden. |

Im Evangelium wird von dem reichen Manne erzählt:Er lebte alle Tage herr­lich und in Freuden". Dieses in den allge­meinen S prach geb r a rr ch ü b e rn o m m en e Wort offenbart uns deutlich, wie bedauernsivert arm doch dieser reiche Mann war. Denn wer mit seiner Zeit uird seinem Geld nichts anderes anzusangen weis;, als alle Tage herr­lich und in Freuden zu leben, der ist tatsäch­lich arm und bar der höchsten Güter. Ans den passen die herben Worte des großen Dichters:

Was ist der Nieusch, lvenn seiner Zeit Ge- j

fwinn,

Sein einzig Tun nur Schlaf und Essen ist?! Ein Vieh, nichts weiter."

Vor dem Krieg gab es leider genug reiche j Leute in Deutschland, die so lebten. Die ! harte Zeitlage hindert sie heute daran. Ern| (Slyrift wird sowohl dem Reichtum wie der! Armut gegenüber die richtige Stellung ein­nehmen. Das Leben ist der Güter höchstes! nicht, und kein Mensch lebt davon, das; er j viele Güter und Geld hat, das doch schließ ; lich die Motten und der Rost sressen werden, i Er wird sich stets als Haushalter Gottes auch ! über etwaigen Reichtuin sühlen und so einen vernünftigen Gebrauch davon machen. Aber ebenso muß unser Streben daraus gerichtet sein, daß unverschuldete Armut immer mehr und mehr verschwinde. Es wäre jedenfalls eines christlichen Volkes unwürdig, wenn Arme vor der Tür der Reichen lägen und die Hunde kämen, um ihre Schwären zu lecken. Nicht bloß die persönliche Barm­herzigkeit hat da einzutreten, sondern vor allen Dingen auch eine in christlich-sozia­lem Geist geübte Landesgesetzgebung. Hier harren noch gewaltige Aufgaben der Er­füllung, es sei z. B. nur an die Wohnungs­frage erinnert, die nach dem Krieg beson­ders brennend werden wird. Ks darf unter keinen Umständen so kommen, daß jene Tap­feren, die auf den blutigen Schlachtfeldern Uwe Gesundheit für des Vaterlandes Wohl geopfert haben,vor der Reichen' Tür lie­gen". Die Schaffung von .Kriegerheimstätten ist datier eine zwingende Notwendigkeit. Der größte Reichtum eines Christen sei er nun reich oder arm wird darin bestehen, daß er sich reich süblt als Kind und Erbe seines himmlischen Vaters und von diesem

stolzen Hochgefühl die oegel seines Lebens geschwellt sind. Dann darf er sagen:Ich bin reich in der mancherlei Gnade Gottes."

Martin Luther als Prediger.

Die Predigt mit iljrer Krönung im hei­ligen Abendmahl, das bleibt doch das Kern- und Herzstück evangelischen Kirchentunis, und Martin Luther ist ihr gewaltigster Erneue­rer, ja, ihr recht eigentlicher Begründer ge- lvesen. Zu seiner Zeit war er der Erste, der ihre ausschlaggebende Bedeutung, weit über allen, oft berückendsten und blendendsten Kirchendienst hinaus, erkannt und der sie be- wußi in den Mittelpunkt gerückt hat. Dabei sprechen wir nicht bloß von dem Luther der späteren Tage, sondern schon vomjungen" Luther, etiva jetzt genau vor 400 Jahren, noch vor dem Thesenanschlag am 31. Okto­ber. Wir werden daran erinnert durch eine merkwürdige Predigt, die der jugendliche Professor am 25. Juli 1517 in der Dresde­ner Hofkirche vor Herzog Georg dem Bärti­gen Hielt, der sich an den Generalvikar Staupitz mit der Bitte um einen frommen und gelehrten Prediger gewandt hatte. Lu- tlxr, der damals doch noch ganz im katholi­schen Kult und Ritus und ihrer Redeweise wurzelte und seiner Kirche getreuester Sohn sein wollte, predigte über Matth. 20, 20 bis 23, das Wort Jesu zu den Söhuen Zebedaei: Ihr wisset .nicht, was ihr bittet." Doch ülnwaus bezeichnend für die Art, wie der junge Löwe damals schon seine Glieder reckte, ist, was die Chronik darüber von ihm berich,- tet. Bei der herzoglichen Tafel befragte nach­her- der Herzog eine Hofdame, Barbara von Sala, wie ihr die Predigt gefallen habe. Tie antwortete:Wenn ich noch eine solche Pre­digt hören könnte, so wollte ich ruhigen Ge­müts sterben." Darauf der Herzog:Er wolle groß Geld darum schuldig sein, wenn er dergleichen Predigt nicht gehört, als welche die Leute nur sicher und ruchlos mache." Was war geschehen? Deutschlands kommender Reformator hatte in den Mittel­punkt seiner Predigt bereits das große Pm,- luswort gestellt:Der Gerechte wird seines Glaubens leben" und nicht seiner Werke Das ist die Saite, auf der ich immer leiere," hat Luther einmal gesagt: die Rechtfertigung aus dem Glauben ist der Grundstock der Re­formation geworden und das hatte Georgs feines Ohr argwöhnische schon damals vernommen