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Bai st zu Ulfa, Tr. Eduard Lucius zu Rod- heim, Friedrich Kraus in Bolkartshain, Her- maun Bichmau.i in Güttersbach, vimil Kraus in Rothenberg und Georg Anthes in Reichelsheim ini Odenwalde. Schon früher war aus dem gleichen Grunde der Pfarrer Kötz von Eichelsdorf entlassen und der Kandidat; Lucius von der Kandidatenliste gestrichen worden. Einige dieser Pfarrer fanden in anderen deutschen Landeskirchen rasch gut dotierte Stellen, so das; von einem Märtyrer- j tum nicht geredet werden konnte. Tie ande ren blieben in Hessen und suchten ihre Gemeinden zu bewegen, aus der Landeskirche auszutreten. Es zeigte sich aber rasch, das;^ ihnen nur wenige aus ihren seitherigen Gemeinden Gefolgschaft leisteten. Auch diese Zahl ist wie die der Frei Protestanten sehr zusammengeschmolzen. Im Großl>erzogtuin Hessen gibt es heute nicht einmal 1000 separierte Lutheraner, aber mit acht Psarrstellen, die nur zur Hälfte besetzt sind. — Diese beiden Bewegungen, die sreiprotestantische wie die altlutherische, Huben damals in Hessen großes Aufsehen erregt, aber die Landeskirche war imstande, sie olyre Schaden zu überwinden. Leider kam es bei jeder der beiden Bewegungen zu gewaltsamen Handlangen. Diejenigen, die aus der Landeskirche ausgetreten waren, hatten damit selbstverständlich das Anrecht auf die kirchlichen Gebäude verloren. Das wollten sie aber nicht einsehen. In zwei Fällen suchte man sich gewaltsam das Benützungsrecht an den Kirchen zu verschaffen. In Ulfa erbrach man bei einer Beerdigung den Turm, um läuten zu können. In der freiprotestantischen Gemeinde Wonsheim in Rheinhessen hielt man eine Konfirmations - ieier in einem Saale ab. Darnach zog dl.'' Gemeinde, allerdings ohne den Prediger, zur dortigen evangelischen Kirche, um in ihr eine kurze Nachfeier zu halten, bei der zwei Borstet er der Gemeinde mitwirkten. Diese ^-Ungelegen beiten hatten gerichtliche Nachspiele, die beiden Vorsteher der sreiprotestantischen Gemeinde wurden mit je 8 Tagen Gefängnis bestraft. Ein Prozeß um Herausgabe der Kirche und des Pfarrhauses, den man an- strengte und der bis zum Reichsgerichte ging, ging der Gemeinde selbstverständlich verlo- reit. Auch dort hat sich seit langen Jahren wieder eine evangelische Gemeinde zusammengetan, und allsonntäglich wird evangelischer Gottesdienst gehalten. Gott behüte unsere Landeskirche in Zukunft vor solchen Streitigkeiten!
Aber auch die katholische Kirche hatte damals schweren Stürmen zu begegnen. In den 70 er Jahren hatte man durch eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen im neu erstandenen Deutschen Reiche Staat und Kirch: gegeneinander abgegrenzt. Unter Bismarcks Leitung war in Preußen die katholische Kirche, weil sie öfters den Staatszwecken zu- widerbandelte. mehr als seither unter die Aufsicht des Staates gestellt worden. Das
entfesselte den Widerstand der von den kirchlichen Oberen geleiteten Massen. Diese Bemühungen der Staarsregierung waren von dem Abgeordneten Birchoiv als „Kulturkampf" bezeichne! worden. Unter diesem Namen ist die Bewegung heute noch bekannt.
Im Sommer 187t; wurden in ganz Deutschland, so auch in Gießen, sehr lebhaft Borfülle besprochen, die die deutschen Katholiken sehr erregt haben und wohl mit dem Kulturkampf in ursächlichem Zusammenhanga standen. Das waren die angeblichen Mutter gctteserscheinungen zu Marpingen ini rhein- preußischen Kreiie St. Wendel. Im Juli des genannten Jahres hatten drei achtjährige Mädchen beim Heide!beerenpflücken angeblich Maria und das Jesuskind im Walde gesehen. Die Aussagen der Kinder stimmten nicht überein. Bald soll Maria ein weißes, bald ein blaues, bald ein blau-weiß gestreiftes Kleid getragen haben, das Jesuskind!ein habe ein Kränzlein ans dem Haupte gehabt. Die Kinder fragten Maria nach ihrem Begehren, sie soll , gesagt haben, sie wünsche eine Kapelle, in der Kranke Heilung finden sollten. Alsbald wurde die Wundergeschichte allenthalben ruchbar, und die Bevölkerung pilgerte in großen Mengen nach der Stätte des Wunders. Die Gendarmerie wurde darauf aufmerksam und telegraphierte am 12. Juli, abends 8 Uhr, an das Landratsamt in St. Wendel: „Es pilgern Tausende von Menschen nach Marpingen, in welchem Orte die Mutter Gottes erschienen sein soll." Zu alleni Unglück war der Landrat abwesend, und der Kreissekretär, einer von der Sorte schneidiger Beamten, die für das Volk und sein Leben kein Verständnis haben und der Meinung sind, die Bevölkerung sei um der Beamten willen da und nicht die Beamten um der Bevölkerung willen, holte Militär herbei. Noch ehe das Militär kam. schritt der Sekretär mit Gendarmen gegen die Menge ein, unter der sich bereits viele Kranke befanden. doch konnte die geringe Zahl von Beamten nichts ausrichten. Am Abend kam die 8. Kompagnie des 80. Infanterie-Regiments aus Saarlouis an. Ter Komvagnieführer ließ nach dreimaligem Trommelwirbel die Menge, die 3 -4000 Menschen betrug, zum Anseinandergehen ausfordern, aber die Leute beachteten diesen Befehl nicht, sondern sangen: „Maria hilf, vernichte unsere Feinde!" Nun lvurden die Leute mit blanker Waffe auseinandergetriebcn, glücklicherweise gab es dabei keine ernsteren Unfälle. Hinterher setzte es natürlich viele Bestrafungen ab. und da der Zulaus nachließ, so wurde Marpingen nicht zum Gnadenorte. Man vermutete, daß schlaue Menschen diese ..Wundererscheinungen" inszeniert hätten, um den Fanatismus der Menge auszustacheln und größere Gegnerschaft gegen die Kircheugesetze des Staates wachzurufen. Bei den meisten der an diesen Vorfällen Beteiligten war es religiöse Schwärmerei, die sie zu Ausschreitungen


