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lt\ 28 Gießen, Sonntag, 6. nach Trinitatis, den I 5.Juli 1917 6. Jahrg.

An unsere keser!

Tie Einwirkungen des Krieges zeigen sich auch in unserem kirchlichen Leben. Durch Verfügung des Stellvertreters des Reichs­kanzlers sind weitere Papiereinschränkungen in Kraft getreten. Hiervon wird auch unser Gemeindeblatt betroffen, wir können bis auf weiteres für jede Nummer nur die Hälfte des seither verbrauchten Papiers verwenden. Um jedoch möglichst viel Text zu bringen, ist eine kleinere Schrift gewählt worden. Alle diese Einschränkungen werden gewiß schmerzlich empfunden, werden aber von un­seren Gemeindemitgliedern in der Erwägung hingenommen werden, daß das Wohl des Vaterlandes zum Verzichtleisten auch auf kirchlichem Gebiete nötigt. Die verkleinerte Ausgabe des Gemeindeblattes wird nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Sobald die Zeitlage es gestattet, wird derSonn- tagsgruß" wieder in dem Um­fange erscheinen, den er vor dem Kriege hatte.

Gießen, den 11. Juli 1917.

Redaktion und Verlag des Sonntagsgrußes.

Wiedergeburt.

Evangelium des Johannes 3, 3. Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reichs Gottes nicht sehen.

In dem Nachtgspräch, das Jesus mit Niko­demus hält, sagt er zu ihm die Wörte:Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen." Eine Neugeburt bedingt, daß altes vergeht und neues entsteht. Ein Weizenkorn, das in den Boden gesenkt wird, muß erst zu­grunde gehen, damit daraus neue Blüte und Frucht entstehen. So auch bei uns Men­schen. Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes. Erst muß Dünkel, Wissensstolz, .Hoffart und Selbstgerechtigkeit zu Grabe getragen werden, dann kann ein neuer Mensch entstehen. Kein Geringerer als Goethe hat dies einmal sehr schön in den be­kannten Versen gesagt:

Lange habe ich mich gesträubt, Endlich gab ich nach. «

Wenn der alte Mensch zerstäubt.

Wird der- neue wach.

Und so lang du dies nicht hast,

Dieses Stirb und Werde,

Bist du nur ein trüber Gast Aus der dunkeln Erde."

Wenn doch die vielen modernen Heiden, die sich so gern auf Goethe berufen, einmal recht gründlich über diese tiefernsten Worte des großen Dichters Nachdenken möchten! Dieses Neuwerderr kömmt aber nicht von un­gefähr. Wenn ein Mensch sich beharrlich ver­schließt dem Wehen des Geistes Gottes, wenn er seine Augen und Ohren dem göttlichen Wort nicht öffnet, dann gerät er immer mehr in Hartnäckigkeit und Verstocktheit. Und schließlich ersticken alle edlen Keime in ihm, nichts Neues kann mehr in und aus ihm werden. Wie wucherndes Schlinggewächs und dichter Nebel legt sich alles Böse und Schlechte auf seine Seele. Wer sich eben un ter das Wehen des Geistes stellt und Gottes heiliges Wort als Norm und Richtschnur sei­nes Lebens betrachtet, bei dem löst sich die Umstrickung der Seele, und je länger, desto mehr wächst der neue Mensch hervor, der iu Gerechtigkeit und Heiligkeit vor Gott ewiglich lebt". Diesen Prozeß muß jeder wahre Christ an sich erleben. Und wenn hier­auf Erden auch nicht alle Schlacken fallen und kein Mensch ein Engel wird, cs muß ihm doch anzumerken sein, daß er einneuer Mensch" geworden ist.

wo liegt der Leich Vetherda?

Vor wenigen Tagen meldeten die Zer­rungen, daß die Engländer auf den Oelberg bei Jerusalem Bomben geworfen hätten. Es war an diese Meldung die Klage geknüpft worden, daß unsere Feinde vor keiner Tat zurückschrecken und sich sogar nicht scheuen, Stätten, die der ganzen Christenheit heilig sind, zu beschädigen. Vielleicht darf doch in diesem Falle zur Entschuldigung der eng­lischen Fliegei' angenommen werden, daß sie nicht gewußt haben, über welcher Stätte sie sich befanden. Ist es doch keineswegs in allen Fällen eiirwandfrei festgestellt, wo die Orte, die in der heiligen Geschichte erwähnt wer­den, sich befinden.

So sind wir auch über den Teich Be- thesda, der Evang. Job. 5 erwähnt wird, ganz im Unklaren. Vor vier Jahren hat Lehrer Diemer, Großen-Linden, im Reli­gionsunterrichte die schöne Geschichte von der Heilung der Kranken am Teiche Bethesda behandelt. Hierbei erwachte in ihm die Frage, ob der Teich wohl noch in der alten Form erhalten sei, und, um Auskunft, zu erhalten, wandte er sich an den Pfarrer der deutsch-evangelischen Gemeinde zu Jerusa-