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lem. Auf diese Anfrage ist ihm von Hilfs­prediger S. v. Nathusius folgendes mitge­teilt worden:

Sie werden wahrscheinlich recht ärger­lich gewesen sein, das; Sie auf Ihre An­frage vom 6. August betreffend den Teich Be- thesda keine Antwort erhalten haben. Ich konnte Ihnen aber nicht eher eine zurei­chende Antwort geben, weil ich selber erst in vergangener Woche Gelegenheit gehabt habe, die Ausgrabungen zu besehen, die nach Mei­nung vieler an der Stätte des Bethesda- teiches stattgefmrden haben. Also entschul­digen Sie freundlichst die große Verspätung. Folgendes kann ich, Ihnen über die Sache mitteilen:

Das Schaftor sucht man nördlich des Tcmpelplatzes, etwa dort, wo heute das Stephanstor aus Jerusalem ins Kidrontal hinabführt. Sicherheit über die Lage des Tors gibt es nicht. In der Nähe dieses To­res haben französische Mönche einen gewölb- ten Bau ausgegraben, .der sehr wohl von der alten Anlage des Bethesdateichs mit sei­nen .Hallen herrühren kann. Einliegend sende ich Ihnen eine Ansicht dieses Gewölbes, in welchem auch jetzt Wasser steht. Die zweite Karte veranschaulicht, wie man sich denkt, das; früher die Anlage aussah. Ein Mönch versicherte mir, das bisher Freigelegte sei! nur ein kleiner Teil, es gebe noch vierwei­tere große Hallen, die aber noch voll Schutt lägen. Bon einer Quelle hat man jedoch nichts gefunden, auch wissen wir aus keinem alten Schriftsteller, das; es in oder bei Jeru­salem eine Quelle gegeben hatte, außer der Silvabguelle, die durch einen uralten durch den Fels gehauenen Kanal in den Siloah- teich fließt. Manche glauben deshalb!, daß die Heilung Jvh. 5 sich auf den Silvahteich beziehen soll, namentlich, weil die Siloah- guelle nicht dauernd, sondern nur Perioden­weise fließt, ein- bis dreimal am Tag. Das konnte zusammenpassen mit der Angabe, das; das Wasser des Teiches sich zuweilen be­wegte. Aber von einer Heilkraft läßt sich heute bei dieser Quelle nichts mehr Nach­weisen. Uebrigens ist aber zu beachten, daß auch im Evang. Jvh. 5 nicht von einer Quelle die Rede ist. Für uns wäre ja eine heilkräftige Quelle die einfachste Erklärung, aber möglich bliebe ja trotzdem noch, daß auf irgendwelche andere Weise Bewegungen eintraten, die man für heilkräftig hielt. Nä­heres läßt sich nicht sagen. Es geht einem hiermit wie inj so viel andern Dingen in Jerusalem, daß man zur sicheren Angabe der geschichtlich wichtigen Örtlichkeiten nicht gelangt. Golgatha, Gethsemane, Davids­burg, Zivn, der Palast des Herodes, das Haus des Pilatus, alles läßt sich nur ver­muten, das einzige absolut Sichere ist der Tempelplatz, wenn auch die verschiedenen Kirchen ihre heiligen Plätze den Fremden mit aller Gewißheit zeigen."

Gießen vor 40 Jahren.

Wie es in der Stadt Gießeil in früheren Jahren ausgesehen hat, das haben wir in unserm Gemeindeblatte schon öfters darge­stellt. Es gibt von der Zeit des Dreißig­jährigen Krieges bis zum Jahre 1871 kaum einen größeren Zeitraum, den wir in dieser Hinsicht nicht schon in Betracht gezogen hätten. Wenn wir uns heute anschicken, die Verhältnisse in unserer Stadt um das Jahr 1877 zu schildern, so verhehlen wir uns nicht, daß mancher unserer Leser im stillen denken wird, daß man diese Zeit noch nicht zum Gegenstände geschichtlicher und kulturge­schichtlicher Erörterung machen solle, weil sie noch nicht weit genug zurückliegt. Es ist in der Tat so, daß nur im nachstehenden man­cherlei bringen werden, das vielen der heute lebenden Gießener aus eignem Erleben be­kannt, also nichts Neues ist. Aber manchem von denen, die damals schon mit hellen Augen das Leben in ihrer Umgebung an­sahen, ist doch vieles aus der Zeit vor vier­zig Jahren in Vergessenheit geraten. Sein Interesse an den Erlebnissen seiner Kindheit und Jugendzeit wird neu belebt werden, wenn vergessene Tatsachen wieder in seine Erinnerung zurückgerufen werden. Tann aber wird der Leser auch bald merken, das; 40 Jahre im Leben einer aufstrebende;: Stadt viel mehr Veränderung bringen, als man gewöhnlich glaubt. In der Zeit zwischen 1871 und 1914 ist Gießen aus einer Klein­stadt zu einer lebhaft bewegten deutschen Mittelstadt geworden, während sich der Cha­rakter der Stadt in den Jahren von 1815 bis 1871 nicht wesentlich verändert hat: mancherlei im Gemeinde- und Geschäfts­leben, im Leben der Kirche und Schule ist in diesem Zeitraum ganz stabil geblieben. Erst die mit der Begrürrdung des Deutschen Kaiserreiches einsetzende neuzeitliche Entwick­lung hat die Verhältnisse in unserer Stadt auf eine neue Grundlage gestellt.

1. Umfang der Stadt, Straßen­benennung.

Am 1. Dezember 1875 fand im ganzen Deutsche Reiche eine Volkszählung statt. Die Stadt Gießen, die 1914 31 153 Einwohner hatte, zählte damals deren nur 13 985. Im Jahre 1876 hatte Professor Hugo v. Ritgea (gest. 1889) im Gewerbeverein einen Vor- trag !über die künstlerische Erziehung des jungen Handwerkers gehalten. In einem Referate über diesen Bortrag hatte ein mit starker Phantasie begabter Berichterstatter die Bemerkung gemacht:Unsere Vaterstadt geht immer mehr einer Großstadt entgegen." Gießen hat seit dieser Zeit seine Einwohner­zahl mehr als verdoppelt, dennoch war diese Bemerkung sehr kühn. Die 18 000 Menschen, um die die oberhessische Provinzialhauptstidt seither zugenommen hat, mußten selbstver­ständlich Unterkunft haben. Eine Reihe von