Einzelbild herunterladen

107

Beinen, Brust und Gesicht auf das erbärmlichste zerschlug und mit Pulver verbrannte/' Die beiden unglücklichen Männer lebten noch einige stunden.

Mancherlei Berufsarten werden in dem Kirchenbuche erwähnt, die man heute entweder gar nicht mehr hat oder unter einer anderen Bezeichnung kennt. 1707 starbPeter Gardl), Universitäts-Tantzmeister, papistischer Beligion aus Bar sur Bube in der Champagne". Bus dem Jahre 1722 wird einSteckenknecht" erwähnt. Vas war ein Bufseher aus dem Stockhause, dem damaligen Gießener Gefängnisse. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es hier Steckenknechte. 3m Jahre 1728 wird einStück- und Glockengießergesell" beerdigt und 1710Maria Marga­retha, die alte Fechtmeisterin genannt". 1703 starb ein Feldscherer" (Miiltärwundarzt), der erst 17^ Jahre alt war.

Sjeht man so die Verzeichnisse der m alter Zeit in Gießen!zu Grabe Gebrachten durch, deren Gräber man heute nicht mehr kennt, so wird man an die schönen Morte des 90. psalmes erinnert:Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: kommet wieder, Menschenkinder. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, und sind wie ein Schlaf,' gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blühet und bald welk wird und des Bbends abgehauen wird und verdorret." h. B^

Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes.

(Fortsetzung.)

Sollte ich meinerMutter neue Sorge, neuenKummer machen, ihr, die dessen schon so viel hatte, bloß, weil sich mein Ehrgefühl gekränkt fühlte, oder weil ich nicht Resignation genug besaß, mich in das Unvermeidliche zu fügen, vielleicht gar, weil es mir an Arbeitslust fehlte? würde ich meine Mutter haben überreden können, daß mir Unbilliges angemutet wurde? Gewiß nicht; denn sie liebte und achtete ihren Bruder viel zu hoch, um ihm das zuzutrauen. Und was hätte ich Besseres vorschlagen können? Uch, ich wußte es wohl: Lin Gymnasium beziehen und studieren! Ullein, man hätte mich ausgelacht, wäre ich mit diesem Wunsche hervorgetreten: denn ich hätte eine Unmöglichkeit verlangt. Ls gab demnach für mich keine Wahl: ich steckte in einer argen Ulemme, die ich nicht zu öffnen vermochte. Da sagte ich mir: ,,Uicht d u hast dir diese Ulemme geschaffen: es ist die Gewalt der Umstände, die von einer höheren lfand regiert werden; es ist Gottes Wille, und er hat es so geordnet: sein Wille geschehe! Ich will Gold­arbeiter werden." - Ich sagte zu. - Mein ivheim eröffnete mir, der Goldarbeiter habe eigentlich fünf Jahre lang zu lernen; er wolle mir aber ein halbes Jahr schenken und mich daher zu Neujahr 1802 als Lehrling bei dem Umte der Gold­arbeiter und Juweliere einschreiben lassen. Damit war die Sache abgemacht. Lrst nachher habe ich erfahren, daß diejeni­gen,^ welche Lehrgeld zahlten, nur vier Jahre und selbst we­niger zu lernen brauchten. Die anscheinende Großmut war daher nur unbedeutend oder reduziert« sich auf nichts; denn es war schon damals sehr gewöhnlich, daß auch, diejenigen, welche kein Lehrgeld zahlten, nur fünftehalb Jahre lernten. Buch wurden sie wohl früher eingeschrieben, ehe sie eintraten, wenn der Vater es verstand, seinem Sohne «inen Vorteil zu sichern: während ich erst ein halb Jahr nach dem Eintritt eingeschrie­ben wurde. Bei mir hätte der Dheim die Stelle des Vaters vertreten und mein Bestes wahrnehmen sollen: aber der Lehr­herr waltete vor, und wahrscheinlich haben die Tante und ihre Mutter, die mir oftwie der Teufel und seine Groß­

mutter" erschienen, diesen sonst gutmütigen, wenn auch eng­herzigen Mann dazu vermocht. Mir sind die schönsten Jahre meiner Jugend durch diese Weiber grausam verbittert worden.

Buch jetzt noch saß ich des Sonntags nachmittags meist zu Hause, freute mich über das Schieferdach der Petrikirche mit ihrem zierlichen Laternenturme, blies die Flöte, trieb Französisch und las nachher. Unter den Büchern meines Gheims fand ich die Uebersetzung Bouterwecks von Lockes Vorlesungen über den Nil. Mir gefiel das Buch überaus,' ich studierte jede Zeile, las es wieder und prägte mir die Sätze möglichst ein, die ich dann anzuwenden suchte. Nächstdem studierte ich Bussels Geschichte von Europa, übersetzt von Zöllner, die mir großen Genuß gewährte. Sonntags vormit­tags besuchte ich die Kirche, und zwar ging ich am liebsten zu Zöllner in die Nikolaikirche. Zu meinem Beichtvater hatte ich mir auf den Bat meiner Mutter den Prediger Jak. Clias Croschel erwählt, von dem sie eingesegnet worden war und der jetzt an der Petrikirche stand.

Zu Dstern 1802 verzog mein Gheim nach der Scharrn- straße zwei Treppen hoch. Ich wurde auf den Hausboden placiert, der groß und geräumig war, aber keine Fenster, sondern nur Luken hatte, die durch hölzerne, schlecht passende Läden geschlossen wurden. Mein Bett wurde in die Mitte neben den dort aufsteigenden Schornstein gesetzt,' meine Kiste mit weniger Wäsche und ein Schemel ohne Lehne vollendeten meine armselige Einrichtung. Die eine Seite des Baumes ent­hielt unsern Wintervorrat an Torf. Bußerdem war der Boden, der hinten und vorn Luken hatte, leer, diente aber zum Wäschetrocknen.

Die Wohnung bestand aus einer Stube vorn heraus, in welcher gearbeitet wurde und welche zugleich Wohnzimmer der Familie war, und einer Stube nachdem Hofe, in der die Groß­mutter wohnte. Zwischen beiden lag die kleine Küche, welche ihr Licht mittels eines Zwischenfensters aus dem Zimmer der Großmutter empfing, und daher sehr dunkel war, zumal der Bauch die Fensterscheiben weit öfter trübte, als sie gereinigt wurden. Dicht unter jenem Zwischenfenster stand der große Bmboß And an der Seite die Ziehbank. Der Tür gegenüber lag der Feuerherd, gänzlich im Finstern. Da nun beinahe täg­lich Gold oder Silber geschmolzen und zu Blech oder Draht ge­hämmert und gezogen wurde, und da viel vergoldet werden mußte, Geschäfte, die sämtlich mir oblagen, so brannte meist auf dem Herde Kohlenfeuer oder auch die daneben hängende Löt­lampe, und neben dem Kohlenfeuer Holz und Torf zur Be­reitung der Speisen. Bei dem Lichte dieser Feuer mußten die Brbeiten verrichtet werden, was in dem Bauche und der nie weichenden Dämmerung oft kaum möglich war. Meine Tante, die gern unbeschäftigt saß und sich ihren Träumen und Phan­tasien von Bällen, Schauspielen, Lustbarkeiten und Ver­gnügungen überließ, kam nach und nach auf den Einfall, mich zu beauftragen, da ich doch einmal am Feuer stehe, zugleich die Sorge zu übernehmen, die Kasserolle abzu­warten, in welcher das Mittagessen brodelte,' es sei wenig mehr nötig, als das Ueberlaufen, das Bnbrennen und das Busgehen des Feuers zu verhüten. Vas Fleisch kochte in einem Topf daneben. Erst würden die Gemüse im Wasser gekocht, dann, wann sie weich geworden, würden sie ab­gegossen, nun würde das Fleisch und die Brühe dazu getan, Salz und etwas Gewürz nach Erfordern, auch wohl einiges Grüne; das würde mir keine Mühe machen, und könnte ich nebenher sehr wohl abwarten, ohne meine Brbeit zu unter­brechen. So wurde ich nun auch noch Koch, ich wußte nicht