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8X1

Gemeindeblarr für die evangelische 'Kirchengemeinde Gießen

Uv. 31 Gicficn, ©ontttag, 9. nach Trinicaciö, den 5.August 1917 6. Iahrg.

Drei Zähre welttrieg.

Jer. 5, 3. Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben. Tn schlägst sie, aber sie süh- 1 len es nicht; du machst es schier aus ^ mit ihnen, aber sie bessern sich nicht. Sie haben ein härter Angesicht denn ein Fels und wollen sich nicht bekehren.

Es gibt jetzt in Deutschland viele, die mit Gott hadern, weil er immer noch nicht den Frieden sendet. Ist er ein gütiger Gott, so > sagen sie, so muß er dem Kriege bald ein Ende machen. Warum wünschen diese Men-j scheu Frieden? Damit sie wieder völlig uu gehindert ihrem. Vergnügen nachgehen, da­mit sie Siegesfeste feiern könnenniit Pau­ken und mit Freuden und mit Geigen", wie i einst die jüdischen Frauen, als Goliath von David besiegt worden war. Sie wollen Frie­den, damit sie aus den Straßen jubeln, von sich selbst ein großes Aufheben machen und es sich bei geistlosen Vergnügungen wohl sein lassen können, wenn mich die vielen Leidtra­genden bei einer derartigen Friedensfeier am liebsten in die Einsamkeit fliehen oder sich in den Keller verkriechen möchten. Man braucht kein trübseliger Moralist und kein finsterer Bußprediger zu sein, um zu sagen, daß unser Volk am Beginn des vierten Kriegsjahres innerlich nicht gerüstet ist. dem Frieden ent gegenzugehen.. Tie religiöse Hochflut des ersten Kriegsjahres ist in ein sehr schmales Rinnsal ein geströmt. Fast hat man den Eindruck, daß die starke Beteiligung am reli­giösen und kirchlichen Leben in den Jahren 1914 und 1915 auf einem gewissen aber­gläubischen Fatalismus beruhte. Mau glaubte, wenn man in die Kirckw gehe, io werde Gott den Ehemann, den Sohn, den Bruder im Felde beschützen. Das Leben in Deutschland zeigt jetzt so unerfreuliche, ja häßliche Züge, daß wir um die sittliche Kul­tur unseres Volkes besorgt sein müssen. Tie, die zu Hause in sicherer Ruhe sitzen, streiten darüber, ob wir Eroberungen machen sollen oder nicht, d. h. mit anderen Worten, ob Hunderttausende noch weiter ihr Leben lassen sollen oder ob der Jammer der deutschen Fa­milien ein Ende finden soll. In dm ersten Kriegsmonaten hieß cs: wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, nun regt sich allent­halben ein geradezu brutaler Egoismus. Das sieht man am deutlichsten, wenn man aus der Eisenbahn fährt. Keiner macht dem ande­ren in den überfüllten Zügen Platz, jeder

sucht, auch wenn noch Platz da ist, den, der einsteigen will, durch unhöfliches Betra­gen zu verscheuchen. In einer Zeit, in der man viel von Bevölkerungspolitik redet, will man nicht in einem Abteil reisen, in dem sich kleine Kinder befinden. Die Erziehung, die viele unserer Volksgenossen gehabt haben, ist derart, daß sie Frauen mit kleinen Kindern und Soldaten, die von der Front nach der Heimat reisen und oft schon dreißig Stun­den unterwegs sind, stundenlang in den Gän­gen der D-Züge stehen lassen. Das 7. Gebot wird jetzt in vielen Fällen übertreten. Die Leute, welche Felddiebstähle begehen, sündi­gen im kleinen, die Kriegswucherer und Kriegsspekulanten bereichern sich im großen. Dieser Kriegswucher ist ein Nebel, das am Marke unseres kämpfenden und arbeitenden Volkes frißt und uns mehr Schaden bringt als die Feuerschlünde der Gegner. Die Art, ivie die Menschen jetzt miteinander und über­einander reden, wird von Tag zu Tag un­edler. Wird ein Mann, der seither vom Kriegsdienst befreit war, zum Heere einge­zogen, so sagen seine Nachbarn und Wider- I sacher: Das gönne ich ihm, das geschieht ihm ! recht, als ob die Verteidigung des Vater­landes für den Mann eine Strafe und nicht höchste sittliche Pflicht wäre. Wir werden ! den Tag segnen, an dem uns das unedle ; Worthamstern" nicht mehr in den Ohren klingt. Die schwerste Sünde unseres Volkes ist. daß es herzlos dem Sterben seiner besten Söhne und dem unendlichen Jammer, der durch den Krieg über viele gekommen ist, zu­sieht. Fürwahr das alte Propheten,vort lebt wieder auf: Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben. Du schlägst sie, aber sie fühlen es nicht: du machst es schier aus mit ihnen, aber sie bessern sich nicht. Sie haben ein här­ter Angesicht denn ein Fels und wollen sich nicht bekehren. Soll Gott uns Frieden geben, so müssen wir zeigen, daß wir dieser seiner Segnung würdig sind. Menschlich geredet, lat Gott kein Interesse daran, einem gott­losen, leichtsinnigen und lieblosen Volke den Sieg und ein neues Aussteigen zu geben. Wer leben will und gute Tage sehen, so sagt Petrus, der wende sich vom Bösen und tue Gutes, er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn merken aus die Gerechten und seine Ohren aus ihr Gebet, das ! Angesicht aber des Herrn steht wider die. die I Böses tun. H. B.