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Nr. 27.

Gemeinöeblatt süröie evangelische Kirebengememüe

Gieszew

Gießen, Sonntag 5. nach Trinitatis, den 8. Juli 1917.

6. Jahrgang

Deutsches Volk, verzage nicht!

Psalm 27, 1 u. 3. Der Herr ist mein Licht und mein heil: vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft: vor wem sollte mir grauen? Wenn sich schon ein Heer wieder mich legt, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht: wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf ihn.

wir senken in all den schrecken und Stürmen des tobenden Krieges zuweilen zurück an das Schicksal, das unser Vaterland im Dreißigjährigen Kriege betroffen hat, das die Feinde unserem Volke jetzt wieder bereiten möchten. Da waren die deutschen Gaue eine öde Wüste, viele Dörfer verschwanden vom Erdboden und versanken in Bsche und Staub. Das werk des deutschen Helden von Wittenberg schien dem sicheren Untergange geweiht zu sein. 3m Jahre 1629 forderte der Kaiser Ferdinand II. in dem berüchtigten Be- stitutionsedikt von den Protestanten die Rückgabe aller seit dem passauer Vertrag von 1552 in ihren Besitz gekommenen Güter an die katholische Kirche. Die Durchführung des Edik­tes wurde sofort unternommen, und die Sache der Evange­lischen schien verloren. Immer mehr schmolz die Zahl der Be­kenner des reformatorischen Glaubens zusammen. Zuletzt war nur noch ein kleines Häuflein übrig. Und doch: ,»Ver­zage nicht, du Häuflein klein!" So hat der Pfarrer Blten- burg in seinem bekannten Siede, das auch in unserem Ge­sangbuch zu finden ist, gerufen. Er spricht der stark bedrohten evangelischen Kirche Mut zu. Es ist ja Gottes Sache, für die sie kämpft, under wird durch einen Gideon, den er wohl weiß/dir helfen schon, dich und dein Wort erhalten." Diese Verse schrieb der Dichter, wie aus neueren Forschungen her­vorgeht, im Jahre 1629, als die evangelische Sache tatsäch­lich verloren schien. Und ein Jahr später hat Gott den Gideon gesandt, den Schwedenkönig Gustav Bdolf, einen frommen Protestanten, der seinen schwerbedrängten deutschen Glau­bensbrüdern zu Hilfe eilte und sie vor dem sicheren verderben rettete.

Können wir diese Verse nicht auch auf die Gegenwart anwendea? Kuch unser deutsche- Volk mit seinen wenigen Bundesgenossen ist ein kleines Häuflein gegenüber der Welt, die gegen uns steht, wir wollen es uns nicht verbergen, es ist doch eine sehr schwere Lage, in der wir uns befinden. Buch unsere Zeinde sind willens, uns gänzlich zu zerstören,

und suchen unfern Untergang, ,,sie suchen" unser Vaterland ZU zerstückeln, wenn wir daran denken, was alles gegen uns aufgeboten wird, wie unsere Feinde weder Gut noch Blut scheuen, um ihre Vernichtungspläne zu verwirklichen, so kann uns wohl angst und bange werden, auch wenn wir keine verzagten Gemüter sind. Bber doch gilt es für unser deutsches Volk heute: verzage nicht! Gott hat es oft schon wunderbar erwiesen, daß er helfen kann. Er hat es erwiesen auch im Dreißigjährigen Krieg, wo schließlich die Sache Lu­thers doch zum Siege gelangt ist' er hat es auch erwiesen im Siebenjährigen Krieg, in der Zeit der tiefsten Erniedrigung des deutschen Volkes durch die drückende Fremdherrschaft des korsischen Gewalthabers und im Jahre 1870. Buch jetzt wird er uns den Gideon senden, der uns aus der schweren Lage befreit, vielleicht eher, als es menschlichem Ermessen nach den Bnschein hat, jedenfalls aber zur rechten Zeit. Er weiß es am besten, wann der Bugenblick gekommen ist, dem Tode Ein­halt zu gebieten, der schon seit drei Jahren auf den Schlacht­feldern in Ost und wes^Glutige Ernte hält.

Noch in einem anderen Sinne gilt uns der Nuf des Dichters Bltenburg. wir stehen im Neformationsjubeljahr 1917. Bllerorten rüstet der evangelische Teil unseres Volkes trotz des Ernstes der Zeit zu einer würdigen Feier. Bber wenn wir auf den Glaubensstand der Glieder unserer evangelischen Kirche auch in vielen Städten und Landgemeinden blicken, so scheint uns oft recht wenig erhalten zu sein von dem großen Gut, das Luther und die anderen Großen uns geschenkt haben. Ueberblicken wir die Zahl unserer sonntäglichen Gotteshaus­besucher, das ist wahrlich oft nur ein kleines Häuflein. Die Feinde sind auch hier am Werk, das große Gut der Reforma­tion zu zerstören. Doch verzage nicht, du Häuflein klein!

welch unendliche Kraft haben die Keformatoren durch ihren starken Glauben gehabt ! wie hat Luther tapfer standge­halten in Worms vor Kaiser und Reich ! Da ist der Geist seines Schutz- und Trutzliedes zum Busdruck gekommen:Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlin­gen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch ge­lingen." Darum laßt uns treu festhalten an dem großen Erbe der Väter und dann ist Gott auch unsere feste Burg, dann verzagen wir nicht. Dann ist Gott mit uns und wir sind mit Gott. Dann erlangen wir den Sieg, vor allem über den