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Giehen vor 40 Jahren.
(Fortsetzung.)
Am 15. April 1874 trat unter Dem Namen „Versalsung Der evangelischen Mirdje De--- Großlcrzogrun.s 5)e>sen" ein fcfcr ivichliges Gesetz in ft mit. Xurdi Dieses Gesez *• urteil Die Angelegenheiten unserer Landeskirche nen gevrdnei uiit den berechtigten ForDeruugen Der ^ieuzeit amgepaßt. Damit waren viele Wüilsche der kirchlich gericyieleu .streife un seres engeren Vaterlandes in Erfüllung gegangen. Diese Wünsche ivaren im lvesem- lichen daraus hinausgegangen, den Gliedern Des nichlgeistlichen Standes eine grössere Mitwirkung bei der Berlvaltnng des kirchlichen Vermögens und der Ordnung Der geistlichen Angelegenheiten zuzugestehen. Außerdem >var dadurch Die evangelische I Kirche in Hessen zu einer festeren Einheitj zusammengeschlosseu worden, und Durch Ein führung einer Kirchensteuer war es möglich geworden, eine Reihe von Pfarr stellen nen zu begründen und mit Den Mißständen Des ^ Vikariatswesens, von dem oben schon Die Rede war, auszuränmen. Der Anstost zu dieser Bewegung datiert von dem Jahre 1848. Am 25. März dieses Jahres hatte der Erbgroß lierzog-Mitregenl, der spätere Großherzog i Ludwig 111., ein Edikt erlassen, worin er I kundgab, „eine meitere zeitgemäße Entwicklung Der inneren Verfassung Der evangelischen Kirche des Groß Herzogtums in der Art anzubahnen, dast namentlich den Gliedern des nichtgeistlichen Standes die ihnen gebührende Mitwirkung nicht länger vor enthalten bleibe." Eine zeitgemäße Umgestaltung ist jedoch damals nicht herbeigeführt worden. Erst ini Jahre 1870 wurden Die Arbeiten wieder ausgenommen und hattlen diesmal mehr Erfolg.
Wie im politischen Leben, so waren auch im kirchlichen Leben die Wogen im Jahre 1848 sehr hoch gegangen. Der Wortführer im kirchlichen Streite war damals ein Pfarrvikar Schaffer in Kirchbrombach. Er gab ein kirchlich-politisches Blatt heraus, das^den seltsamen Titel führte „Luzifer oder Süd westdeutscher Kirchenteufel". Das Blatt vertrat das Recht der Gemeinden, bei Der Anstellung ihrer Geistlichen mitzuwirken, trat für die Rechte der nicht definitiv ange stellten Geistlichen ein, regte Synoden an und was dergleichen Forderungen Mehr ivaren. Die Sprache, die das Blatt führte, war, dem Geiste der Zeit entsprechend, sehr revolutionär, namentlich wurde das hessische Kirchenregiment mit heftigen Worten und in ungebührlichem Tone angegriffen. Im Odenwald, namentlich in Kirchbrombach und Michelstadt, kam es. zu einer Loslösung
* Herrn Pfarrer i. R. Scriba in Gießen, der mir das sehr selten gewordene Blatt freundlichst schenkte, sei auch an dieser Stell' herzlicher Dank gesagt. H. B.
Evangelischer von der Landeskirche. Schösser hielt Gottesdienste im Freien „ohne Ehor- roct" und, was sehr viel heißen will, auch „ohne Bibel". In Wahr Heu .raren diese „Gottesdienste" Volksversammlungen mit der Tendenz, das Volk auszureizen. Diese Be- lvegung mar keine Reformation, sondern eine Revolution, wenn auch eine Revolution im kleinen. Sie krankte hauptsächlich daran, daß sie nicht religiös fundiert war. Im wesentlichen ging sie Hand in Hand mit Der von Johannes Ronge ausgegangenen dentsch-kathotischen Bewegung. Schösser soll später nach Amerika gegangen sein.
Leider zeigten die Jahre 1874 bis 1870 ähnliche Erscheinungen in Hessen. Die mit vieler Mühe zustande gekommene Kirchen Verfassung erregte in Hessen nicht nur freu dige Zustimmung, sondern auch heftigen Streit. Die einen waren mit der Kirchensteuer unzufrieden, obwohl unser Volk sich damals in wirtschaftlich sehr guter Lage befand, die anderen verweigerten dem neuen Gesetze ihre Anerkennung, weil durch es nach ihrer Behauptung die lutherischen Gemeinden der Union, der Bereinigung der Lutheraner mit den Reformierten, zugeführt worden ivä- ren. Wegen der Kirchensteuer traten in Rheinhessen, besonders in den Kreisen Alzey und Worms, viele Familien leider aus Der Landeskirche aus und begründeten selbständige „freiprotestantische" Gemeinden. Ter alte Rouge kam, um für diese Bewegung zu agitieren, die sich von dem biblischen Ehri- stcntum immer entfernte und durchaus freigeistig gerichtet war. In der Person des Predigers Elßner aus Zittau, eines übrigens ehrenwerten und freundlichen Mannes, be riefen sich diese Gemeinden selbst einen Pfarrer, der einen sehr ausgedehnten Sprengel hatte und in manchen Gemeinden im Vierteljahr kaum einmal Gottesdienst halten konnte. Fm Laufe der Zeit sind diese sreiprotestantl- schen Gemeinden immer mehr zusammenge-- schrumpft, und die meisten ihrer Glieder sind zur evangelischen Kirche zurückgekehrt. Das ist ein Beweis dafür, daß die bloße Verneinung des biblischen Christentums keine Macht ist, die der Seele auf die Dauer genügen und eine feste Gemeinschaft bilden kann. Auch mehrere der Prediger dieser Gemeinden sind später in evangelischen Landes--- ürchen zur Anstellung gelangt. Fn Gießer bat die Einführung einer Kirchensteuer nicht den leisesten Widerspruch erregt.
Kam diese Separation, wenn man so sagen darf, von links, so kam eine andere von rechts. Eine Reibe lutherischer Geistlicher schloß sich aus den schon angegebenen Gründen der Kirchenverfassung nicht an. Da sie sich fortgesetzt widerspenstig verhielten und dem Kirchenregimente den Gehorsam verweigerten, so mußte ihre Amtsentsetznng ausgesprochen werden, was im Jahre 1875 geschah. Es waren dies die Pfarrer Ferdinand Bringmann zu Höchst a. d. Nidder, Gustav


